»Die gesamte Förderlogik ist ungefiltert kapitalistisch, wir müssen sie umbauen«

Der »Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit« will Kunst, Wissenschaft und Klimagerechtigkeit zusammenbringen - ein Gespräch mit Adrienne Goehler

  • Tom Mustroph
  • Lesedauer: 6 Min.

Adrienne Goehler, bei Verhandlungen von SPD, Grünen und FDP zur Bildung einer neuen Regierung ging es eher nicht um Kultur. Ist das ein schlechtes Zeichen, weil es signalisiert, wie wenig wichtig das Thema ist, oder ein gutes Zeichen, weil sich alle einig sind im früheren Land der Dichter und Denker?

Bei den Sondierungsgesprächen war die Kultur wie eine Nische kurz vor dem Keller und ist jetzt in der 15. von insgesamt 22 AGs untergebracht. Die Grünen haben aber ein gutes Programm, in dem viele Belange der Kultur auch in anderen politischen Feldern eingewoben sind. Es ist also gerade nicht dem Ressortdenken verhaftet. Die wichtige Initiative für einen »Green Culture Fonds«, ein Topf für die betriebsökologischen Fragen der Kultureinrichtungen, ist ja auch im Verbund mit anderen Ressorts sinnvoll.

Der »Green Culture Fonds« steht im Wahlprogramm der Grünen, und gleich daneben der »Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit« (FÄN), für den Sie seit 2007 werben. Wie verhalten sich diese beiden Projekte: Konkurrierend, weil es beides Mal um Nachhaltigkeit und Kultur geht, oder komplementär, weil es bei »Green Culture« vornehmlich um nachhaltige Energiewirtschaft und nachhaltigere Materialien im Betriebssystem Kunst geht, während der FÄN mehr auf die Inhalte abzielt?

Als komplementär. Der FÄN soll Künstler*innen ermöglichen, nicht nur ökoeffizienter das Gleiche zu tun wie bisher, sondern sich auch mit ihrem Wissen, Können und Wollen in die transformativen Felder auszudehnen. Es geht auch darum, diese Initiativen mit der Idee des »New European Bauhaus« zu verknüpfen …

… einem EU-Programm, bei dem es um neue Ideen für Kreislaufwirtschaft, neue nachhaltige Materialien und die Gestaltung inklusiver Räume geht.

Der FÄN ermöglicht den Künsten, gemeinsam mit anderen Gesellschaftsbereichen wirklich neue Wege zu beschreiten. Es haben ja 135 Menschen beschrieben, was ein FÄN ihrer Meinung nach können muss, sie drängen auf veränderte Produktionsweise, vor allem auf mehr Zeit in und für die Projekte, streben andere Bezugnahmen an. Wir müssen die gesamte Förderlogik umbauen, denn sie ist ungefiltert kapitalistisch: schneller, mehr, weiter, schriller. Und das geht ganz einfach auf die Knochen der Künstler*innen. Zugleich ist es ein unglaublicher Ressourcenverbrauch. Denn kaum ist die eine Produktion draußen, muss schon wieder der Antrag für das nächste Projekt gestellt werden. Und hier muss, gemäß der Förderlogik, wieder alles neu, innovativ und noch nie gesehen sein, anstatt vertieft an einem Thema und an dem vorhergehenden Projekt weiterzuarbeiten. Und das führt dann auch dazu, dass wir nicht nur zu viel Autos, zu viel Kleidung, zu viele Sorten von den meisten Lebensmitteln haben, sondern auch zu viel Kunst.

Das sagt die frühere Kultursenatorin? Wir haben zu viel Kunst?

Ja, es muss zu viel produziert werden, denn die Förderlogik ist outputorientiert. Aber es gibt überhaupt nicht zu viele Orte, Möglichkeiten und Gelegenheiten, um künstlerisches Wissen, künstlerisches Vermögen und künstlerische »Genauigkeit und Seele«, wie es Robert Musil ausdrückte, zu vermitteln und in die große Transformation, die wir brauchen, einzubringen.

Dass sich die Förderlogik in der Kunst ändern muss, wird schon seit Längerem gefordert. Was aber hätten die Wissenschaftler*innen von solchen Kooperationen, wie der FÄN sie initiiert? Wir dürfen ja nicht vergessen, dass auch der Wissenschaftsbereich durchkapitalisiert ist, Drittmittel müssen eingeworben werden, Forschungsvorhaben richten sich nach den Geldgebern, Grundlagenforschung ist nicht »sexy« …

… und meist muss man bei Antragstellung schon wissen, was als Ergebnis herauskommt!

Genau, das ist vergleichbar mit dem kritisierten Antragswesen in der Kunst. Stellt dann der Dialog mit den Künstler*innen nicht noch eine weitere Schicht der Zumutungen dar?

Nein, das Zusammentreffen erweitert den Blick. Den Künstler*innen ermöglicht es, mehr in die Tiefe zu gehen bei einzelnen Fragestellungen. Aber heutzutage begegnen sich Kunst und Wissenschaft zu selten, weil sie völlig andere Zeiträume im Forschen haben. Der FÄN soll eben ein Möglichkeitsraum sein können, andere Formen der Kooperationen zu erforschen. Denn Künstler*innen fragen und gucken anders auf dieselben Probleme als Wissenschaftler*innen. Kunst rückt den Menschen, die sinnliche Wahrnehmung, in den Mittelpunkt. Und genau dieses Zusammenbringen, dieses Denken über Silos, Disziplinen und Ressorts hinaus brauchen wir jetzt.

Wann soll es mit dem Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit losgehen?

Sobald die Regierung steht!

Mit wie viel Geld sollte er ausgestattet sein?

Man könnte dies als Auftakt gut am Hauptstadtkulturfonds orientieren, also zunächst zehn Millionen Euro pro Jahr. Man sollte das Vorhaben auch wissenschaftlich begleiten und evaluieren. Und wenn dann nach sieben Jahren die Deutsche Forschungsgemeinschaft sagt: »Das ist ein guter Satellit, das ist genau das, was wir brauchen, das übernehmen wir«, dann wäre das sehr gut.

Es ist ja ein Querschnittsprojekt. An welchem Ministerium sollte es angeschlossen sein? An die Kultur oder an das möglicherweise neu zu schaffende Klimaministerium?

Wichtig finde ich den Gedanken, dass der FÄN ressortübergreifend verstanden und finanziert wird. Und da liegen neben Kultur eben auch Wissenschaft und Forschung und Umwelt nahe, aber man weiß ja noch nicht, wie die Zuschnitte der Ministerien sein werden.

Das Denken über Nachhaltigkeit hat in den letzten Jahren zwar an Dynamik und Relevanz gewonnen. Aber oft findet es nach einem defensiven Muster statt: Ja, klar, ist notwendig und eine gute Sache, aber bitte nicht unbedingt vor meiner Haustür. Dieser Diskurs steht unter dem Verdacht von Verbot, Reglementierung und Einschränkung. Soll der »Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit« das Denken auch aus dieser Falle herausführen und neue Wege eröffnen?

Ja, es geht um das Ausprobieren, um das Entwickeln neuer Formate und nachhaltiger Strategien, um das Erfinden neuer oder um das Wiederentdecken alter Rohstoffe. Die Künstlerin Folke Köbberling etwa arbeitet mit Schafwolle. Das müsste einen Platz im Bauwesen kriegen, als Dämmstoff zu benutzen. Lanolin ...

… das von Schafen in ihren Talgdrüsen produziert wird …

… wurde klassisch als Wundsalbe eingesetzt, ist auch aber auch als Rostschutzmittel geeignet. Es geht um solche Dinge. Wir können doch nicht mehr die Augen davor verschließen, dass Holz als Baustoff nicht ausreichen wird, Wasser ist eine verdammt knappe Ressource, für die Glasproduktion braucht man Sand, Flusssand, nicht Wüstensand, auch der ist sehr sehr begrenzt. Und anlässlich der Buchmesse wurde publik, dass auch Papier für den Nachdruck von Büchern fehlt. Zeit zu Handeln.

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