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  • Zeitenwende in Weltwirtschaft

Kooperation statt Konfrontation

Zeitenwende? Wolfram Elsner betrachtet China, USA und Europa nach Corona

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 5 Min.

Wird uns Corona verlassen? Selbst daran zweifeln viele. Die Zukunftsängste der Deutschen haben zugenommen, nicht erst in der Pandemie. Eine Krisenstimmung liegt wie Mehltau über dem Land. Die Ärmeren fürchten schlichtweg um ihren Lebensunterhalt, die etwas Wohlhabenderen um ihre Besitzstände, und die Reicheren sehen gewinnbringende Anlagemöglichkeiten für ihre Finanzen schwinden. Die Zahl der Superreichen ist gewachsen, Corona hat einigen, allen voran dem Lidl-Gründer, kräftige Gewinnzuwächse beschert. »Zeitenwende«? Wer auch nur etwas zu verlieren hat, wird sie nicht ersehnen und doch wissen: Auf derlei Gefühle kommt es nicht an. Dass sich globale Kräfteverschiebungen vollziehen, ist nicht zu leugnen; die damit verbundenen Turbulenzen und Konflikte machen Angst. Aber das vorliegende Buch begegnet diesen Veränderungen nicht in gedrückter Stimmung. Im Gegenteil.

Wolfram Elsner, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bremen, war Leiter des Bremer Landesinstituts für Wirtschaftsforschung und ist nach vielen anderen internationalen Verpflichtungen seit 2015 Gastprofessor an der Jilin Universität in Changchun. Als vor einem Jahr seine brillante Analyse »Das chinesische Jahrhundert« im Westend-Verlag erschien, konnte dessen Untertitel »Die neue Nummer eins ist anders« bei manchen auf Unglauben treffen, die China immer noch als Billiglohnland sehen. Seitdem hat das Thema in der Öffentlichkeit zunehmendes Interesse gefunden, brachten Verlage Publikationen über Geschichte und Gegenwart dieses Riesenlandes auf den Markt, das sich über alle Demütigungen hinweg traditionell als Reich der Mitte sah. Von ihnen unterscheidet sich Elsners Buch durch den globalen Blick, die ganze Welt in einer Wandlung zu begreifen.

Spätestens seit Trump wurde deutlich, dass die USA dabei sind, ihre Führungsrolle einzubüßen. Man hätte sich ja vorher kaum vorstellen können, welchen Ansehensverlust diese Immer-Noch-Weltmacht in kurzer Zeit erlitt. Elsner analysiert, wer Trumps Anhänger waren und sind, warum sein »asoziales Rüpel-Image« so erfolgreich war und findet einen interessanten Bezug zu »Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte« von Karl Marx. Die »entwurzelte und zutiefst frustrierte soziale Basis der amerikanischen Pseudorevolte« wird bleiben, die »explodierende Ungleichheit bei obszönem Reichtum«, die damit einhergehende Kriminalität, Staats- und Infrastrukturverfall, der nie wirklich überwundene Rassismus … lang ist die Liste innerer Probleme, die Biden mit seinem Hilfspaket kaum lösen wird.

Dass der Krieg in Afghanistan, der zwei Billionen Dollar verschlag und Tausenden Menschen auf beiden Seiten das Leben kostete, für die USA mit einem Desaster endete, dürfte auch auf die Innenpolitik Auswirkungen haben. In Europa mag man sich freuen, dass es in Washington mit Biden nun gesitteter zugeht. Mit manch freundlicher Geste sollen Bündnispartner bestärkt werden, um bei der Stange zu bleiben im Kampf gegen die angeblich gemeinsame Gefahr aus dem Osten. Aber China ist Deutschlands wichtigster Handelspartner. Dort realisieren deutsche Unternehmen zum Teil 40 Prozent ihrer Umsätze. Mit Milliardeninvestitionen seien deutsche Konzerne in China engagiert. Ein umfassendes Investitionsschutzabkommen zwischen der EU und der Volksrepublik liegt vor, wurde aber vom Europäischen Parlament noch nicht ratifiziert. Darin sieht der Autor im Ende der »Ära nach Merkel« eine Gefahr.

Allerdings, so bemerkt Elsner an anderer Stelle, braucht China Deutschland nicht, angesichts der engen Kontakte im Format »17+1«. Aber wir brauchen China, das mit der Neuen Seidenstraße das »größte alternative globale Vernetzungsprojekt aller Zeiten« aufbaut.

Ein Großteil des Buches ist den unterschiedlichen Reaktionen auf Corona und dem Washingtoner China-Bashing in diesem Zusammenhang gewidmet. Detailliert wird dargestellt, wie das Virus in der Welt war, bevor es in China entdeckt und analysiert wurde und wieso der Staat dort so schnell damit fertig wurde, während in der USA ein sträfliches Unvorbereitetsein herrschte. Bei vier Prozent Anteil an der Weltbevölkerung habe man es dort geschafft, »etwa 20 Prozent aller Covid-19-Todesopfer zu produzieren«. Die EU reagierte mit chaotischen Grenzschließungen und Entsolidarisierung. China aber habe in dieser Zeit Luftbrücken für Hilfsgüter nach Italien, Spanien, Frankreich, Serbien errichtet und 77 der ärmsten Partnerländer ein Schuldenmoratorium gewährt.

Der Autor wartet mit einer Fülle von Fakten auf und spart nicht mit Polemik, was die krisenhafte Situation in westlichen Ländern betrifft. Vor diesem Hintergrund empört ihn die Art, wie oft medial mit China umgegangen wird. Denn im Unterschied zu den Meinungskriegern kennt er das Land aus eigener Erfahrung. China als neue Nummer 1 würde die USA »gerade nicht als exklusive Welt-Herrschafts-Macht, als Hegemon« ablösen, betont er. Im Gegenteil, in Beijing strebe man »eine Zukunft der multinationalen Verhandlungen und langfristigen verlässlichen internationalen Kooperation« an, von Win-Win-Konstellationen», «wie sie sich in Chinas jahrtausendealter Praxis, Kultur und Philosophie entwickelt hat». Im Westen aber kenne man bislang nur die alte europäisch-angelsächsische, kolonialistisch-imperialistische «Win-Lose-Konstellation», eine 200 Jahre alte Weltsicht des Kampfes und Krieges. Aber wird deren Ablösung ohne Kampf und Krieg vonstatten gehen?

Nein. Einem «heißen Krieg», so Elsner, würde nicht zuletzt die umfassende Partnerschaft China und Russland entgegenstehen. Und auch andere Länder mit wirtschaftlichen Bindungen an beide Mächte, nicht zuletzt durch die Neue Seidenstraße, würden ausgleichend wirken. Dass das bevölkerungsreichste und sich am schnellsten entwickelnde Land der Welt von einer kommunistischen Partei regiert wird, bedeutet nicht, das eigene System anderen überzustülpen, das im Übrigen viel lernfähiger und flexibler ist, als die sozialistischen Versuche in Osteuropa, die letztlich an der ungenügenden Produktivkraftentwicklung scheiterten. Ob es in Zukunft eine Vorbildwirkung für andere haben kann, wird man noch sehen. Erst einmal kommt es für die deutsche und europäische Politik darauf an, auf selbstbewusste Weise und im gemeinsamen Interesse den Weg von der Konfrontation zur Kooperation zu beschreiten - was für Teile der Wirtschaft schon Normalität geworden ist.

Wolfram Elsner: Die Zeitenwende. China, USA und Europa «nach Corona». PapyRossa, 303 S., br., 22 €. nd-Literatursalon mit Wolfram Elsner: 6. Oktober, 18 Uhr, Franz-Mehring-Platz 1, Berlin.

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