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Solidarisch zum Erfolg

Mehr Zeit, Geld und Wissen: Wie die Niederländer ihre Parasportler fördern

  • Von Felix Lill, Tokio
  • Lesedauer: 4 Min.

Nach dem Spiel rollt Carina de Rooij durch die Mixed Zone, wo Journalisten auf Athleten treffen, und klatscht souverän mit ihren Kolleginnen ab. Das unaufgeregte Verhalten erklärt: Hier ist nichts Besonderes passiert. Dabei haben die niederländischen Rollstuhlbasketballerinnen gerade Algerien mit 109:18 besiegt. Haushoch und doch erwartbar. »Wir hätten schon gerne Gold«, sagt de Rooij später, als könnte sie es sich aussuchen. 2018 wurden die Niederländerinnen Weltmeisterinnen, 2016 in Rio holten sie bei den Paralympics Bronze. Geschieht nichts Unerwartetes, werden sie in Tokio wohl Gold holen. Sie gelten als Maß der Dinge.

Auf Athletinnen und Athleten aus den Niederlanden trifft das relativ häufig zu. Nicht nur im Rollstuhlbasketball muss, wer Gold gewinnen will, zuerst an ihnen vorbeikommen. Auch im Rollstuhltennis, Radfahren, Schwimmen und der Leichtathletik steht auf dem Siegertreppchen auffallend häufig jemand in einem orangefarbenen Trainingsanzug. In Tokio holte das Land allein in der ersten Wettkampfwoche 13-mal Gold und 29 Medaillen. Deutlich besser als Deutschland, obwohl die Bevölkerung nur ein gutes Fünftel der deutschen ausmacht.

Die Niederlande gehören zu den Hochburgen des Parasports. Insgesamt haben zwar große Länder wie die USA, Großbritannien und Deutschland über die Jahrzehnte deutlich mehr Medaillen gewonnen. Berücksichtigt man aber die geringere Bevölkerungsgröße, steht Holland gemeinsam mit den skandinavischen Ländern im historischen Medaillenspiegel ganz oben.

Aber was machen diese Länder besser als zum Beispiel Deutschland, das im Pro-Kopf-Vergleich nur auf Platz 20 landet, oder die USA (38) und Gastgeber Japan (50)? Rollstuhlbasketballerin Carina de Rooij glaubt, das Erfolgsgeheimnis ihres Landes sei das Betonen von Inklusion, also der Idee, dass nicht nur legale Chancen, sondern auch tatsächliche Teilhabe entscheidend ist. »In Holland kriegt jedes Kind mit einer Behinderung einen Rollstuhl oder eine Prothese, oder was es eben braucht - vom lokalen Bezirk bezahlt.«

Rollstühle und Prothesen können mehrere Tausend Euro kosten. Aber dem niederländischen Staat ist es das offenbar wert. »In Deutschland können Kinder mittlerweile auch über ihre Krankenkasse Sportprothesen erhalten«, sagt Weitspringer Markus Rehm. Seit einem Sportunfall als 14-Jähriger fehlt dem Leverkusener der rechte Unterschenkel, er springt heute mit seiner Prothese jedoch weiter als die allermeisten Nichtbehinderten. »In meiner Kindheit gab es aber viel weniger Unterstützung. Ich habe mit 19 durch Zufall zur Leichtathletik gefunden und dann durch meinen Verein meine erste Prothese erhalten«, blickt er zurück.

Dass die Niederlande besser dastehen als Deutschland, ist mit Blick auf die politischen Strukturen nicht weiter verwunderlich. Politologen ordnen Holland in Bezug auf die Gesundheitspolitik oft als »sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaat« ein, also ein System, das wie die skandinavischen Länder auf die Prinzipien Solidarität und Universalismus setzt. Grob zusammengefasst: Alle zahlen in einen Topf ein, jeder ist Teil des Systems. In Deutschland haben diverse Berufsgruppen ihre eigenen Kassen, Besserverdiener bevorzugen zudem oft private Kassen, was die Idee gesamtgesellschaftlicher Solidarität untergräbt. So werden Personen mit besonderen Notwendigkeiten tendenziell benachteiligt, weil für sie das Geld fehlt.

Mit Blick auf den Behindertensport ist die Idee aktiver Inklusion noch anderswo entscheidend, meint Markus Rehm: »In Holland sind sie viel besser als wir, Jugendliche zum Sport zu holen.« Heinrich Popow, der 2012 Gold für Deutschland im Sprint gewann und sich heute in der Sportförderung engagiert, glaubt den Grund dafür zu kennen: »Das größte Problem ist der Datenaustausch. Es gibt jede Menge Jugendliche, die gern Parasport treiben würden. Aber die werden nicht aufgeklärt und informiert. Die Krankenkassen dürfen die Leute nicht vermitteln.« In Leverkusen, dem größten Para-Stützpunkt, suche man händeringend nach Nachwuchs.

Hat man die Athleten dann gefunden, können diese in den erfolgreichsten Ländern auch häufig besser trainieren. »Wir haben Zugang zu denselben Anlagen wie nicht behinderte Athleten«, sagt etwa die Rollstuhlbasketballerin Carina de Rooij. »Es ist bei uns noch nie ein Problem gewesen, gute Hallenzeiten zu kriegen. Wir können zweimal am Tag trainieren.« Aus deutscher Sicht »ist das leider nicht selbstverständlich«, sagt Markus Rehm dazu. Zudem mangele es an geschultem Personal. »Es wissen viele Trainer nicht, wie man mit Parasportlern trainieren muss«, so der Weitspringer.

Was man dagegen schon weiß: Die Frage des Lebensunterhalts ist entscheidend. Die Deutsche Katrin Müller-Rottgardt, die als sehbehinderte Sprinterin schon Weltmeisterin geworden ist und nun in Tokio eine Medaille anpeilt, berichtet von großen Unterschieden. »Andere Länder sind da schon lange viel weiter als Deutschland. Großbritannien und sogar Brasilien haben großzügigere Programme als wir. Aber es verbessert sich jetzt auch bei uns.« Müller-Rottgardt ist im Fördersystem der Bundeswehr, das für Parasportler erst seit 2013 besteht.

In den Niederlanden ist das wiederum nichts Neues. »Als Elitesportler erhalten wir den Lebensunterhalt bezahlt. Das ist nicht viel, aber es reicht aus und man kann dazuverdienen«, sagt de Rooij. Ob es auch bei ihr noch etwas gibt, das dringend verbessert werden müsste? Die Basketballerin zuckt mit ihren breiten Schultern. »Nein, ich glaube, wir haben ein ziemlich gutes System.«

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