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Netzwerken gegen Long Covid

Etwa jeder zehnte von Covid-19 Genesene klagt über Langzeitfolgen - Brandenburg und Berlin machen Fortschritte bei Therapieangeboten

  • Von Wilfried Neiße und Lola Zeller
  • Lesedauer: 4 Min.

Zu den unheimlichen Begleiterscheinungen der Corona-Pandemie zählen gesundheitliche Langzeitfolgen, unter denen zahlreiche Menschen leiden, die an Covid-19 erkrankt waren. Die vielfältigen, nach überstandener Infektion auftretenden Beschwerden werden als Long Covid oder Post-Covid-Syndrom bezeichnet. Jeder zehnte Covid-Patient ist nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) davon betroffen. Die Therapiemöglichkeiten von Long Covid sind begrenzt, die Ursachen noch nicht umfassend erforscht.

In Deutschland reklamiert das Land Brandenburg für sich eine Vorreiterrolle bei der Behandlung von Long-Covid-Patienten. Wie Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne) Mitte dieser Woche in Potsdam mitteilte, bieten zwölf der insgesamt 25 Rehabilitationskliniken und -zentren eine derartige spezielle Behandlung an. Das »Reha-Land« Brandenburg wolle diese regionalen Angebote in einem Netzwerk zusammenfassen. Für eine umfassende Aufklärung dazu sei eine Informationsseite im Netz (www.reha-land-brandenburg-de) freigeschaltet worden. »Wir wollen aufklären und die Angebote bekannter machen, denn oft wissen Betroffene gar nicht, dass sie Reha-Leistungen in Anspruch nehmen können«, so Nonnemacher.

Legt man die WHO-Schätzungen zugrunde, könnten in Brandenburg inzwischen mehr als 11 000 Menschen an Long Covid leiden. Laut Nonnemacher können sich Krankheitssymptome noch Wochen, ja sogar Monate nach der Corona-Infektion bemerkbar machen. Nicht alle seien behandlungsbedürftig, doch würden neben den besonders häufig auftretenden Lungenerkrankungen auch Schlaganfälle, Nervenerkrankungen oder Leberfunktionsstörungen diagnostiziert. »Die Anzeichen reichen von rascher Ermüdung, Vergesslichkeit, Schlafstörungen, Ängsten, Atembeschwerden, verminderter körperlicher Belastbarkeit bis zu Gleichgewichtsstörungen und Nervenschmerzen«, so die Ministerin.

Zu den ersten Einrichtungen im Land, die mit der Behandlung von Langzeitfolgen der Corona-Erkrankung begonnen haben, zählt die Sana-Rehabilitationsklinik Sommerfeld in Kremmen (Oberhavel). Oberärztin Annette Twietmeyer verwies darauf, dass die wenigen Hundert Plätze in den zwölf darauf spezialisierten Reha-Kliniken im Land keinesfalls für alle Betroffenen ausreichen. »Wir werden nicht alle Long-Covid-Patienten erreichen können, und es benötigen auch keineswegs alle eine Behandlung in einem Reha-Zentrum«, sagte sie. Warum die meisten Menschen bei einer Corona-Infektion überhaupt keine oder nur geringe Krankheitsmerkmale aufweisen, während andere schwere Verläufe haben, lange beeinträchtigt sind oder sogar sterben, wisse sie nicht.

Auch Manuel Anhold, Chefarzt des Evangelischen Zentrums für Altersmedizin in Potsdam, kann da nur mutmaßen. Bei Covid-19 handele es sich um eine »Systemerkrankung«, deren Verlauf auch von etwaigen Vorerkrankungen oder vom Lebensalter abhänge, erläuterte er. Auffällig sei auch, dass ältere Menschen stärker gefährdet seien als Kinder oder Jugendliche. Gleichwohl gebe es auch vereinzelt schwere Coronafälle im jugendlichen Alter. Es gelte, sicher zu unterscheiden, ob es sich bei Langzeiterkrankungen um direkte Corona-Folgen oder vielleicht um psychische Schädigungen durch den langen Lockdown handele.

Viele Long-Covid-Patienten beklagen mangelnde Unterstützung in ihrer Situation. In Berlin diskutierte am vergangenen Donnerstag die Beratungsstelle für Berufskrankheiten unter anderem mit Medizinern und Betroffenen darüber, wie Arbeitnehmer bei Ansteckung mit dem Coronavirus am Arbeitsplatz eine Berufskrankheit oder einen Arbeitsunfall geltend machen können.

Aktuell hätten nur Menschen, die im Gesundheitsdienst, in der Wohlfahrtspflege oder im Labor arbeiten, die Möglichkeit, eine Corona-Infektion als Berufskrankheit anerkennen zu lassen, erklärte Karin Wüst, Leiterin der Beratungsstelle während der digitalen Veranstaltung. Vor allem bei unter Langzeitfolgen Leidenden sei dies ein großes Problem, denn die Symptome könnten über viele Monate hinweg anhalten und in schlimmen Fällen zur Berufsunfähigkeit führen.

»Es bleibt die Option, die Erkrankung als Arbeitsunfall zu melden«, so Wüst. Allerdings müsse bewiesen werden, dass die Ansteckung am Arbeitsplatz und nicht im Privaten erfolgt sei. Die vermeintliche Nichterfüllung dieses Kriteriums sei auch der häufigste Ablehnungsgrund der Unfallversicherungen.

Bisher habe die Beratungsstelle selbst drei Anerkennungen und sechs Ablehnungen begleitet. Die abgelehnten Fälle befänden sich in einem Widerspruchsverfahren; deren Ausgang sei offen. »Im Falle einer Long-Covid-Erkrankung muss außerdem bewiesen werden, dass die Langzeitfolgen direkt aus der Corona-Infektion entstanden sind und nicht etwa Folgen der Behandlung sind«, sagte Wüst. Durch solche Hürden werde vielen Betroffenen der Zugang zu Leistungen der Unfallversicherung verwehrt. Bundesweit würden weniger als fünf Prozent der Corona-Erkrankungen als Arbeitsunfälle oder Berufserkrankungen gemeldet, unter drei Prozent auch anerkannt. Die Beratung setze sich dafür ein, dass eine Corona-Erkrankung am Arbeitsplatz in allen Branchen als Berufskrankheit anerkannt werden kann, in denen Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen zwingend im Kontakt mit anderen Menschen stehen.

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