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Aufstand gegen die Willkür

Eingesperrte Migranten flüchten aus Internierungslagern in Tripolis

  • Von Mirco Keilberth, Tunis
  • Lesedauer: 4 Min.
Obdachlose Migranten warten vor dem UNHCR-Gebäude in Tripolis auf Verpflegung.
Obdachlose Migranten warten vor dem UNHCR-Gebäude in Tripolis auf Verpflegung.

Noch immer übernachten mehrere Tausend Menschen in den Straßen der libyschen Hauptstadt, mehr als eine Woche nach der Massenverhaftung von Migranten. Vor dem Hauptquartier des Flüchtlingshilfswerkes der UN werden Gruppen aus Eritrea, dem Sudan und Bangladesch mit Lebensmitteln versorgt. Zu den von UN-Mitarbeitern am Wochenende gemeldeten Versorgungsengpässen wegen Gedränges vor dem Tor kam es nach Augenzeugen jedoch nicht. Libysche Journalisten berichten »nd« hingegen, dass die Arbeit des UNHCR nur schleppend vorangeht.

Zuvor waren bei dem Ausbruch von mehreren Tausend inhaftieren Migranten aus einem Gefängnis am vergangenen Freitag mindestens sechs Menschen ums Leben gekommen. Nach Angaben der internationalen Organisation für Migration IOM wurden 22 von Schüssen Verwundete in Krankenhäuser eingeliefert. Der Leiter der Libyen-Mission Frederico Soda sagte, man wisse nicht genau, was den Vorfall ausgelöst habe. »Sicher ist aber, dass die Wachen auf die flüchtenden Menschen geschossen haben, die in dem überfüllten Al-Mabani-Zentrum zusammengepfercht worden waren«, so Soda.

Das libysche Innenministerium gab die Zahl der in einer Lagerhalle untergebrachten Menschen mit 2000 an. Bei der überraschenden Verhaftungsaktion der Vorwoche waren Tausende Flüchtlinge und Migranten aus ihren Wohnungen, auf offener Straße und aus Massenunterkünften zusammengetrieben worden. Nach offiziellen Angaben wurden 4000 Menschen in Lager gebracht, Anwohner in dem betroffenen Bezirk Gargaresch gehen jedoch von bis zu 10 000 Menschen aus.

Auch Ahmed Bol wurde aus seiner Wohnung verschleppt. »Maskierte Männer in Uniform nahmen uns Handy, Geld und Dokumente ab. Obwohl wir alle Arbeit auf einer Baustelle haben und gemeinsam eine Wohnung mieten«, berichtet der Sudanese am Telefon.

Der 25-Jährige war mit hinter dem Rücken gefesselten Händen in den Al-Mabani-Lagerhallenkomplex gebracht worden, der in Kooperation mit den UN betrieben wird und für 1000 Migranten ausgelegt ist.

IOM-Chef Soda geht von 3000 Menschen aus, die nach der Verhaftungswelle der Vorwoche mehrheitlich auf dem Boden schlafen mussten und hungerten. Einige Verhaftete filmten mit eingeschmuggelten Handys, wie Uniformierte mit Stöcken und Peitschen auf am Boden hockende Menschen einschlugen. Aus Verzweiflung über den Mangel an Wasser, Nahrung und Platz begannen dann am Freitag in mehreren Gefängnissen von Tripolis Aufstände, berichtet Ahmed Bol.

Die libyschen Behörden hatten die UN in ihre Pläne nicht eingeweiht, aber versprochen, die Mehrheit der Verhafteten schnell in ihre Heimat zurückzufliegen. »Doch die Repatriierung ist ohne Papiere und Hilfe von IOM oder dem UNHCR kaum möglich«, berichtet Meftah Lawel. Der libysche Mitarbeiter des UNHCR hat viele Evakuierungsmission vorbereitet und ist skeptisch, dass die entstandene Notlage schnell entschärft werden kann. »Wir versuchen, Lebensmittel heranzuschaffen, weil viele umherirren und nur noch besitzen, was sie am Leibe tragen«, so Lawel.

Regierungschef Dabaiba hatte sich am Tag nach der Razzia persönlich bei den Sicherheitskräften für ihr Vorgehen gegen »die Kriminellen« bedankt, wie er die Migranten pauschal nannte. Am Sonntag besuchte Moussa Kouni, Mitglied des dreiköpfigen Staatsrates, eine Gruppe von Migranten und entschuldigte sich bei den nun auf der Straße lebenden Menschen, darunter viele Familien.

Die 28-jährige Queen aus Nigeria hat sich mit ihrem Sohn auf dem Arm in das benachbarte Tunesien retten können. In Zarzis berichtet sie »nd«, dass Folter und Zwangsprostitution auch in den Lagern der Regierung Alltag sind. »Viele der Migranten wurden verhaftet, um sich wieder freikaufen zu müssen«, glaubt sie. »Das ist ein Geschäft.«

Nur Wenige der aus den Gefängnissen geflohenen trauen sich in die von ihnen gemieteten Wohnungen zurück. Sie irren in den Straßen herum, da ihnen Geld und Handys abgenommen wurden. Nun müsse das UNHCR die Versorgung von Tausenden Migranten übernehmen, fordert Queen, die drei Jahre in Tripolis gelebt hat. Nur wenige Kilometer von den hungernden Obdachlosen entfernt nahm der Regierungschef am Samstag eine Parade Dutzender neuer Einsatzfahrzeuge und Beamten in neuer Uniform ab - es war der »Tag der Polizei« in Libyen.

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