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Elch bringt Moskauer KP-Chef zu Fall

Moskaus Kommunistenführer Waleri Raschkin wird der Wilderei bezichtigt

  • Von Birger Schütz
  • Lesedauer: 4 Min.

Waleri Raschkin ist Russlands umtriebigster und umstrittenster Kommunist: Der Moskauer KP-Chef polemisiert gegen den Burgfrieden mit dem Kreml, organisiert federführende die hauptstädtischen Straßenproteste und flirtet mit radikalen Impfgegnern und Anhängern des inhaftierten Kremlkritikers Alexej Nawalny - für die KPRF-Granden ein ungeheuerlicher Tabubruch. Die kürzliche Dumawahl bezeichnet der 66-Jährige abfällig als »gestohlene Abstimmung« und treibt eine Klage gegen die Ergebnisse der Onlineabstimmung in Moskau voran. Beobachtern gilt der studierte Elektroingenieur als möglicher Nachfolger des 77-jährigen Parteichefs Gennadi Sjuganow.

Doch damit scheint es nun vorbei zu sein: Seit Ende der vergangenen Woche kämpft Raschkin gegen die größte Krise seiner Karriere. Ihm drohen Parteiausschluss und der Verlust seines Dumamandates.

Grund für den Absturz des aufmüpfigen Kommunisten ist ein Elch. In der Nacht auf den vergangenen Freitag wurde Raschkin mit Teilen eines Kadavers der größten europäischen Hirschart im Kofferraum seines Autos in seiner Heimatregion Saratow gestoppt. Bei der Kontrolle in einem Waldstück der regionalen Jäger- und Fischereivereinigung entdeckten Polizisten und Wildhüter zudem zwei blutverschmierte Messer und eine Axt. Außerdem soll der Atem des Politikers stark nach Alkohol gerochen haben. Einen Alkoholtest lehnte Raschkin jedoch ab. Die Polizei leitete ein Strafverfahren wegen des Verdachts auf Wilderei ein. Diese kann in Russland mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft werden.

Raschkin wies die Anschuldigungen von sich. »Einen unbewaffneten Menschen zu beschuldigen, einen Elch zu töten und zu zerteilen, ist völlig absurd und zynisch«, zitiert ihn der Radiosender Echo Moskwy. Er sei bei einem Spaziergang auf Wilderer gestoßen. Die illegalen Jäger wären geflüchtet und hätten das erschossene Tier zurückgelassen. Daraufhin habe er einen Freund gerufen, um die Überreste den Behörden zu übergeben. Schon nach wenigen Metern sei er dabei von einer »ganzen Horde von Geheimdienstlern, Polizisten und Rangern« gestoppt worden.

Raschkins Version hatte nur kurzen Bestand: Am nächsten Tag entdeckte das staatliche Ermittlungskomitee, das die Ermittlungen wegen der »großen gesellschaftlichen Resonanz« an sich zog, in dem Waldstück ein Futteral mit Gewehr, Nachtsichtzielfernrohr und Patronen. Auch Raschkins Waffenschein und Jagderlaubnis waren dabei.

Staatsmedien und politische Konkurrenz stürzten sich gierig auf die Geschichte um den gefallenen kommunistischen Hoffnungsträger. So forderte Margarita Simonjan, Chefin des Auslandssenders Russia Today, auf Twitter fünf Jahre Haft für Raschkin. Fernsehpropagandist Dmitri Kisseljow zitierte in seinem politischen Wochenrückblick genüsslich frühere Forderungen des Kommunisten nach einem härteren Vorgehen gegen Wilderer. Rechtspopulist Wladimir Schirinowksi will Raschkin als Strafe dazu zwingen, den kompletten Elch »zu fressen«. »Nicht rauslassen, bis er fertig ist!«, ätzte er auf Telegram. Auch Kremlsprecher Dmitri Peskow äußerte sich. Der Fall gehöre vor das Ethikkomitee der Duma, erklärte er. Die Behörden müssten »angemessene Schlüsse« ziehen.

In der KPRF spricht man von einer politische Kampagne. »Das ist eindeutig eine grandiose Provokation gegen Raschkin«, sagte Sergej Obuchow, Sekretär des KPRF-Zentralkomitees der Nachrichtenagentur Ria Nowosti. Parteichef Gennadi Sjuganow drückt sich bisher um eine Stellungnahme. Er müsse sich erst einen Überblick verschaffen, erklärte er am Wochenende. Am Montag hatte die Debatte dann so an Fahrt aufgenommen, dass er zumindest Gerüchte um einen sofortigen Parteiausschluss Raschkins dementierte.

Unterdessen gelangen immer mehr Einzelheiten von der nächtlichen Kontrolle Raschkins an die Öffentlichkeit. Offenbar wurde der Zugriff auf den Duma-Abgeordneten generalstabsmäßig vorbereitet. So wurde Raschkin vor dem Haus seiner Mutter in Saratow dabei gefilmt, wie er am helllichten Tag ein Gewehr und weitere Jagdutensilien in seinem weißen Lada verstaut. Später lagen die Sicherheitsbeamten über Stunden mit einer Wärmebildkamera auf der Lauer, um Raschkin auf frischer Tat zu ertappen.

Ein ähnlicher Aufwand sei bei Ermittlungen gegen wildernde Abgeordnete anderer Duma-Fraktionen bisher nicht beobachtet worden, schreibt die kremlkritische »Nowaja Gazeta«. Auch die sofortige Veröffentlichung vorläufiger Ermittlungsergebnisse in den landesweiten Medien sei auffällig. »So ideal arbeitet das System nur dann, wenn ein politischer Gegner bestraft werden soll«. Allerdings hat nicht nur der Kreml ein Interesse daran, Raschkin aus dem Verkehr zu ziehen. Die Elch-Affäre liefere auch dem konservativen Parteiflügel um KP-Chef Gennadi Sjuganow den lange gesuchten Vorwand, um den ungeliebten Krawallmacher Raschkin endgültig aufs Abstellgleis zu schieben, schreibt die »Nesawissimaja Gazeta«. Von seiner Partei könne er keine Unterstützung erwarten.

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