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Profifußball versus Politik

Corona: Wie die Bundesliga sich wieder gegen Einschränkungen wehrt

  • Von Frank Hellmann, Mainz
  • Lesedauer: 4 Min.
Abstand gibt es in Fußballstadien, wie hier am Sonntag in Mainz, nur zwischen Team und Fans.
Abstand gibt es in Fußballstadien, wie hier am Sonntag in Mainz, nur zwischen Team und Fans.

Der Profifußball liefert dieser Tage zwangsläufig eine Menge Bilder, die nicht zu den sich verstärkenden Forderungen passen, die Zahl der Kontakte erneut einzuschränken. Als der FSV Mainz und 1. FC Köln am Sonntagabend den zwölften Spieltag in der Bundesliga mit einem 1:1 beschlossen, entstand ein besonderes Kontrastprogramm. Der Block mit den Mainzer Ultras unter den 25 500 Zuschauern hatte beispielsweise bewusst nicht darauf verzichtet, nach Leibeskräften zu singen. Dicht an dicht. Ohne Maske. In der Halbzeitpause versammelte sich auf dem Rasen eine Gruppe ehemaliger Mainzer Fußballer, die vor einem Vierteljahrhundert unter dem verstorbenen Trainervisionär Wolfgang Frank in der zweiten Bundesliga einen irren Abstiegskampf überstanden. Zum Erinnerungsfoto nahmen sich alle in den Arm. Berührungsängste waren auch auf beiden Trainerbänken nicht zu beobachten, als mit aufgerissenen Mündern heftig gestritten wurde. Hier der eine persönliche Beleidigung beklagende Mainzer Fußballlehrer Bo Svensson und sein Assistent Babak Keyhanfar, dort der keifende Kölner Co-Trainer Kevin McKenna.

Besonders vorbildhaft sah das alles angesichts der aktuellen Coronalage nicht aus. Dennoch kritisierte der Mainzer Sport-Vorstand Christian Heidel im Anschluss nicht das eigene Lager, sondern die Politik. Wenn eine 2G-Regel für Fußballprofis nach den Bund-Länder-Beratungen sofort in den Vordergrund gestellt werde, dann habe er schon den Eindruck, »um andere Probleme, um das, was hier politisch in den letzten Monaten passiert ist, zu übertünchen: Das gefällt mir überhaupt nicht. Wenn wir es auf dem normalen Weg nicht hinbekommen, hätte ich auch nichts gegen eine Impfpflicht einzuwenden.« Die mehr als 90 Prozent geimpften Spieler, die es nach Angaben der Deutschen Fußball-Liga sind, seien doch nicht das Problem hierzulande. Deswegen sei die Forderung »einfach Populismus«.

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Da schien sich bei Heidel mächtig Ärger angestaut zu haben. Sein Ausbruch steht stellvertretend für den Unmut einiger Ligavertreter über politische Versäumnisse. Und: Die Nervosität wächst vielleicht auch deshalb, weil sich mit der vierten Welle für den Profifußball die nächsten Zuschauerbeschränkungen ankündigen. erwischt hat es als ersten Erstligisten den Champions-League-Teilnehmer RB Leipzig, der im von der Pandemie besonders betroffenen Bundesland Sachsen mindestens bis zum 12. Dezember wieder Geisterspiele austragen muss. In einer Stellungnahme hatte der Verein das Land dafür gescholten, »keine tragfähigen Konzepte« zur Eindämmung der Pandemie umzusetzen.

Symbolisch den mahnenden Zeigefinger hob Hans-Joachim Watzke, einer der am besten in die höchsten politischen Ebenen vernetzten Bosse: Der Geschäftsführer von Borussia Dortmund warnte auf der Mitgliederversammlung davor, eine bundeseinheitliche Regelung einzuführen. Eine Kollektivhaft dürfe es nicht geben. Denn: Den Bundesligagipfel gegen den FC Bayern will der BVB am 4. Dezember unbedingt vor großer Kulisse spielen. Der Rekordmeister aus München muss sich selbst wohl wieder auf Einschränkungen einstellen: Ministerpräsident Markus Söder will, dass bis zum 15. Dezember die Auslastung von Stadien und Hallen in Bayern bei Sportveranstaltungen auf maximal 25 Prozent beschränkt wird.

Wie groß aber ist die Ansteckungsgefahr bei einem Stadionbesuch wirklich? Selbst Experten streiten darüber. Der Frankfurter Virologe Martin Stürmer hat gerade wieder seine Haltung unterstrichen, dass die 2G-Regel nicht ausreichend ist. »Trotzdem sind die Menschen sehr eng beieinander, sie jubeln, sie schreien - da ist viel Kontakt und Möglichkeit sich anzustecken.« Damit es sicherer werde, empfiehlt er neben zusätzlichen Tests und einer Maskenpflicht notfalls auch eine Reduktion der Zuschauerzahl.

Für den Biophysiker Gerhard Scheuch, der als Koryphäe unter den Aerosolwissenschaftlern gilt, macht es überhaupt keinen Sinn Großveranstaltungen unter freiem Himmel abzusagen. Man habe nach Pandemiebeginn relativ schnell festgestellt, dass es »fast ausschließlich in Innenräumen zu Ansteckungen kommt«. Sich in einem Stadion aufzuhalten, sei überhaupt keine Gefahr. »Aufpassen würde ich bei solchen Ereignissen bei der An- und Abreise, auf den Toiletten und dann natürlich in den Logen. Das sind die gefährlichsten Orte.« Er könne nur wiederholen, was er schon im vergangenen Jahr gesagt habe: »Wenn ich Politiker wäre, würde ich alles dafür tun, die Leute zu motivieren, ins Freie zu gehen. Also, raus an die frische Luft, auf Weihnachtsmärkte, ins Stadion, auch mal in den Park.«

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