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Yeah, legendärer Stoff

Was ist die Verbindung von William S. Burroughs und Rock ’n’ Roll?

  • Von Matthias Penzel
  • Lesedauer: 5 Min.
Nebenwirkungen ohne Ende? Burroughs lebt ikonografisch weiter
Nebenwirkungen ohne Ende? Burroughs lebt ikonografisch weiter

William S. Burroughs war – auch der eigenen Einschätzung nach – weder Punk noch dessen Pate. Er tanzte eben auf mehreren Hochzeiten, zwischen Stühlen lebt es sich schon mal deshalb besser, weil man nicht Platz nimmt.

Die Spuren, die Burroughs im Rock ’n’ Roll hinterlassen hat, reichen weiter, gehen tiefer. Viralen Kolonien gleich gibt es ganze, kaum sichtbare Netzwerke zwischen Musikern und Künstlern, die sich der Unterwanderung konventioneller Machtstrukturen verschrieben haben, losen Verbunden aus Punks und Freaks oder multimedial aktiven Leuten wie Adam Yauch von den Beastie Boys, dessen Firma Oscilloscope Laboratories beispielsweise die DVD der Burroughs-Doku »A Man Within« (2011) vermarktet.

Für Adam »MCA« Yauch, Jahrgang 1964, und von den Klängen Steely Dans oder Soft Machines Lichtjahre entfernt, war sowohl die künstlerische als auch die gesellschaftliche und kulturelle Relevanz von Burroughs vollkommen selbstverständlich; genauso selbstverständlich wie die Beastie Boys von Hardcore-Punk über Hip-Hop zu Jazz/Funk wuchsen, von Party-Gebrüll zu instrumental Freestyle … und wie sie – genauso schnurstracks – vor Gericht über Besitz und Copyright gestritten haben und Platten als Stream im Netz versendeten ... Egal, in welche Schublade man ihren Sound zwängen mag, den Beastie Boys ging es »stets um eine bestimmte Haltung: Mach es selbst, lass dir nicht reinreden!«, wie sie im »Spiegel« 2011 betonten.

Éminence gris vs. Metal Guru

Im Rock/Pop oder Rock ’n’ Roll oder im Rahmen der Beatwelle tritt Burroughs schon 1967 in Erscheinung. Auf dem ersten Klappcover einer Langspielplatte. Bei dem von bloßem Schlager, vom Beat-/Pop-Musik weglenkenden Beatles-Album »Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band« wird er zwischen Marilyn Monroe und dem Guru Sri Mahavatar Babaji platziert. Macht ihn das zum »Rock ’n’ Roll Hero«?

Oder ist Burroughs – für die Beatles neben unzähligen Pappkameraden, für die mit dem Devil sympathisierenden Stones in Tanger – lediglich eine süffisant clever eingefädelte Chiffre? Ein Accessoire wie die Flasche Jim Beam in den Händen der hartgesottenen Rocker, so wie die Narbe in der Armbeuge, das Tattoo von Kellnerinnen in den Szenekneipen heute?

Ist der Hinweis auf WSB einfach eine kopierte Geste, eine Art Verdienst-Orden, blechern und billig wie ein an die Lederjacke gehefteter Button? Falls ja: Chiffre für was? Und wenn nein: Warum ausgerechnet er?

Wie ehrlich oder wahrhaftig oder authentisch sind die Glaubensbekundungen, die Referenzen, die ihm erteilt werden? Ist das überhaupt wichtig? Wenn ein Popstar seine Affinität zu Burroughs – statt Adam Smith – trägt wie einen Ritterorden, was bedeutet das dann? Wie ist es zu verstehen, zu bewerten?

Children of the Revolution

In der Musikszene zum Ende der Sechziger, im Nachbeben von Swinging London, ist Burroughs auf jeden Fall omnipräsent. Psychedelic-Bands benennen sich nach Stellen in seinen Büchern. Für die britische Version der US-Postille für die Gegenkultur, »Rolling Stone«, plant Jonathon Green einen Essay von Burroughs, doch die Kooperation der ’68 eher Fashion-orientierten denn an Politik interessierten Briten mit den hippiesken Amis kollabiert. So wandern Burroughs’ Gedanken stattdessen in den »Oz«-Ableger »Friends/Frenz«. Der Hauch von Zensur liegt noch in der Luft, verboten das ganze Leben des Amerikaners, der in Mexiko seine Frau erschossen hat, der in Brion Gysins Cafe »1001 Nights« auf Cold Turkey war ... und als die Dekade ausrollt, zerfallen die Beatles, stirbt Hendrix, und die Rolling Stones wechseln in den Jetset der Dekadenz.

»Wir alle waren die Kinder von Burroughs«, erinnert sich Marianne Faithfull in ihrer Autobiografie (1994) an die Episode, als sie mit den Rolling Stones und deren Tross zu der Zeit das erste Mal in Marokko einlief. »Als ich ihn in Tanger traf, hatte ich einen Flash, mir wurde plötzlich klar, was ich zu tun hatte. Ich wollte ein Junkie werden.« Andere sind ihr bereits ein paar Schritte voraus. Und Brian Jones geht noch weiter. Auf jeder Ebene. Als sich die Rolling Stones an die Spuren der Beats in Tanger heften, stiefelt er ins Atlas-Gebirge, um dort Gysins großer Liebe nachzuforschen.

Die Freundschaft zu Burroughs reicht über den Tod von Brian Jones 1969 hinaus, als Burroughs Radio-Jingles aufnimmt, um das Album »Brian Jones presents the Pipes of Pan at Joujouka« zu promoten. Der Traum Brion Gysins in diesem Labyrinth der Referenzen: die repetitive, a-harmonische Trance-Musik von dem ersten Ex-Stone gilt als einer der Grundsteine in der Minimalmusik von Steve Reich und Vangelis. Die geheimnisumwittert magischen, scheinbar endlos hypnotischen Beats der Berber im Atlas-Gebirge, am Aufnahmegerät Brian Jones, Monate vor seinem Tod im Swimmingpool: bleibt. Das Album gilt denen, die es gehört haben, als schrecklichste oder genialste Platte überhaupt.

Und um exakt diese finale Phase im Schaffen Brian Jones’ – hören, aufnehmen, vervielfältigen – rifft und dreht und wirbelt Jahrzehnte später eine Shortstory des ehemaligen Garage-Rockers Greg Kihn: »Mirror Gazing with Brian Jones« (2003). Nebenwirkungen ohne Ende? Yeah. Legendärer Stoff. Stoff von Legenden.

Revolution #9

Dauernd mittendrin oder am Rand: Burroughs. Immer mehr als ein bloßer Schriftsteller. Er hat mehr gemacht, als Worte auf Papier getippt. Zunächst hat er, bevor er das getan hat, ziemlich lange gelebt, viel erlebt. Gelebt erlebt überlebt. Länger mehr besser. Keine auf Konsum und Markt zugeschnittene Kunst, sondern Medium und Message an den Grenzen ausgeleuchtet. Genau das ist eben nicht Pop, es ist Rock ’n’ Roll.

Es geht um die Einstellung, die attitude. Eine Art Leben. Überleben. Rolle rückwärts, slight reprise revisited, zu V. Vale und einem von dessen Lieblingsstatements Burroughs’: »It is necessary to travel. It is not necessary to live.«

Daher ab hier statt Katalogisierung etlicher Colaborations mit Rockern und Musikern, Punks und Hip-Hop-Acts: Spurensuche, bislang unterschiedlich schwach beleuchtet. Die unsichtbaren Spuren von El Hombre Invisible. Im Rock ’n’ Roll. Bis in die jüngste Vergangenheit.

Vorabdruck aus: Matthias Penzel: Westlich von Mitternacht. Burroughs und der Rock ’n’ Roll. Mit einem Auftakt von Margita Haberland und digitalen Montagen von Gregor Kunz. Moloko Print, 66 S., br., 15 €. Erscheint demnächst.

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