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Frauen in den Kathedralen des Fußballs

Die Europameisterschaft der Frauen in England soll neue Maßstäbe für den Sport setzen. Das DFB-Team will viel dazu beitragen

  • Von Frank Hellmann
  • Lesedauer: 5 Min.
Auf Tabea Waßmuth (l.) und die deutschen Fußballerinnen warten größere Aufgaben als beim 7:0 gegen Israel.
Auf Tabea Waßmuth (l.) und die deutschen Fußballerinnen warten größere Aufgaben als beim 7:0 gegen Israel.

Die deutsche Visitenkarte bei der Auslosung der Endrunde für die Europameisterschaft der Fußballerinnen 2022 in England hätte kaum besser sein können. Wer nicht gewusst hätte, dass mit Nadine Keßler eine ehemalige Weltfußballerin und 2013er Europameisterin mit dem DFB-Team auf der Bühne stand, hätte die mittlerweile die Frauenfußball-Abteilung der Uefa leitende Pfälzerin auch als gebürtige Britin verorten können. Im fast akzentfreien Englisch kommentierte die 33-Jährige die Zeremonie im Victoria Warehouse in Greater Manchester. Ihr Versprechen: Dieses Turnier als Aufbruch in ein neues Zeitalter zu begreifen. »Wir wollen eine ganz neue Generation fußballbesessener Mädchen und Jungen inspirieren und in England, Europa und darüber hinaus ein Vermächtnis hinterlassen.« Spannend wird sein, welche Rolle Deutschland bei diesem Turnier spielt, das in vielerlei Hinsicht neue Maßstäbe setzen soll.

Gleich zum Auftakt trifft die DFB-Auswahl in der Gruppe B am 8. Juli in Milton Keynes auf die Vizeeuropameisterinnen aus Dänemark, danach geht es in Brentford gegen die Spanierinnen, dann wieder in Milton Keynes gegen Außenseiter Finnland. Die Gruppenersten und -zweiten ziehen ins Viertelfinale ein. Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg erwartet »enge Spiele mit hoher Qualität.« Fest steht für sie: »Es ist eine schwere Gruppe, die uns von Anfang an herausfordern wird. Dänemark ist auf einem Superweg, Spanien sowieso, wenn wir den Vereinsfußball sehen - sie haben eine fußballerisch tolle Mannschaft. Finnland ist so ein bisschen die Unbekannte.« Aber bange machen gilt nicht: »Es ist vielleicht gut so, wenn man gleich im Turnier Gas geben muss.« Im Eröffnungsspiel der EM am 6. Juli treffen England und Österreich aufeinander.

Bei der Show am Donnerstagabend mischte auch Anja Mittag mit, die Deutschland 2013 im Finale gegen Norwegen zum bislang letzten von acht EM-Titeln geschossen hatte. Doch es ist längst keine Selbstverständlichkeit mehr, dass diese Trophäe in die Vitrine des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) wandert. »Es gibt keine Titel mehr geschenkt. Es können acht, neun Teams dieses Turnier gewinnen«, glaubt Voss-Tecklenburg. Ihr Team solle aber gerne bei den Favoriten genannt werden. Denn: »Wir haben eine junge Mannschaft mit viel Qualität - und die gilt es jetzt auf den Platz zu bringen.«

Im Rückblick sind viele überzeugt, dass der achtfache Europa- und zweifache Weltmeister unter ihrer Regie bei der WM 2019 in Frankreich weiter als nur ins Viertelfinale gekommen wäre, wenn das Trainerteam und die Spielerinnen damals mehr Zeit zum Kennenlernen gehabt hätten. Im kommenden Sommer werden drei Jahre bis zum nächsten Turnier vergangen sein - und die Entwicklung unter der Bundestrainerin stimmt hoffnungsfroh. Die 53-Jährige bekommt selber schon »Gänsehaut« beim Gedanken an die Europameisterschaft. »Ich denke, es wird das bisher größte und beste EM-Turnier«, denn: »Wir sind in einem Land, das Fußball liebt, mit tollen Stadien und Mannschaften. Wir werden Rekorde brechen.«

Das Mutterland des Fußballs wird den 16 Teilnehmern den roten Teppich ausrollen. Auch die Uefa tut einiges, um Wertschätzung und Wertschöpfung zu vergrößern. »Wir wollen ein offenes und integratives Turnier veranstalten, das nicht nur die größte und beste Frauen-Euro aller Zeiten ist, sondern auch den Maßstab für alle zukünftigen europäischen Frauensportveranstaltungen setzt«, sagte Generalsekretär Giorgio Marchetti. Von den mehr als 700 000 Tickets waren vor der Auslosung schon 162 000 verkauft. Zuschauerzahlen und Sendereichweite sollen sich gegenüber der EM 2017 verdoppeln. In den Niederlanden hatten 240 000 Fans die Stadien besucht und 50 Millionen TV-Zuschauer eingeschaltet. Um all das zu erreichen, wagt sich England in die größten Kathedralen: Das Eröffnungsspiel steigt im Old Trafford, das Finale am 31. Juli in Wembley. Spielorte wie Southampton, Sheffield oder Brighton versprechen ein buntes Potpourri. Der DFB-Tross wird sich angesichts seiner Gruppenspiele in Brentford in West-London und der 250 000-Einwohner-Planstadt Milton Keynes vermutlich ein Basisquartier im Großraum London suchen. Auf jeden Fall soll es laut Voss-Tecklenburg »eine Wohlfühloase« werden.

Die Vorbereitung auf die EM werden kurioserweise - und coronabedingt - weiterhin die meistens einseitigen WM-Qualifikationsspiele sein. Am vergangenen Dienstag landeten die deutschen Fußballerinnen beim 7:0 gegen Israel den vierten Sieg im vierten Spiel, so dass das Team bereits Kurs auf die WM 2023 im fernen Australien und Neuseeland genommen hat. Härtester Gegner in der Gruppe dürfte Portugal werden, die Begegnung steigt am 30. November. Doch zur Weiterentwicklung braucht es mehr Gegner auf Augenhöhe. Die Bundestrainerin hatte den internen Konkurrenzkampf in Essen mit sechs Wechseln angeheizt: die beste Fußballerin Dzsenifer Marozsan und die treffsicherste Stürmerin Lea Schüller saßen mehr als eine Stunde auf der Bank. Und in der Hinterhand hat sie noch Spielerinnen wie die aktuell verletzten Abwehrkräfte Marina Hegering und Lena Oberdorf, dazu kommt noch Kapitänin Alexandra Popp, deren Comeback nach einer schweren Knieverletzung noch in den Sternen steht. Aber schon bei der Nominierung des EM-Kaders hat die Bundestrainerin im nächsten Jahr die Qual der Wahl.

»Wir werden nicht mit elf Spielerinnen um Titel spielen«, betont Voss-Tecklenburg. Qualität von der Bank zu bringen, werde bei der EM ein »absoluter Mehrwert« sein. Unter ihren sechs verschiedenen Torschützinnen ragte am Dienstag die zweimal erfolgreiche Jule Brand heraus. Die gerade erst 19 Jahre alt gewordene Überfliegerin von der TSG Hoffenheim hat laut Bundestrainerin »ein Raketenjahr« hinter sich und müsse in den nächsten ein, zwei Jahren nur noch »eine Athletin« werden, um wirklich an der Weltklasse zu kratzen. Dorthin zurückzukehren, ist erklärte Prämisse des DFB - für seine Frauen und Männer. Wenn der krisengeschüttelte Verband bei der Präsidentensuche übrigens nicht mehr weiterkommt, wäre es gar nicht verkehrt, sich auch mal mit Nadine Keßler zu beschäftigen - die in Windeseile eine große Funktionärskarriere gemacht hat.

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