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»Wir sind am Wendepunkt«

Aktivistin Michelle Grunwald spricht im nd-Intview über das anstehende Klimagerechtigkeitscamp

  • Von Louisa Theresa Braun
  • Lesedauer: 6 Min.
Bereits 2019 gab es ein Klimacamp im Berliner Regierungsviertel.
Bereits 2019 gab es ein Klimacamp im Berliner Regierungsviertel.

Am 6. September startet das Klimagerechtigkeitscamp im Berliner Regierungsviertel, neben dem Haus der Kulturen der Welt. Klima-Aktivist*innen aus ganz Deutschland werden dort campen, die Zeit vor und nach den Wahlen mit Aktionen begleiten - und zwar ohne festgelegtes Ende, gemäß dem Motto: »Wir bleiben, bis ihr handelt!« Heißt das, dass freitags streiken nicht mehr ausreicht, sondern ihr neue, kreativere und radikalere Protestformen braucht?

Es ist in den letzten Jahren ganz deutlich geworden, dass freitags streiken nicht mehr ausreicht. Die Klimakrise wurde in ihrem Ausmaß von der Bundesregierung immer noch nicht anerkannt. Wir sind jetzt an einem Wendepunkt: Die Koalitionsgespräche werden den Weg für die nächsten vier Jahre ebnen und das ist super wichtig für die Klimaentwicklung. Wir möchten darauf aufmerksam machen und Präsenz zeigen, wenn die Politiker*innen über unsere Zukunft entscheiden. Und wir möchten Menschen aus ganz Deutschland die Möglichkeit geben, dabei zu sein und ihnen in Berlin einen Ort mit Schlafmöglichkeit geben. Außerdem soll das Camp ein Anlaufpunkt für Menschen sein, die sich mit dem Thema Klima noch nicht so vertraut fühlen, um sie zu informieren und bestenfalls zu politisieren.

Ihr fordert nach wie vor die Einhaltung der 1,5-Grad-Grenze. Viele Klimaforscher sagen, dass das gar nicht mehr möglich sei und wir Glück haben, wenn wir bei zwei Grad die Kurve kriegen. Woher nehmt ihr diesen Optimismus?

Wir müssen den haben, weil ihn sonst niemand hat. Wir wissen natürlich, dass alle Maßnahmen gegen die Klimakrise weltweit gerade nicht ausreichen und uns über zwei Grad bringen werden, das ist uns bewusst. Wir sehen, was gerade passiert in der Welt: Hochwasser, Hitzewellen, Waldbrände. Damit müssen wir leben lernen, aber wir müssen auch versuchen, die Katastrophe so gut es geht zu verhindern. Es bringt ja nichts zu sagen: »Es ist eh zu spät.« Wir haben in den letzten Jahren zwar schon so viel gegeben und dafür ist noch lange nicht genug passiert, aber der Optimismus ist immer noch da. Egal, was wir tun, es wird nicht dazu führen, dass es schlimmer wird.

Nun steht ja nicht nur die Bundestags-, sondern auch die Berliner Abgeordnetenhauswahl an. Was fordert ihr von der Berliner Politik?

Erst mal müssen fossile Energieträger raus aus Berlin und dann auch die Verbrenner. Ein Drittel der Emissionen in Berlin wird durch den Verkehr verursacht. Der Nahverkehr muss ausgebaut und zugänglicher gemacht werden. Die Bezirksgruppe von Fridays for Future Charlottenburg fordert außerdem, das Fahrradwegenetz auszubauen, sichere Radwege, mehr Fahrradstellplätze und härtere Strafen für Autos, die auf Fahrradstreifen parken. Wir brauchen die Energie- und die Verkehrswende.

Es geht bei dem Camp aber nicht nur um den Protest, sondern auch um einen diskriminierungsfreien Raum für Workshops, Diskussionsrunden und Musik. Also darum, positive Stimmung, ein bisschen Utopie zu erschaffen?

Ja, wir wollen uns den Aktivismus auch einfacher machen. Aktivismus ist anstrengend, und deshalb ist es wichtig, positiv an die Sache herangehen, weil wir für die anstehenden Aktionen Energie brauchen. Utopie ist immer so ’ne Sache, weil wir alle eher realistisch sind, aber wir können es ja im ganz Kleinen versuchen, indem wir uns gegenseitig unterstützen. Die Workshops sind zum Austausch gedacht und durch die Musikacts versuchen wir neue Menschen zu mobilisieren.

Berlin ist für Aktivismus bekannt. Ist die Hauptstadt auch deswegen der richtige Ort für so ein Klimacamp?

Ich glaube sogar, dass so ein Camp total wichtig ist für Berlin, damit diese unglaublich vielen politischen Bewegungen sich vernetzen können. Wir müssen mit anderen Bewegungen, die für globale Gerechtigkeit kämpfen, wie zum Beispiel der Seebrücke oder der Migrantifa, zusammenarbeiten und uns gegenseitig stärken. Auch das ist wesentlich einfacher, wenn man einen gemeinsamen Ort dafür hat.

Wie lief die Organisation und welche Gruppen sind an dem Camp beteiligt?

Wir planen das Camp seit Januar und am Anfang ging es vor allem um die Vernetzung der unterschiedlichen Bewegungen aus ganz Deutschland. Beteiligt sind unter anderem Fridays, Students und Vegans for Future, Extinction Rebellion, Menschen aus der Hochschulpolitik verschiedener Unis, viele Studierende. Es gibt nun Untergruppen für bestimmte Aufgabenfelder, zum Beispiel für die Infrastruktur, die Polizeianmeldung oder das Programm. Wir organisieren uns über Telefonkonferenzen und freuen uns total, uns bald alle wirklich mal zu sehen!

Wie viel Zeit hast du zuletzt in die Planungen gesteckt?

Insgesamt bestimmt zehn bis 15 Stunden in der Woche. Wir sind sicher alle mit etwa zehn Stunden dabei.

Das muss man sich auch leisten können. Fridays for Future wird oft dafür kritisiert, eine Akademiker*innenbewegung zu sein. Studierende haben am ehesten die Möglichkeit, sich die Zeit zu nehmen. Viele andere Menschen müssen arbeiten. Wie geht ihr damit um, dass nicht alle die gleichen Möglichkeiten haben, sich einzubringen?

Wir wissen das natürlich und nehmen Rücksicht darauf, wenn Leute arbeiten müssen. Wir sind eine sehr junge Bewegung, das heißt, viele müssen auch noch zur Schule. Aber wir haben echt viele Menschen, die das einfach wollen und es in die Zwischenzeit reinschieben. Wir laufen alle auf 180 und hatten alle schon ein paar Burnouts. Das passiert vor allem, wenn man sehr jung ist und seine Obergrenze noch nicht so gut kennt. Es ist aber einfach jetzt die Zeit, in der politischer Druck aufgebaut werden muss, und deshalb wollen wir das jetzt auch. Trotzdem freuen wir uns umso mehr auf den 6. September, weil der Organisationskram dann endlich vorbei ist und wir einfach mal gemeinsam frühstücken und ein bisschen Druck rausnehmen können.

Wie wird das Camp versorgt und wer zahlt das?

Es wird Trinkwasser, Komposttoiletten und in den ersten drei Wochen auch eine Küche geben. Finanziert wird alles durch Spenden von größeren Bewegungen und NGO’s. Trotzdem sind wir darauf angewiesen, dass auch Privatpersonen spenden, die zum Camp kommen, aber ich denke, das schaffen wir. Wer kann, der gibt und wer nicht, der nicht.

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Ihr sucht auch noch Menschen, die helfen. Wo können die sich denn melden?

Wer Interesse hat, kann auf der Website ein Formular ausfüllen, uns eine Mail schicken oder auch einfach beim Camp vorbeikommen. Es wird immer was zu tun geben: Ordner*innenschichten, in der Küche helfen, beim Programm unterstützen oder eigene Ideen einbringen - davon leben wir ja auch.

Kannst du schon konkrete Programmpunkte verraten?

In der ersten Woche kommt die Fahrradprotestbewegung »Ohne Kerosin nach Berlin« an. Mit denen machen wir den Freitagsstreik am 10. September als Fahrrad-Demonstration und am Abend gibt es im Klimacamp ein Konzert der Band Brass Riot. An dem Wochenende vom 11. und 12. September machen die Omas gegen Rechts ein Festival der Zukunft am Washingtonplatz. Ganz groß wird der 24. September, der nächste globale Klimastreik und die größte Aktion vor der Wahl, zu der einige bekannte Künstler*innen kommen werden. Da werden wir versuchen, so viele Menschen wie möglich zu mobilisieren und zu zeigen, wie wichtig Klimagerechtigkeit ist.

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