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Der Kanzlertrick des Olaf Scholz

Masken, unter denen nichts verborgen ist: Das war die Triell-Show

  • Von Marlon Grohn
  • Lesedauer: 7 Min.

In einer »Simpsons«-Episode aus den 90er Jahren landen die beiden außerirdischen Bösewichte Kang und Kodos in den USA und greifen in den US-Wahlkampf zwischen Bob Dole und Bill Clinton ein. Um sich die Menschheit zu unterwerfen, bedienen sie sich des demokratischen Wahlsystems: Sie ziehen die beiden Präsidentschaftskandidaten aus dem Verkehr, bemächtigen sich ihrer äußeren Erscheinung und treten im Wahlkampf fortan unter deren Masken auf. Während eines Wahlduells streift ihnen Homer Simpson die menschlichen Hüllen ab – zum Vorschein kommen die zwei Monster, die ihre Schreckenspläne daraufhin offen zugeben. Gewählt wird Kang später mangels Alternativen trotzdem.

Die Aktion Homers hat nichts gebracht, sie war ein rein symbolischer Akt: Versklavt worden wären die Menschen von den Aliens ohnehin, ob mit oder ohne Menschen-Maske.
Die Vorstellung, dass sich hinter den öffentlichen Masken das Böse, Außerirdische, Unergründliche, Abstrakte – also Mystifizierungen des kapitalistischen Wertgesetzes – verberge, ist inzwischen Folklore: Jedes Kind weiß von der Tatsache der Masken.

Was aber, wenn die Maske tatsächlich schon alles ist, wenn unter der Maske nichts mehr verborgen ist, sondern das Schreckliche ganz offen – als das Gewöhnliche – auftritt?
Das Triell ist eine TV-Show und funktioniert nach TV-Gesetzen; es ist in seiner Funktion also nur zu begreifen, wenn man es als Schauspiel betrachtet. Die Masken symbolisieren Rollen, die gesellschaftliche Verhältnisse und Interessen repräsentieren. Da aber alle drei Kanzlerkandidaten mehr oder weniger dieselben Klasseninteressen repräsentieren (»Volksparteien«), nur eben auf verschiedene Weisen, d.h. qua verschiedener Rollen, verschiebt sich der Sachgehalt, der etwas über Gesellschaft aussagen könnte, auf die Rollen-Ebene.

Die Rolle Scholz agierte in allen drei Triellen wie einer, der da eigentlich gar nicht hingehört. Innerlich sitzt er schon im Kanzleramt, und er lässt keinen Moment aus, das nonverbal mitzuteilen. Die bloße Mimik, das betont Ruhige und Sachliche, lässt durchblicken, dass er sich für höheres geschaffen hält. Dass er, der eigentlich schon längst Kanzler ist, sich hier überhaupt noch in die Niederungen der Diskussion herablässt, will er, so der Subtext, schon als großzügige Geste verstanden wissen. So verfiel er trotz Laschets Angriffe nie selbst in den Angriffsmodus. Scholz weiß, ihm steht das nicht zu, weil es seine Rolle konterkarieren würde. Dieser ist er sich sehr bewusst, und das unterscheidet ihn von Laschet und Baerbock. Er erzwingt seine Wahrnehmung als zukünftigen Kanzler, indem er die Rolle schon jetzt übererfüllt.

Scholz hat das Prinzip der Charaktermaske so verinnerlicht, dass er es sich sparen könnte, sie noch aufzuziehen. Aber sie passt ihm so gut: Als authentisch gilt, wer mit dem Image, das der Betrieb ihm angeheftet hat, identisch wird. An Scholzens Grad der Identifikation mit der Rolle kommen die beiden anderen Kandidaten nicht heran: Sie hadern noch zu sehr mit der ihnen aufgetragenen Rolle und lassen das immer wieder durchblicken.

Denn eigentlich war die Merkel-Rolle ja für Laschet reserviert. Der aber hob am vergangenen Sonntag noch mal hervor, dass er im Gegensatz zu Scholz nicht Teil der Regierung sei. Er präsentierte sich als Oppositioneller. Das aber bedeutet einen Bruch innerhalb seiner Rolle, die über Jahre als Merkel-Fortsetzung aufgebaut wurde. Baerbock dagegen stieg als Favoritin in den Wahlkampf ein. Gleich beide Rollen übernimmt nun Scholz, und logischerweise will niemand die für diesen geplante Rolle des Underdogs freiwillig übernehmen. Deshalb konnte Laschet in den Shows auch nur verlieren: Lässt er sich von Scholz in die Oppositionsrolle, in die des Antagonisten drängen, wirkt er unsouverän. Stellt er sich aber dar, als habe er das Heft in der Hand, wirkt er lächerlich.

Das Schauspiel, zeigt sich, ist grundsätzlich falsch angelegt, weil es eine Rolle zuviel hat. Was der Neologismus »Triell« in seiner Absurdität bereits andeutet, erfüllt die Aufführung selbst: Es soll ein Duell sein, aber unergründlicherweise mit drei Teilnehmern. Ein Protagonist, zwei Aktivisten – das ist mindestens einer zuviel, und die eigentliche Aufgabe der drei ist es nun, sich in die Duell-Position zu bringen. Baerbock dachte, sie könne das bewerkstelligen, indem sie die beiden anderen Kandidaten einfach als einen behandelt: Die links und rechts von ihr brächten es beide nicht, sagen ihre Gesten; sie sei die eigentlich Herausfordernde, die beiden Männer nur Vertreter ein und derselben alten, falschen Politik.

Im letzten Triell unterstrich Baerbock das Persönliche: Sie habe zwei Kinder. Aus Ratlosigkeit rekuriert ihre Rolle auf die Realität ihrer Trägerin. Aber für den Eindruck der Souveränität zählt, ob sie in der Lage ist, in ihrer Rolle »über sich«, also über ihrer Person zu stehen.

Scholz dagegen hat gelernt, seine Rolle ins Recht zu setzen, ohne rechthaberisch zu wirken. Er tut das, indem er einfach da steht und jeden Vorwurf an sich abprallen lässt, gar nicht erst in eine Verteidigungshaltung abrutscht, die ihn als unsouverän erscheinen lassen könnte.

Die Person Laschet wiederum weiß, sie wurde von ihrer Partei ohnehin nur als zweite Wahl aufgestellt. Ebenso Baerbock. Ihre Rollen aber versuchen das zu verschleiern. Doch wenn die Person weiß, sie ist selbst in der eigenen Partei unbeliebter als die möglichen Alternativkandidaten, drückt sie das – in ihrer Rolle – auch immer irgendwie aus, und sei es durch Körpersprache. Hier zeigt sich, dass die Personen Laschet und Barbock eben noch nicht identisch sind mit ihren Rollen: Baerbock, zwischen den beiden Männern des »Weiter so«, zeigt in allen drei Triellen immer wieder abwechselnd nach links und rechts, wirkt alarmiert.

Aber damit offenbart sie – im Subtext – nur, dass sie nicht verstanden hat, was die Rolle der Kanzlerin bedeutet: Nämlich sich selbst zu präsentieren, etwas zu setzen, nicht oppositionell mit dem Finger auf die anderen zu zeigen. Sie erweckt damit den Eindruck von Hilflosigkeit, den, dass sie sich den Anforderungen an ihre Rolle nicht bewusst ist. Sie zaudert noch zu sehr mit der totalen Entfremdung von ihrer Person und deren Idealen, die der Politik-Betrieb ihrer Rolle abverlangt. Und – das ist ihr Fehler auf der Bühne – man merkt ihr das an.

Wer regieren will, ist dazu gedrängt, den Packen auf sich zu nehmen, nicht bloß den anderen vorzuwerfen, sie bauten Mist. Die Rolle Baerbock hat sich durch alle Shows hindurch in Wahrheit für die Opposition beworben, nicht für die Regierung.

Olaf Scholz dagegen war als einzigem der drei bewusst, dass er, will er auf der Bühne erfolgreich sein, mit seiner Rolle eins werden muss. Das Mittel dazu ist seine Automatwerdung – der »Scholzomat«. Einer Person, die verschmilzt mit der Apparatur, die sie als Rolle nur repräsentieren soll, kann die Maske nicht mehr vom Gesicht gezogen werden. Unter der Maske ist nichts mehr.

Scholz also kommt allein deswegen so gut an, weil die zur Wahl stehenden Kandidaten ja solche fürs Kanzleramt sind und nicht für die beste Opposition. Laschet und Baerbock müssen ins Zänkische verfallen, Scholz tut einfach jetzt schon so, als wäre er Kanzler. Das ist der Trick. Er wusste die ganze Zeit, er muss nur im richtigen Moment in die Merkel-Rolle schlüpfen. Von der hat er gelernt, dass Diskutieren nur schädlich ist – und lässt es deshalb bleiben.

Publikum und begleitende Presse hingegen haben Schwierigkeiten, Personen und Rollen auseinanderzuhalten. Deshalb können sie sich nicht erklären, warum die eine Rolle erfolgreicher ist, die Maske also besser sitzt als die andere. Das lässt sie immer noch an den Mythos glauben, dem Volk sei an Authentizität gelegen. Nichts aber könnte ferner liegen: Wo Armin Laschet ein einziges mal in diesem Wahlkampf authentisch war, nämlich als er im falschen Moment lachte, hatte er die Wahl verloren. Das wiederum sagt weniger über Laschet aus als über das Wahlvolk, die Bundesrepublik Deutschland, und ihre Medien.

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