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Kein Platz für Bedürftige

Hansaplatz erhält »Goldene Keule« als obdachlosenfeindlichster Ort Berlins

  • Von Claudia Krieg
  • Lesedauer: 4 Min.
Wärme gegen die Kälte im U-Bahnhof Hansaplatz? Das war einmal.
Wärme gegen die Kälte im U-Bahnhof Hansaplatz? Das war einmal.

Florian Bartholomäi ist sicher: »Wenn ich für einen Preis nominiert werde, dann möchte ich ihn auch bekommen, aber diesen Preis möchte wirklich niemand haben.« Bartholomäi ist Schirmherr der Verleihung der »Goldenen Keule«, die am Sonntagabend im Berliner Grips-Theater vergeben wurde. Sie kürt den von einer vierköpfigen Jury ausgewählten Ort in der Hauptstadt, an dem die Feindlichkeit gegenüber obdach- und wohnungslosen Menschen besonders groß ist. Florian Bartholomäi ist als Schauspieler einmal in die Rolle eines frustrierten, jungen Mannes aus Brandenburg geschlüpft, der im Film »Weltstadt« einen Obdachlosen anzündet. Eine Rolle, aus der er wieder aussteigen konnte.

Aber, so erklärt es auch Grips-Schauspielerin Regine Seidler: »Obdachlosigkeit zieht man nicht aus wie eine Rolle.« Seidler spielt seit 2016 am Grips das Stück »Aus die Maus« über das Leben als Obdachlose auf den Straßen Berlins. Zu Beginn des Abends erscheint sie deshalb als ihre Figur »Kippe« auf der Bühne. Dann führt sie vor quasi ausverkauftem Haus unter 2G-Regel durch das Programm. »Unvereinbare Welten« seien die Realitäten von Menschen mit oder ohne Obdach, sagt Seidler zu Erfahrungen und Diskussionen mit dem Publikum des Stücks.

Die Idee, einen zweifelhaften Preis zu verleihen, der darauf verweist, wie feindlich auf Menschen im öffentlichen Raum reagiert wird, die ohne eigene Wohnung sind, psychische Probleme haben oder drogen- und alkoholkrank sind, gab es bereits vor zwei Jahren, erklärt Andreas Abel vom Verein Gangway. Abel ist Straßensozialarbeiter und schlägt den Hansaplatz zunächst für die Nominierung vor. Er berichtet, wie Initiativen von Anwohner*innen und Ladeninhaber*innen zunächst versucht hatten, mit einer »Platzordnung« ein Aufenthaltsverbot für obdachlose Menschen in der unmittelbaren Nähe des U-Bahnhofs zu erwirken, der einmal »Kältebahnhof« war – mithilfe des Bezirksamts Mitte. »Es gibt kein Recht, den Aufenthalt im öffentlichen Raum zu verbieten, denn hier gilt das Freizügigkeitsrecht«, empört sich Abel.

Dann zeigt er Bilder von einer neuerdings eingerichteten Höhenbegrenzung für Fahrzeuge, die den Parkplatz neben dem Karree aus Geschäften nutzen, zu dem auch das Grips-Theater gehört. Nur Fahrzeuge unter 1,80 Meter Höhe sollen demnach die Parkmöglichkeit nutzen, auch wenn es kein Dach oder sonstige Hinweise gibt, die das sinnvoll erscheinen lassen.

»Es gibt kein Recht, den Aufenthalt im öffentlichen Raum zu verbieten, denn hier gilt das Freizügigkeitsrecht.«
Andreas Abel Gangway

»Nur ein Fahrzeug über 1,80 Meter nutzt diesen Parkplatz: der Kleinbus der Berliner Obdachlosenhilfe. Die verteilt hier jeden Sonntag um 18.30 Uhr ein warmes Essen an Obdachlose.« Der ehrenamtlichen Initiative hatte man seitens der Gewerbetreibenden vorgeworfen, Obdachlose »anzulocken« und »Geschäftsschädigung« zu betreiben – »am Sonntagabend«, meint Abel dazu kopfschüttelnd. Solche mehr oder weniger kreativen Versuche der Vertreibung von Betroffenen und ihren Unterstützer*innen gibt es berlinweit.

Insgesamt haben Mitarbeiter*innen von Gangway 30 öffentliche Orte in der Hauptstadt unter die Lupe genommen, an denen Menschen »Platte machen« und abgesehen von ihrer Situation auch noch damit kämpfen müssen, dass man sie dort nicht haben will. Vier wurden in die engere Auswahl genommen, neben dem Hansa- auch der Alexanderplatz und der Ostbahnhof. Videoüberwachung, angeblich künstlerisch motivierte Licht- und Musik-»Installationen« sollen Menschen vom Aufenthalt abhalten, Sitzgelegenheiten werden abmontiert oder mit Gittern und Eisenspitzen »umgestaltet«.

Auch die Habersaathstraße 40-48, ein seit zehn Jahren leer stehendes offensichtliches Immobilien-Spekulationsobjekt mit Wohnungen für etwa 100 Menschen, war nominiert. Das Gebäude war vor einem Jahr von einer Gruppe Obdachloser besetzt worden, die sich angesichts des angekündigten zweiten Lockdowns zur Eindämmung der Corona-Pandemie selbstorganisiert einen Schutzraum suchen wollten (»nd« berichtete). Nach neun Stunden ließ man das Haus polizeilich räumen.

»Hier wäre die Gelegenheit gewesen, Obdachlosigkeit schnell zu beenden«, sagt Annegret Taube von der Berliner Obdachlosenhilfe, die Menschen dort unterstützt hat. Aber die Eigentumsinteressen seien vor deren nötigste Bedürfnisse gestellt worden. Man habe so einen Versuch, sich emanzipiert und selbstorganisiert aus der Situation der Obdachlosigkeit zu befreien, bekämpft und vernichtet. Annegret Taube nimmt an diesem Abend für ihren Verein die »Goldene Platte« entgegen, mit dem – als Pendant zur »Goldenen Keule« – Engagement für Schutzbedürftige auf der Straße ausgezeichnet wird.

Vor dem Grips-Theater ist es an diesem Abend trotz der Kälte etwas wärmer als sonst. Unter den nahe gelegenen S-Bahn-Bögen gibt es Essen für die Anwesenden, unter denen auch einige obdachlose Menschen sind. Die Art freundlicher Aufmerksamkeit wird ihnen schon am nächsten Morgen am Hansaplatz wohl kaum entgegenschlagen.

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