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Die männliche Urangst

Erektionsstörungen sind weit verbreitet, aber ein Tabu. Es gibt jedoch Behandlungsmöglichkeiten

  • Von Angela Stoll
  • Lesedauer: 5 Min.
Ungewöhnlich geformte Sellerieknolle aus einer Packung mit Suppengrün
Ungewöhnlich geformte Sellerieknolle aus einer Packung mit Suppengrün

»Es war so schrecklich, dass ich es kaum beschreiben kann«, berichtet Werner J. auf der Homepage der Münchner Selbsthilfegruppe Impotenz. Nach einem Herzinfarkt musste er nämlich »mit Erschrecken« feststellen, dass im Bett nichts mehr ging - auch mit Potenzmittel nicht. Er sei ja »kein Weichei«, aber »das hier ist schwerer zu ertragen als physischer Schmerz, Behinderung und sonstige Quälerei, denn es zerstört das Selbstvertrauen und das Selbstwertgefühl von ganz innen. Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen: es ist DIE männliche Urangst, ganz tief in den Urinstinkten verankert, dagegen kommt man mit rationaler Betrachtung nicht an«. Solche Sätze machen klar, welchen Leidensdruck Erektionsstörungen verursachen können. Dabei kann Männern oft geholfen werden, wenn sie den Mut aufbringen, zum Arzt zu gehen.

»Aus Scham bestellen wahrscheinlich viele Betroffene online Medikamente«, sagt der Urologe Jann-Frederik Cremers, leitender Oberarzt am Centrum für Reproduktionsmedizin und Andrologie des Universitätsklinikums Münster. Dadurch könne es passieren, dass Betroffene an Mittel geraten, die für sie ungeeignet sind oder dass sie sich Fälschungen einhandeln. Der Experte schätzt, dass bis zu sechs Millionen Männer in Deutschland unter Erektionsproblemen leiden. Mit dem Alter steigt die Häufigkeit: Ein Drittel aller Männer über 60 sind betroffen, ab 70 ist es bereits jeder Zweite. Es gibt aber auch 20-Jährige, die keine Erektion bekommen oder aufrechterhalten können. Zum Teil sind die Schwierigkeiten nur vorübergehend. Scheitern aber sechs Monate lang zwei Drittel aller Versuche, Geschlechtsverkehr zu haben, weil der Penis nicht hart genug wird oder zu früh erschlafft, sprechen Mediziner von »erektiler Dysfunktion«.

Die Probleme können ganz verschiedene Ursachen haben. So stecken in vielen Fällen Durchblutungsstörungen dahinter, in manchen aber auch Nervenschädigungen oder hormonelle Störungen. Auch Medikamente (etwa Betablocker oder Antidepressiva) verursachen mitunter Potenzprobleme. Abgesehen davon spielen psychische Faktoren eine große Rolle, manchmal sind sie sogar die einzige Ursache.

Der Ablauf einer Erektion ist komplex: Durch Sinnesreize werden Bereiche des Gehirns erregt und Nervenimpulse ausgesandt, die an den Penis weitergeleitet werden. Sie bewirken, dass sich die glatte Muskulatur der Schwellkörper entspannt und sich die Arterien weiten. Dadurch wird die Blutzufuhr erhöht, sodass die Schwellkörper prall werden. Gleichzeitig wird der Abfluss des Blutes verhindert, indem die Venen zusammengepresst werden. In Folge versteift sich der Penis und richtet sich auf. Bei diesem komplizierten Mechanismus kommt es leicht zu Störungen, denen Urologen durch diverse Tests auf die Spur zu kommen versuchen.

»Die Behandlung richtet sich nach der Ursache«, sagt Cremers. »Die Tatsache, dass eine Erektion ausbleibt, sieht zunächst einfach aus. Bildlich gesprochen ist das wie bei einem Auto, das nicht fährt: Man muss zunächst schauen, was der Grund ist. Ist der Motor kaputt? Ist nicht genug Benzin drin? Ist die Motorsteuerung defekt? Je nach Ursache geht man unterschiedlich vor.« Daher sollte auch niemand an sich herumdoktern, sondern sich an einen Arzt wenden. Hinzu kommt, dass Erektionsstörungen auf einen drohenden Herzinfarkt oder Schlaganfall hindeuten können.

Sind die Nerven im Penis intakt, helfen Männern oft Phosphodiesterase-5-Hemmer wie »Viagra«, die für ein paar Stunden die Erektionsfähigkeit verbessern können. Sie gelten als gut verträglich, können aber Nebenwirkungen haben und dürfen etwa bei bestimmten Herzproblemen nicht genommen werden. Ansonsten kommen Medikamente infrage, die direkt in den Penis injiziert oder in die Harnröhre eingeführt werden. Sie führen meist zu einer raschen Versteifung, können aber auch schmerzhafte Dauererektionen hervorrufen.

Eine Option fast ohne Nebenwirkungen sind Vakuumpumpen: Dabei wird auf den Penis ein Zylinder aufgesetzt und über eine Pumpe Unterdruck erzeugt, sodass Blut in die Schwellkörper fließt. Die Erektion wird durch einen Penisring aufrecht erhalten.

Manchmal können auch minimalinvasive Eingriffe helfen, etwa dann, wenn die Probleme auf Gefäßverengungen im Bereich der Becken- und Penisarterien beruhen. In solchen Fällen lässt sich das verengte Gefäß über einen Katheter mit einem Ballon weiten und die Durchblutung wiederherstellen. »Um eine Wiederverengung zu verhindern, setzen wir einen Stent ein, der mit Medikamenten beschichtet ist«, erklärt der Gefäßmediziner Christoph Kalka, ärztlicher Leiter des Zentrums für Gefässmedizin Standort Baden (Schweiz). »Bei zwei Dritteln der Patienten, die so behandelt wurden, verbessert sich die Erektionsfähigkeit signifikant und nachhaltig.« Auch bei einer Störung des venösen Abflusses kann eine Katheter-Therapie helfen: Es kommt nämlich vor, dass zwar genug Blut in den Penis gelangt, aber wegen eines »venösen Lecks« schnell wieder abfließt. So hält sich die Erektion nur kurz. »In dem Fall können wir das Leck minimal-invasiv verkleben, also das Leck dicht machen«, sagt Kalka. »Bei etwa 60 Prozent der Patienten führt der Eingriff zum Erfolg.«

Sind alle Mittel ausgeschöpft, bleibt die Implantation eines künstlichen Schwellkörpers. Da der Eingriff nicht rückgängig gemacht werden kann, sollte er gut überdacht sein. »Die Patienten, die sich dazu entschließen, haben einen langen Leidensweg hinter sich«, sagt Cremers. Einer Studie zufolge sind die meisten von ihnen nach der OP zufrieden.

Mit einer rein medizinischen Behandlung ist das Problem oft nicht erledigt. Betroffene Männer und ihre Partnerinnen oder Partner profitieren von einer begleitenden sexualtherapeutischen Beratung. »Häufig löst sich durch die Gespräche so mancher Knoten«, sagt Katharina Rohmert, Ärztin und Beraterin bei Pro Familia. Auch Selbsthilfegruppen können eine Hilfe sein. Der Austausch mit anderen sorgt oft dafür, dass der Druck, unter den sich viele Betroffene setzen, nachlässt.

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