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Die Satzzeichen starben als Erste

Vor 80 Jahren begann die Blockade in Leningrad: Polina Barskova will das Leid der Einzelnen erzählen

  • Von Michael Wolf
  • Lesedauer: 4 Min.

Vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944 hatte die Wehrmacht Leningrad eingeschlossen. Kriegsziel war die völlige Zerstörung der Stadt und die Auslöschung ihrer Bevölkerung. Zu diesem Zweck kappten die Deutschen die Versorgungslinien. Schätzungen zufolge starben über eine Million Zivilisten, die meisten an Unterernährung.

So knapp und nüchtern könnte man von der Leningrader Blockade sprechen, indem man sie in der zeitlichen Ferne belässt und sich auf Fakten und Zahlen konzentriert. Eine solche Perspektive erleichtert die Arbeit mit der Vergangenheit, aber wird sie dieser auch gerecht? Dagegen spräche, dass diese Beschreibung die Farbe des Zahnfleisches verschweigt, wenn Skorbut die Körper ergreift; sie weiß nichts von den »Schneeglöckchen«, wie die Zivilbevölkerung die Leichen nannte, die das Straßenbild prägten, und kann den Wahnsinn nicht vermitteln, in den Hunger, Kälte und Luftangriffe die Eingeschlossenen trieben.

Solche Einbußen einer historischen Darstellung liegen in ihrer kühlen Sprache, die das Leid auf Abstand hält und es auf Abstand halten muss, um Klarheit und Übersicht zu erlangen. Wer sich dieser barbarischen Zeit wirklich nähern, in ihre Dunkelheit eintreten will, braucht hierfür eine andere, eine versehrte Sprache, muss den eigenen Wörtern Wunden zufügen, um sodann den Schmerz aus ihrem gebrochenen Klang herauszuhören.

»Die verschwindenden Konjugationen-Deklinationen, Wort um Wort, wie Fett und Zucker im November. Kommas und Gedankenstriche werden blasser und straucheln, machen keinen Sinn mehr, hören auf zu atmen, zerfließen. Die Satzzeichen starben als Erste in den Blockadetagebüchern, überflüssige Zeichen wie überflüssige Menschen, ohne Bezugsschein, geflohen aus Luga und Gattschina«, notiert Polina Barskova, über die Tagebücher aus der Zeit der Besatzung gebeugt. Die 1976 in Leningrad geborene und heute in den USA lehrende Literaturwissenschaftlerin gilt als Expertin für die Literatur der Blockadezeit. Und sie ist Lyrikerin, hat bereits acht Gedichtbände vorgelegt – in »Lebende Bilder«, ihrem ersten Prosaband nähert sie sich ihrem Thema auf literarische Weise, um die Geschichten all der Einzelnen aus der großen Geschichte zu befreien.

Denn das Schicksal der Eingeschlossenen ist bis zuletzt instrumentalisiert worden; in der Sowjetunion galten sie als sozialistische Märtyrer, die mit eisernem Widerstand dem Faschismus trotzten: Erst starben sie wie Tiere, dann musste man ihrer als Helden gedenken. Barskova aber begibt sich auf die Suche nach den Menschen, den Einzelnen, den Individuen. Im titelgebenden Text, einem kurzen Theaterstück, lässt sie ein Liebespaar in der Eremitage ausharren, der Mann, ein junger Künstler, notiert manisch den Verfall der beiden, ihr Hungerleiden, ihre Panik, ihre Resignation. »Der Archivar setzt die Seelen von einer Akte in die nächste über, von einer, aus der sie nie jemand hören wird, in eine andere, aus der vielleicht doch irgendwer – wenigstens ganz kurz ...«

Es geht Barskova um die Verlebendigung des Archivs mit literarischen Mitteln, um eine Art von Wiederauferstehung. Sie probiert mal dieses, mal jenes literarische Verfahren aus: autofiktionale Prosa, klassische Shortstory, Collagen, Essays. Im Eingangstext »Der Vergeber« kombiniert sie Texte von Eingeschlossenen mit Reflexionen darüber, wie ein Frieden zu machen wäre, wenn das Trauma nachwirkt, der Krieg noch im eigenen Körper tobt. Neben Leningrader Dichtern und Tagebuchschreibern lässt sie hier auch den Holocaust-Überlenden Primo Levi zu Wort kommen. Später treten noch der bettlägerige Pablo Picasso, der Marquis de Sade und Modern Talking auf und immer wieder das Personal des griechischen Olymp: »(ich glaube, die Erinnerung funktioniert wie eine Suppe, durch die man das Löffelruder zieht, und dabei tauchen in überraschender Reihenfolge überraschende Dinge auf)«.

So assoziativ und heterogen die Texte auch sind, ein sich durchziehendes Motiv sind die Mythen: jene Narrative, die ständig verändert, variiert und neu erfunden werden, wie sie zugleich auch eine Kultur grundieren. Beben an dieser Basis reißen Löcher in ganze Gesellschaften und hinterlassen Traumata bei den Menschen, drücken Menschen wie Städten ihren Stempel auf. Die Autorin sammelt diese Dokumente der Gewalt und versucht das Vergangene, auf das sie verweisen, ins Recht zu setzen. Soll heißen: in einen Zustand, der ihm entspricht.

Immer wieder taucht auch ein »Du« auf, die Beschwörung von jemandem, der einmal war oder erst noch sein wird. Es scheint mitunter, als wären diese Texte Selbstgespräche der Toten oder Niemals-Geborenen, als wären sie gar nicht zum Lesen gedacht, sondern nur zum »Geschrieben-worden-Sein« verfasst, um der Erinnerung ihre Gültigkeit, ihre Berechtigung zu versichern.

Eine Erinnerung, die nicht nützlich zu sein braucht, die sich nicht folgsam einreiht in die Kausalketten des Historischen. Denn welcher Grund, welche Logik, welcher Sinn sollte da verborgen sein in 900 Tagen Hunger? Was man der Vergangenheit schuldet, ist, das vergangene Leid als erlebtes anzuerkennen. Über die Jahrzehnte hinweg auf die Klagelaute zu horchen, statt nur ihr Echo zu verzeichnen.

Polina Barskova: Lebende Bilder. A. d. Russ. v. Olga Radetzkaja. Suhrkamp, 218 S., geb., 22 €.

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