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Warten auf die Rückkehr

Die Sahrauis wollen zurück in ihre Heimat in der Westsahara

  • Von Claudia Altmann, Tinduf
  • Lesedauer: 9 Min.
Ein Mann der Sahrauis steht in der Wüste wischen Tinduf and Tifariti.
Ein Mann der Sahrauis steht in der Wüste wischen Tinduf and Tifariti.

Auf dem Boden sitzend gießt Suad Nadschem mit ruhiger, geübter Hand Tee von einem der fünf Gläser ins andere, bis darin zwei Fingerbreit heller Schaum zurückbleibt. Kein einziger Tropfen landet auf dem vor ihr stehenden silberfarbenen Tablett mit Zuckerdose, Minze und den anderen Utensilien. Unterdessen blubbert neben ihr in einem roten Kännchen der grüne Tee auf dem Holzkohleöfchen vor sich hin. Schließlich gibt sie daraus etwas in eines der Gläser und nickt beim Kosten zufrieden. Nachdem sie das hellbraune Getränk aus Kopfhöhe auch in die anderen kleinen Gefäße gefüllt hat, reicht sie diese mit freundlichem Lächeln den um sie Sitzenden. »Trinkt, trinkt!«, fordert sie auf und rückt dabei ihre hellblaue Melhefa zurecht, das fast vier Meter lange dünne Baumwolltuch, in das sich die Frauen von Kopf bis Fuß hüllen. Der süßliche, schwere Duft des Tees erfüllt den möbellosen, an den Wänden mit Teppichen und ein paar Kissen ausgelegten Raum. Er mischt sich mit dem Geruch von Staub, der durch den mit einem Vorhang versehenen Eingang dringt. Die Luft ist heiß und trocken an diesem Herbsttag in der unwirtlichen Wüste im Südwesten Algeriens, wo Suad in einem von fünf Flüchtlingslagern lebt.

Die Teezeremonie gehört seit je her zu den Begrüßungsritualen des Nomadenvolkes der Sahrauis und zu ihrem täglichen Leben. Das war schon so, als sie und ihre Familie noch friedlich in ihrer Heimatstadt Layun in der Westsahara lebten. Aber dieses Leben fand vor 46 Jahren ein jähes Ende, als sie von marokkanischen Soldaten vertrieben wurden und um ihr Leben laufen mussten. »Ich kann mich kaum erinnern, weil ich noch so klein war«, erzählt die heutige Mittfünfzigerin. »Aber ich weiß noch, dass meine Eltern und die anderen alles zurücklassen mussten. Auf der Flucht wurden wir aus der Luft angegriffen und mit Napalm bombardiert. Es gab viele Tote.« Sie gehörten zu jenen, die es bis hierher zu Fuß geschafft haben. »Als wir hier ankamen, ging es nur ums Überleben und darum, erst mal etwas über dem Kopf zu haben. Ich habe mit meiner Familie in einem provisorischen ›Zelt‹ aus Melhefas gewohnt. Das hat weder gegen die Kälte im Winter noch gegen Wind und Hitze geschützt«, erinnert sie sich. »Die Menschen haben das ertragen. Wir wollten in unsere Heimat zurückkehren, deshalb haben die Männer zu den Waffen gegriffen und die Frauen sind allein hiergeblieben. Aber dann wurde allen klar, dass der Krieg länger dauern würde.«

Es sollte ein Krieg um die letzte Kolonie Afrikas und der längste militärische Konflikt auf dem Kontinent werden. Begonnen hatte alles, als sich 1975 die damalige Kolonialmacht Spanien aus der Westsahara zurückzog und das am Atlantik gelegene Gebiet völkerrechtswidrig an Marokko und Mauretanien übergab. Um seine Ansprüche zu untermauern, siedelte Marokko 1975 etwa 350 000 Marokkanerinnen und Marokkaner auf dem Territorium an. Bereits 1973 hatte sich dort die Frente Popular de Liberación de Saguía el Hamra y Río de Oro, kurz Polisario, gegründet und gegen die spanische Armee gekämpft. Nun richtete die Befreiungsfront mit algerischer Unterstützung die Waffen gegen die neuen Besatzer. Während sich Mauretanien 1979 aus dem Konflikt zurückzog, stehen sich Polisario und marokkanische Armee bis heute feindlich gegenüber.

In den 80er Jahren errichtete Marokko einen 2700 Kilometer langen militärischen Sandwall und okkupiert seitdem zwei Drittel der rohstoffreichen Westsahara, einschließlich der Atlantikküste. Der landeinwärts an der mauretanischen und algerischen Grenze gelegene Teil wird von der Polisario kontrolliert. Die Einwohnerzahl der Westsahara wurde 2013 auf 570 000 geschätzt, davon ein Zehntel in den befreiten Gebieten. Algerien nahm 1975 etwa 70 000 Geflohene in der Region um Tinduf auf. Heute leben hier nach UN-Angaben 175 000 Flüchtlinge in Camps, die nach den größten Städten der Westsahara benannt wurden: Layun, Smara, Auserd, Budschdur und Dakhla. Auch die Exilregierung der 1975 ausgerufenen Demokratischen Arabischen Sahara-Republik mit Ministerien und Präsidialamt hat hier ihren Sitz. Und von hier werden die Verwaltung, die Versorgung in den medizinischen Zentren und das Schulwesen koordiniert.

An die erste Zeit erinnert sich Suad noch gut. »Als die Lager gegründet wurden, haben sich die Menschen verteilt und begonnen, ihr Leben zu organisieren. Meine Familie ist hier im Camp Layun geblieben. In der Heimat hatte mein Vater Gärten, dieser Arbeit ist er dann auch hier nachgegangen. Ich selbst habe hier geheiratet und fünf Kinder zur Welt gebracht.« Gearbeitet hat sie in der Frauenorganisation. Ihr ganzes bisheriges Leben war von der Hoffnung auf Rückkehr getragen. Dafür ist ihr Bruder im Krieg gefallen, hat ihr jetzt schwerkranker Mann seine Gesundheit gegeben und sind ihre drei Söhne in die Armee eingetreten. Als die Rede auf den neuen UN-Sonderbeauftragten kommt, der seit Anfang November den seit 30 Jahren stockenden Friedensplan der Vereinten Nationen wiederbeleben soll, wird ihr Gesicht ernst. »Es sind doch schon so viele hergekommen. Bei jedem Besuch hatten wir Hoffnung, dass sich danach etwas tut. Aber es war immer das Gleiche: nichts. Wenn auch der Neue nichts ausrichten kann, kann er bleiben, wo er jetzt ist«, sagt sie, und ihre sonst sanfte Stimme wird lauter.

1992 hatte sie schon auf gepackten Koffern gesessen. Der Friedensplan war gerade ein Jahr alt, und alle hatten gehofft, dass mit dem darin vereinbarten Waffenstillstand und dem geplanten Referendum über die Unabhängigkeit oder die Zugehörigkeit zu Marokko endlich der Weg in die Heimat geebnet wird. Wie alle hatte auch sie sich in die Listen für die Orte eingetragen, in die jeder zurückgehen wollte, aber die Abstimmung wurde von Marokko boykottiert. Die Regierung in Rabat siedelte dazu Zehntausende angebliche Sahrauis in die besetzten Gebiete als potenzielle Wähler um.

Die Vereinten Nationen setzten eine erneute Überprüfung der Stimmberechtigten an, die jedoch zu keiner Einigung der Konfliktparteien führte. »Irgendwann haben wir verstanden, dass die UNO nie wirklich eine Lösung wollte, sondern immer nur alles hinauszögert. Und wir sitzen immer noch hier«, sagt sie mit Bitterkeit in der Stimme. Um die Zelte, die sie damals schon abbauen wollten, sind inzwischen feste Gebäude entstanden, seit einigen Jahren sind die Lager an das algerische Stromnetz angeschlossen. Lediglich in Suads Camp müssen sich die Menschen noch mit Autobatterien oder kleinen Solaranlagen versorgen.

Mit dem Geld aus der Diaspora haben einige Familien kleine Läden eröffnet. Wer es sich leisten kann, kauft dort oder in Tinduf Lebensmittel und andere Dinge für den Alltag. Die vom UN-Flüchtlingshilfswerk organisierten Lieferungen von Zucker, Reis, Linsen, Datteln und Nudeln sind in den vergangenen Jahren immer weniger geworden. »Manchmal warten wir zwei Monate auf die Verteilung«, sagt Suad. Einige Lebensmittel, die sie früher erhalten hätten, wie etwa Obst, Gemüse und Dosenfisch, gäbe es nicht mehr. Während Suad erzählt, kommt gerade ein Lkw mit der Lieferung für den nächsten Monat im Lager an und wird von drei Männern an den Verteilungspunkten abgeladen. In einem dieser kleinen überdachten Hangars stapeln sich ein paar Dutzend der weißen Säcke mit dem blauen Aufdruck des Welternährungsprogramms. Khadeidje El-Haschem nimmt die Lieferungen einmal im Monat entgegen.

Seit über 40 Jahren ist sie in diesem Sektor des Lagers für die Verteilung verantwortlich. »Diesmal warten wir schon seit zwei Wochen darauf«, sagt sie und lässt einen kleinen rosa Plastikbecher durch einen der Säcke gleiten. »Das ist die Zuckerration für eine Person«, erklärt sie und zeigt auf die etwa 500 Gramm. »Na ja, wir sind Flüchtlinge und können da nicht viel erwarten.« Es ist normal, dass die Frauen – wie Khadeidje – Verantwortung bei der Organisation des Lebens übernehmen. Seit jedoch der Waffenstillstand vor knapp einem Jahr von der Polisario nach mehreren Provokationen Marokkos aufgekündigt wurde, liegt nahezu alles auf ihren Schultern.

Dies zu koordinieren, sei eine große Herausforderung, sagt die Bürgermeisterin des Camps Auserd, Meriem Salek. »Die Männer sind fast alle wieder in den Krieg gezogen. Also müssen die Frauen ihre Plätze in der Verwaltung, Bildung und allen anderen Bereichen einnehmen.« Außerdem seien viele Menschen aus den von der Polisario kontrollierten Gebieten vor den Drohnenangriffen der marokkanischen Armee in die Lager geflüchtet. »Sie mussten ihr ganzes Hab und Gut zurücklassen und brauchen eine Bleibe und zu essen«, beschreibt die Mittvierzigerin die Situation. Aber sie seien bereit, diese zusätzliche Last zu tragen.

Nach den Enttäuschungen der zurückliegenden Jahre stehen sowohl Männer als auch Frauen hinter der Entscheidung der Polisario-Führung, den Kampf wieder aufzunehmen. Dennoch waren viele überrascht, ob des großen Ansturms auf die Rekrutierungszentren. Binnen kurzer Zeit gab es kaum noch Männer in den Lagern. Vor allem junge Leute – ihr Anteil an der Flüchtlingsbevölkerung liegt bei 60 Prozent – folgten dem Aufruf.
Zu jenen, die dennoch geblieben sind, gehört Sidahmed Jouly. Der 22-Jährige arbeitet für eine dänische Nichtregierungsorganisation, die Mini-Unternehmen für junge Leute unterstützt und am Minenräumprogramm in den Polisario-Gebieten der Westsahara beteiligt ist. Zudem klärt er in den sozialen Netzwerken zusammen mit Sahrauis im Ausland und in den besetzten Gebieten über die Ausplünderung der Rohstoffe in der Westsahara durch Marokko auf. Er selbst sieht seinen Platz in dieser Arbeit, kann aber die Entscheidung der anderen nachvollziehen. »Sie sind in den Lagern aufgewachsen, einige haben ihre Eltern schon hier begraben. Die Heimat kennen sie nur aus den Geschichten ihrer Großeltern und Eltern. Wenn sie dann zum Studium oder zur Berufsausbildung nach Algerien oder Spanien gehen, sehen sie dort ihre Altersgenossen, die ein sinnerfülltes Leben führen. Das ist sehr frustrierend, denn hier haben sie keine Perspektive.«

Über die Jahre sei der Druck auf die Polisario-Führung dadurch immer größer geworden und die Stimmung sehr angespannt gewesen. Er könne daher den Enthusiasmus verstehen. »So etwas habe ich vorher noch nie gesehen. Fast alle Männer sind Soldaten geworden. Es war wohl so, wie damals in den 70er und 80er Jahren beim ersten Krieg.« Auch aus dem Ausland seien junge Männer zurückgekommen und hätten dafür wegen der Pandemie und der geschlossenen algerischen Grenze lange Wege zurückgelegt. »Sie sind über die Türkei, den Senegal nach Nouakchott geflogen und dann von Mauretanien mit dem Auto in die Lager gekommen, um sich rekrutieren zu lassen.« Auch in den sozialen Netzwerken habe es viele Aufrufe zur Rückkehr gegeben. »Ich denke, dass unsere Führung diese Gelegenheit nutzen muss. Es ist eine vielleicht einmalige Gelegenheit, die Menschen in den Lagern, der Diaspora und den besetzten Gebieten zu mobilisieren und hinter sich zu bringen.«

Das sieht Suad Nadschem genauso. »Wir sind eigentlich ein friedfertiges Nomadenvolk, aber offenbar gibt es keine andere Option für uns. Meine Generation ist in den Flüchtlingslagern alt geworden. Wir haben unsere Brüder und Männer geopfert und jetzt ist es eben an unseren Söhnen, diesen Kampf fortzusetzen.«

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