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  • Umweltbelastung

Rettung den einen, den anderen Bedrohung

Für den Bau von Elektroautos wird viel Lithium gebraucht, dessen Förderung große Wassermengen benötigt

  • Von Tobias Lambert
  • Lesedauer: 5 Min.

Im Norden Argentiniens spielt sich ein Konflikt von globaler Bedeutung ab. Etwa 3.500 Meter über dem Meeresspiegel liegt zwischen den Provinzen Jujuy und Salta die ausgedehnte Salzwüste (Salar) Salinas Grandes del Noroeste. Die Bewohner:innen der Region leben seit Generationen vom Salzabbau oder der Haltung von Lamas, Ziegen und Schafen, neuerdings auch vom Tourismus. Doch unter dem Salz verborgen liegt ein strategischer Rohstoff, der das Leben in der Region für immer verändern könnte: Lithium. Das Leichtmetall ist derzeit unverzichtbar für den Ausbau der Elektromobilität, mit dem die Treibhausgasemissionen im Verkehrssektor reduziert werden sollen. Industriestaaten wie Deutschland, die USA oder Japan preisen das E-Auto als vermeintlich saubere Alternative zum Verbrennungsmotor an. Eine Lithium-Ionen-Batterie für ein Elektroauto benötigt im Schnitt zwischen 10 und 20 Kilogramm des Rohstoffs. Daneben wird Lithium in geringeren Mengen auch für die Akkus von Laptops und Mobiltelefonen sowie in der Glas- und Keramikindustrie verwendet. Doch in den Abbauregionen zeigt sich, dass das Elektroauto kaum die Welt retten wird. Hier gilt es vielen als Bedrohung. Neben der Umgestaltung des Lebensraums, etwa durch den Aufbau von Infrastruktur, ist vor allem der hohe Wasserverbrauch problematisch.

Insgesamt sind in Argentinien bisher nur zwei Lithiumprojekte in Betrieb. Dutzende Konzessionen sind jedoch bereits vergeben, das Land will die Produktion deutlich steigern. Die unternehmensfreundliche Bergbaugesetzgebung stammt noch aus den neoliberalen 1990er Jahren.

Viele der 33 indigenen Gemeinschaften um die Salinas Grandes del Noroeste sehen ihr Territorium und ihre Lebensweise bedroht. Eine laut ILO-Konvention 169 vorgeschriebene »freie, vorherige und informierte Zustimmung« hat, wie in anderen Bergbauregionen auch, nicht stattgefunden. Einige Gemeinschaften erhoffen sich allerdings auch Einnahmen und Arbeitsplätze aus dem Geschäft, die Bevölkerung ist durch Versprechen internationaler Unternehmen und der Provinzregierung von Jujuy gespalten.

In Ländern wie Australien, Simbabwe oder Portugal wird Lithium aus Festgestein gelöst. Auch dabei sind große Wassermengen nötig. Wesentlich billiger ist jedoch die Förderung aus Solen, wie sie in Südamerika stattfindet. Im sogenannten Lithium-Dreieck, das Teile Argentiniens, Chiles und Boliviens umfasst, liegen laut der US-Geologiebehörde USGS etwa 55 Prozent der weltweit abbaubaren Vorkommen. Das Leichtmetall wird durch die Verdunstung von Salzwasser gewonnen, das aus dem Boden hochgepumpt wird. Anschließend wird das Lithiumcarbonat durch chemische Zusätze in Lithiumhydroxid umgewandelt, um es für die Batterieproduktion einsetzen zu können. Laut der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) müssen zwischen 200 und 1.000 Kubikmeter Sole gefördert werden, um eine Tonne Lithiumcarbonat zu produzieren. Das verdunstete Salzwasser an sich ist für den menschlichen Konsum oder die Nutzung in der Landwirtschaft zwar nutzlos. Doch aufgrund der großen verbrauchten Menge senkt sich der Salzwasserspiegel ab. Durch die Nähe von Brunnen kann dies dazu führen, dass Trinkwasser nachströmt, auch weil die Rohstoffunternehmen durch Bohrungen natürliche Barrieren zwischen Salz- und Süßwasser einreißen. Das Wasser vermischt sich, wodurch die vorhandene Süßwassermenge in der betroffenen Region abnimmt. Genau dies passiert in Nord-Argentinien oder der Atacama-Wüste in Chile. Aufgrund der extrem geringen Regenmengen im Hochland und in der trockensten Wüste der Welt kann sich das über Jahrtausende entstandene Grundwasser nicht wieder auffüllen. Dies ist vor allem in Chile bereits spürbar, wo seit Anfang der 1990er Jahre Lithium gefördert wird. Pro Sekunde verbrauchen die beiden Minengesellschaften SQM aus Chile und Albemarle aus den USA dort über 2.000 Liter Salz- und fast 300 Liter Süßwasser. Mittelfristig bedeutet dies wohl, dass die Atacameños, die indigenen Bewohner:innen der Region, irgendwann weichen müssen, damit im Norden mehr Elektroautos gebaut werden können.

Die wichtigsten Förderländer für Lithium sind derzeit Australien, Chile und China. Das meiste in die EU importierte Lithium stammt aus Chile. Deutschland verfügt auch über eigene Vorkommen, sie werden bisher jedoch nicht ausgebeutet. Das Öko-Institut schätzt den weltweiten Lithiumbedarf bis 2030 auf 160.000 Tonnen jährlich, bis 2050 sogar auf 500.000 Tonnen. Aktuell beträgt der Verbrauch etwa 35.000 Tonnen. Laut der Deutschen Rohstoffagentur (DERA), die zur BGR gehört, könnte allein der zukünftige Bedarf an Lithium für Deutschland je nach technischer und wirtschaftlicher Entwicklung auf 9.000 bis 30.000 Tonnen ansteigen. Derzeit importiert Deutschland jährlich etwa 6.000 Tonnen, gut die Hälfte davon aus Chile. Da die Gewinnung der heimischen Lithiumvorräte noch fraglich ist, versucht Deutschland seine 100-prozentige Importabhängigkeit durch direkten Zugriff deutscher Firmen abzusichern. Das bekannteste dieser Vorhaben, das zwischenzeitlich als »Jahrhundertdeal« galt, betrifft Bolivien. Im Salzsee Salar de Uyuni lagern schätzungsweise 21 Millionen Tonnen Lithium – das größte Einzelvorkommen der Welt. Die linke Regierung von Evo Morales (2005 bis 2019) hatte nicht nur als Ziel ausgegeben, möglichst hohe Einnahmen zu erzielen, sondern auch, einen bedeutenden Teil der Wertschöpfungskette in Bolivien zu belassen. Private Firmen sollten dazu ausschließlich als Minderheitspartner an Joint-Venture-Projekten mit dem Staat beteiligt werden. Das deutsche Mittelstandsunternehmen ACI Systems Alemania (ACISA) aus Baden-Württemberg bekam Ende 2018 schließlich den Zuschlag, um ab 2021 gemeinsam mit dem bolivianischen Staatsunternehmen Yacimientos de Litio Bolivianos (YLB) 70 Jahre lang Lithium zu fördern. Die deutsche Bundesregierung hatte das »Projekt von Anfang an politisch flankiert und dem Unternehmen ACI beratend zur Seite gestanden«, heißt es in der Antwort auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion des Deutschen Bundestages Anfang 2020. Doch Anwohner:innen der betroffenen Region fordern einen höheren Anteil an den Einnahmen, die überwiegend dem Zentralstaat zugutekommen sollten, sowie den Schutz der Trinkwasserbrunnen. Im Zuge des Putsches gegen Morales im November 2019 kündigte Bolivien den Vertrag schließlich auf. Der seit November 2020 amtierende linke Präsident Luis Arce will das Projekt wieder aufnehmen. Ob ACISA weiterhin mit im Boot sitzt, ist noch unklar.

Im Gegensatz zur Förderung anderer Rohstoffe wie Kupfer oder Gold, für die enorme maschinelle Kraft oder giftige Chemikalien eingesetzt werden, gilt die Lithium-Förderung als vergleichsweise harmlos. Der hohe Wasserverbrauch wird dabei oft ignoriert. Dabei wird sowohl in Südamerika als auch Europa und Nordamerika an Verfahren geforscht, die es ermöglichen würden, das Lithium direkt aus dem Salzwasser zu extrahieren, um das Restwasser anschließend zurückzupumpen. Doch in der Praxis sind solche Verfahren nicht in Sicht. Sie würden die Kosten für die Förderunternehmen deutlich steigern.

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