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Schon wieder impfen?

Während manche Skeptiker noch mit dem Gedanken an den ersten Piks ringen, sollen sich Ältere bereits ihre dritte Spritze holen

  • Von Martin Holtzhauer
  • Lesedauer: 8 Min.
In Israel wird die dritte Covid-19-Impfung inzwischen für alle über 30 empfohlen, um den Immunschutz zu verbessern.
In Israel wird die dritte Covid-19-Impfung inzwischen für alle über 30 empfohlen, um den Immunschutz zu verbessern.

Die Corona-Pandemie, wie die weltweit verbreitete Erkrankung an Sars-Cov-2 verkürzt bezeichnet wird, dauert gefühlt schon ewig. Masken, Lockdowns, Einlasskontrollen, Registrierungen, Tests - die angesagten Einschränkungen gehen immer mehr auf die Nerven, und ein Ende ist nicht in Sicht. Nun werden Erleichterungen unter den Kürzeln 2G und 3G diskutiert, die »pandemische Lage von nationaler Tragweite« soll beendet werden (letzteres eine staatsrechtliche Maßnahme, deren Ende nichts mit einem »Freiheitstag«, einem Tag, wo alle Masken fallen, zu tun hat) - und alles wird auf Impfungen gegen das verursachende Virus bezogen. Und Impfungen sind für viele Menschen etwas Unheimliches. Da wird eine Substanz in den Körper gespritzt, von der man nicht so recht weiß, was sie macht und ob man dabei nicht den Teufel mit dem Beelzebub austreibt. Wie sollte man sich verhalten? In den sauren Apfel beißen oder den Kopf in den Sand stecken? Vielleicht können die nachfolgenden Gedanken ein kleines bisschen bei der Entscheidungsfindung helfen, wie man selbst, wie die Menschen in der näheren und ferneren Umgebung möglichst wohlbehalten und bald aus der misslichen Situation herauskommen.

Im Vorfeld der Zulassung von Impfstoffen wie denen von Astra-Zeneca, Biontech/Pfizer, Moderna und all den anderen wurden einige Tausend Freiwillige geimpft: Ein großer Teil der Probanden erhielt den Impfstoff (Vakzin), ein anderer Teil wurde mit einer unwirksamen, ungefährlichen Substanz, dem Placebo, geimpft. Und dann wurde das Infektionsgeschehen in beiden Gruppen beobachtet. Es konnte gezeigt werden, dass in der Placebo-Gruppe die Infektionsrate so hoch wie in der übrigen Bevölkerung war, bei denen, die eines der später zugelassenen Vakzine erhalten hatten, wurde nur ein Bruchteil derer infiziert wie in der Placebo-Gruppe. Daraus konnte bei zwei der Impfstoffe eine Wirksamkeit von 90 bis 95 Prozent errechnet werden - ein sehr guter Wert. Auch die anderen beiden bei uns zugelassenen Vakzine erreichten in den Tests zwischen 60 und 80 Prozent Schutzwirkung. Untersuchungen zur Delta-Variante dieses Virus deuten darauf hin, dass die Schutzwirkung auch bei den wirksameren mRNA-Impfstoffen »nur« noch im oberen 80-Prozent-Bereich liegt. Für einen antiviralen Impfstoff ist das immer noch sehr hoch. Dennoch heißt das: Bei 50 Millionen Geimpften gibt es 2,5 bis fast zehn Millionen Personen, bei denen die Impfung nicht oder nur eingeschränkt wirkt. Diese könnten sich noch mit Sars-CoV-2 anstecken und so die Krankheit weiterverbreiten. Ist also das Impfen doch nicht so sinnvoll? Hat man den Bürgerinnen und Bürgern etwas verschwiegen oder sie gar manipuliert? Auf die zweite Frage gibt es ein klares Nein, denn die Tatsache, dass die Anti-Covid-19-Impfstoffe keinen absoluten, keinen 100-prozentigen Schutz bringen, wurde niemals verschwiegen, das wurde in Berichten über die oben erwähnten Ergebnisse der Erprobungs- und Verlaufsstudien erwähnt.

Die Antwort auf die erste Frage ist etwas komplexer, denn sie hängt mit dem Umstand zusammen, dass wir Menschen zwar alle gleich sind, aber in biochemisch-immunologischer Hinsicht nicht bis ins letzte Detail. Und dass wir im Laufe unseres Lebens auch nicht gleich bleiben, auch nicht in biochemisch-immunologischer Hinsicht.

Betrachten wir erst einmal ganz abstrakt das Geschehen nach einer Infektion. Nach dem Kontakt z. B. mit einem Virus, genauer: Virus-Protein (oder im Falle eines Impfstoffs mit definierten Proteinen oder Proteinteilen von ihm), dem Antigen, bildet der Wirbeltierorganismus Antikörper. Das dauert ein paar Tage bis Wochen, und dabei vollzieht sich eine stetige Veränderung dieser Antikörper sowohl hinsichtlich ihrer Grobstruktur und -funktion als auch bei ihrer Feinstruktur. Die Billiarden von im Körper gebildeten Antikörper gleichen sich nämlich auch nicht bis in die letzte Einzelheit: Sie binden (»erkennen«) nicht nur an unterschiedlichen Stellen der Aminosäurekette des Antigens - so eine Kontaktstelle ist nur ein Bruchteil im Vergleich zum mehrere Hundert Aminosäuren großen Antigen - sondern auch mit unterschiedlichen Festigkeiten an diese Bindungsstellen. Durch zelluläre Prozesse im Immunsystem setzt dann eine sogenannte Reifung ein, das heißt, es kommt zur vermehrten Bildung der besonders gut bindenden Antikörper.

Erneuter Kontakt verstärkt Reaktion

Erfolgt kein weiterer Kontakt des Immunsystems mit dem Antigen, lässt die Bildung der Antikörper langsam nach, nicht für den »Patrouillendienst« benötigte Antikörper und Immunzellen werden langsam abgebaut. Wenn es jedoch nicht allzu lange nach einem Kontakt zu einem erneuten Zusammentreffen mit dem Antigen kommt, wird vom Organismus sehr schnell die Produktion der besonders wirksamen Antikörper hochgefahren, in der Regel auf ein höheres Niveau als beim ersten Mal. Es tritt eine Verstärkung der Immunantwort auf: im Englischen als boost bezeichnet.

Diese Prozesse laufen bei allen Menschen ab, vorausgesetzt, das Immunsystem ist nicht außer Gefecht gesetzt. Unterschiedlich und nicht vorhersagbar dagegen sind die zeitlichen Verläufe und die Intensitäten der Antikörperbildung und -reifung. Niemand kann sagen, wie diese Prozesse in einer konkreten Person ablaufen, die Erfahrung zeigt nur, dass bei älteren Menschen, wie so vieles andere auch, Immunantwort und -dauer schneller nachlassen als bei jüngeren. Eine sogenannte Titerbestimmung, die durchaus sinnvolle Bestimmung einer spezifischen Antikörpermenge und deren Bindungseigenschaften im diagnostischen Labor, gibt leider nur einen näherungsweisen Anhalt zu den in der jeweiligen Person vorhandenen immunologischen Abwehrkräften.

Im Laufe der langen Forschungsgeschichte zu den immunologischen Prozessen haben sich aber Erfahrungswerte herausgebildet, wann es sinnvoll ist, die Immunreaktion mittels einer erneuten Impfung aufzufrischen, das heißt, wieder einen Boost zu setzen. Übrigens wirkt eine Infektion mit der gleichen Krankheit nach erfolgter Impfung in der Regel ebenfalls als Boost!

Antikörper, die in die Zukunft sehen

Eine weitere, logisch begründbare Erfahrung ist auch, dass dieser Boost-Effekt noch einmal erhöht wird, wenn ein Vakzin verwendet wird, das ein bisschen anders ist als das, was zuvor verwendet wurde, denn dann werden Antikörperpopulationen »herausgekitzelt«, die noch effektiver an das Antigen binden und für dessen Vernichtung sorgen. Die schier unendliche Variabilität des Immunsystems und die nicht zwingend hundertprozentige Passgenauigkeit zwischen Antikörper und Antigen lassen auch Antikörper entstehen, vor allem nach Boosterungen, die scheinbar in die Zukunft sehen können, die experimentell erzeugte Mutanten, die in der Natur noch gar nicht aufgetreten sind, bekämpfen, wie Versuche mit experimentell erzeugten Mutanten belegen.

Wie viel »ein bisschen« ist, ist schwer zu sagen, denn bei einem Impfstoff wirken viele Komponenten zusammen, nicht nur das reine Antigen, und so ist es sinnvoll, zum weiteren Boost (auch die zweite Impfung ist schon ein solcher Boost, erst recht eine dritte) lieber einen als effektiv bestätigten Impfstoff zu verwenden als um jeden Preis einen anderen, möglicherweise in Bezug auf Wirksamkeit oder Verträglichkeit ungünstigeren.

Noch ein weiterer Gedanke zu der Frage, ob das Impfen unnütz ist, besonders vor dem Hintergrund, dass es nicht mit absoluter Sicherheit vor einer Infektion schützt: Die in der Covid-19-Pandemie gesammelten Erfahrungen zeigen, dass der Krankheitsverlauf bei einer Infektion nach Impfung deutlich leichter, weniger dramatisch verläuft als bei einer ungeimpften Person. Allerdings könne auch diese trotz Impfung erkrankten Menschen das Virus weiterverbreiten.

Aber um der Wahrheit die Ehre zu geben, muss gesagt werden, dass es auch vorkommt, dass geimpfte Personen auf einer Intensivstation behandelt werden müssen, ja, dass solche Menschen auch an den Folgen der Infektion sterben können. Nur: Die Betroffenenzahlen sind wie generell die Infektionsraten ungleich geringer als bei den Ungeimpften. Ein Beispiel: Meine Hausärztin, die auch ein Seniorenheim betreut, berichtete mir dieser Tage, dass während der ersten Covid-19-Welle in diesem Heim über fünfzig Bewohner an oder mit dieser Krankheit gestorben sind, jetzt, seit diesem Sommer, glücklicherweise nur ein einziger.

Schützt eine Impfung vor einer Infektion also nur die Geimpften, und die auch nur teilweise? Dazu sollte man sich vergegenwärtigen, wie eine Epidemie/Pandemie abläuft: Ein infizierter Mensch gibt den Erreger an mehrere andere Menschen weiter (das wird durch den R-Wert ausgedrückt, man erinnere sich). So kommt es zu einer exponentiellen Verbreitung (einer steckt zwei an, diese zwei wiederum jeweils zwei, und so weiter). Wenn aber ein Infizierter, gleichgültig, ob er ungeimpft ist oder sein Impfschutz nicht ausreichend war, auf viele durch Impfung oder durchlittene Krankheit immune Menschen trifft, stellen diese eine Art Schutzring dar, die weitere (nunmehr vereinzelte) Gefährdete vor einer Ansteckung schützen. Um in einem Bild zu bleiben, könnte man sagen, dass eine bestimmte Menge Infizierter durch eine große Menge nicht Infizierbarer »verdünnt« wird. Neben dem individuellen Schutz stellt also eine hohe Impfquote einen gesellschaftlichen Schutz dar.

Letzte Alternative Robinson

Welche Schlussfolgerungen kann Mensch nun aus dem Gesagten ziehen? Die eine (A) wäre: Impfen schützt nicht absolut vor einer Infektion, nur ist eine solche wesentlich weniger wahrscheinlich, wie damit auch das Risiko, andere zu infizieren. Und erfolgt doch eine Erkrankung, so verläuft diese in den allermeisten Fällen deutlich undramatischer. Und das Infektionsrisiko kann Mensch, der nicht immer mit Sicherheit sagen kann, ob er infektiös ist oder nicht, zusätzlich zur Impfung, zur Booster-Impfung, noch weiter minimieren, indem er Abstand hält, Maske trägt und besonderen Wert auf Hygiene legt - kurz: nicht leichtsinnig wird.

Oder (B) es wird gepokert: Wer sagt mir denn, dass ich mich infiziere? Und wenn, muss ich zwingend einen dramatischen, möglicherweise tödlichen Krankheitsverlauf abbekommen? Und kann ich denn etwas dafür, wenn sich andere bei mir anstecken - die können sich ja selbst schützen?

Also, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger: Die Entscheidung für (A) oder (B) liegt bei Ihnen. Und da das Infektionsgeschehen auch jetzt noch keine Pause macht, also schnell gehandelt werden muss, wohl wissend, dass viele medizinische und gesellschaftspolitische Fragen noch offen sind: Entscheiden Sie sich für eine der beiden Möglichkeiten! Die Alternative zu (A) oder (B) ist nur ein Leben à la Robinson.

Der Biochemiker Dr. Martin Holtzhauer forschte bis zu dessen Abwicklung am Zentralinstitut für Molekularbiologie der Akademie der Wissenschaften der DDR. Später war er nach mehreren Zwischenstationen bei einer Firma für Diagnostika tätig.

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