Frei, selbstbestimmt und FDP-Fan

Warum Christian Lindners Liberale unter Erstwählern stärkste Partei wurden. Eine Spurensuche

  • Von Livia Lergenmüller
  • Lesedauer: 5 Min.

»FDP ist der neue Punk«, statuierte Mario Buschmann, FDP Präsidiumsmitglied am Sonntag bei Twitter. »In den 70ern protestierten junge Menschen unter dem Motto DIY (do it yourself, d. Red.) gegen Konsum und Arbeitsteilung im Markt. Heute heißt DIY Eigenverantwortung als Antwort auf Funktionsunfähigkeit und Übergriffigkeit im Staat«, schrieb er. Mutig, eine nonkonformistische Bewegung, die sich gegen das Bürgertum und rechte Weltanschauungen stellte, mit einer wirtschaftsliberalen Partei zu vergleichen.

Das Ergebnis, das die FDP bei der Bundestagswahl am 26. September bei jungen Menschen einfuhr, ist dennoch ohne Zweifel bemerkenswert. Unter den Erstwähler*innen wurden Christian Lindners Liberale mit 23 Prozent stärkste Kraft. Bei den Unter-30-Jährigen liegt sie mit 20 Prozent der Stimmen auf Platz 2, knapp hinter den Grünen. Glaubte mancher vorher noch, junge Leute würden allesamt freitags auf Demos für mehr Klimaschutz abhängen, scheint es nun, als wolle sich diese Generation ihr Erbe sichern.

Das Ergebnis überraschte auch unter den Erstwähler*innen selbst viele. Auf Twitter konnte man sich vor Kurzanalysen nicht retten, manche*r versuchte gar, das Ergebnis mit dem Einfluss bestimmter Onlineplattformen und Youtube-Stars zu erklären.

Doch der 20-jährige Lukas aus Osnabrück distanziert sich von den diversen Theorien. Er ist seit 2019 Mitglied bei den Jungen Liberalen, die meisten seiner Freund*innen haben auch die FDP gewählt. »Viele wollen uns als Neobroker-Generation abstempeln, die nur Porsche fahren und Rolex tragen wollen«, sagt er gegenüber »nd«. Das sei aber zu einfach gedacht.

»Der Großteil meiner Freunde hat einfach erkannt, dass die Rente, wie sie aktuell läuft, nicht zukunftsfähig ist und auch ich bereite mich aktuell darauf vor, dass ich keine Rente mehr bekomme«, sagt er. Da sei die von der FDP propagierte Aktienrente gut angekommen. »Rente ist kein Thema für alte Leute, sondern gerade für uns junge Menschen relevant«, meint Lukas.

Es sind die greifbaren Themen, die von Bedeutung sind. Digitalisierung scheint dabei das Schlüsselwort schlechthin. Alle Erstwähler*innen, mit denen wir für diesen Text gesprochen haben, betonen, dass dieses Thema ausschlaggebend für ihre Stimmgabe war. Tatsächlich hat die FDP es wie keine andere Partei geschafft, sich das Thema zu eigen zu machen. Ein Blick in die sozialen Medien bestätigt dies: Die Instagram-Feeds der FDP wie auch der Jungen Liberalen sind stilistisch durchdacht und offensichtlich auf ein junges Publikum zugeschnitten.

Entscheidend ist jedoch, dass sich die FDP ein solches Auftreten leisten kann. »Die CDU hat in diesem Wahlkampf am meisten für Social-Media-Kampagnen ausgegeben, und trotzdem wirkt alles ein bisschen cringe«, findet FDP-Wähler Niklas. Gar nicht peinlich findet der 18-Jährige den Social-Media-Auftritt der Liberalen. Bei ihnen wirke alles »authentisch«, weil sie »einfach für Digitalisierung und ein modernes Image« stehe.

Abseits der eigenen Social-Media-Präsenz der Partei hat sich eine regelrechte Fankultur entwickelt: Eine überraschend große Gruppe feiert den liberalen Gedanken und verehrt FDP-Chef Lindner. Der wiederum hält Kontakt und grüßt in den Instagram-Storys großer, junger Accounts zum Beispiel »hedgefonds_henning« oder »bwl_marie«.

Die 19-jährige Julia* hat ebenfalls die FDP gewählt. Sie hat gerade ihr Abitur beendet und beginnt im Oktober ein Jurastudium. Damit ist sie die erste ihrer Familie die studiert. »Die FDP gibt ein Versprechen«, sagt sie. »Mit ihr wählt man Freiheit und eine Zukunft, die man selbst gestalten kann und dahin kommen kann, wohin man will. Woher du kommst, ist dabei unwichtig. Das Geschlecht oder die Herkunft spielen keine Rolle«, glaubt sie. Der sozialliberale Flügel der Partei scheint gute Arbeit geleistet zu haben.

Die Idee der Eigenverantwortung ist für alle Erstwähler ein zentrales Thema. »Während Corona haben viele gemerkt, was ein starker Staat bedeutet, und Eigenverantwortlichkeit zu schätzen gelernt«, meint Julia. Und auch Niklas betont: »Gerade für junge Leute war es schwer zu sehen, wie ihnen alles verboten wurde. Auch wenn die Maßnahmen meist sinnvoll waren.« Buschmann scheint also mit seinem Postulat von »Eigenverantwortung als Antwort auf Funktionsunfähigkeit und Übergriffigkeit« einen Nerv zu treffen.

Aber ist es nicht paradox, dass eine Partei, deren Wahlprogramm sich wie ein Gegenentwurf zu den Forderungen von Fridays for Future liest, ausgerechnet bei dieser Generation punktet? Nein, antworten alle Befragten einhellig. Im Gegenteil sogar: Viele junge Leute haben keine Lust auf den Klimaschutz der Grünen, der auf einem vorgeschriebenen Pfad basiere.

»Wenn Klimapolitik ein Bild ist, geben die Grünen das Bild vor, die FDP lediglich den Rahmen«, findet Niklas. Die Liberalen ließen eben in jeglicher Hinsicht maximalen Freiraum. Antworten auf Zukunftsfragen, ganz ohne persönliche Einschränkungen: Das scheint bei einem großen Teil der Jungen gut anzukommen.

Vom Kult um Christian Lindner distanzieren sich die Erstwähler*innen, mit denen »nd« gesprochen hat. Zugleich halten sie alle ihn für einen »überragenden Rhethoriker« und einen »wirklich guten Politiker«. Und mit Sicherheit ist seine Person nicht wegzudenken, will man den Erfolg der Partei erklären.

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Lindner und seine Mitstreiter*innen haben es geschafft, die FDP entscheidend zu verjüngen und neue Wähler*innenschichten für sich zu begeistern. Man wurde nicht müde, die »Freiheit« als Mantra der Partei bei jeder Gelegenheit zu wiederholen. Nicht die FDP solle man wählen, sondern »die Freiheit«, hieß es. Ein verlockendes Versprechen in pandemischen Lockdown-Zeiten.

* Der Name wurde von der Redaktion verändert.

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