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In 90 Minuten von Berlin nach Szczecin

Zwischen Angermünde und polnischer Grenze wird die Bahnstrecke für Tempo 160 ausgebaut

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 3 Min.
Beim offiziellen Baustart in Angermünde
Beim offiziellen Baustart in Angermünde

Die Politiker und Bahnvorstände lassen Sirenen heulen und ein Kran hebt Betonschwellen an. So startet am Dienstag in Angermünde offiziell der Ausbau der Bahnstrecke von Berlin nach Szczecin. Auf den insgesamt rund 135 Kilometern Schiene werden die 49 Kilometer von Angermünde bis zur polnischen Grenze elektrifiziert und fit gemacht für Tempo 160. Dabei wird da, wo die Strecke im Moment noch eingleisig ist, ein zweites Gleis gelegt und fünf Bahnhöfe erhalten einen zweiten Bahnsteig. 480 Millionen Euro kostet das zusammen. 380 Millionen zahlt der Bund, den Rest übernehmen die Länder Berlin und Brandenburg.

Zunächst ist der Abschnitt von Angermünde nach Passow dran. Hier wird es während der Bauarbeiten Pendelverkehr geben. Wenn die Baustelle 2023 weiterrückt auf den Abschnitt von Passow bis zur Grenze, kommt es dort zu einer Totalsperrung und Schienenersatzverkehr mit Bussen. Ende 2025 soll alles fertig sein und damit ein Jahr früher als ursprünglich geplant. »Wir krempeln die Ärmel hoch«, verspricht Ronald Pofalla. Er ist im Vorstand der Deutschen Bahn AG für die Infrastruktur zuständig.

Berlins Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) freut sich, jetzt noch beim symbolischen ersten Spatenstich dabei zu sein. Denn am 21. Dezember scheidet sie aus ihrem Amt. Aber dieses Bauprojekt, um das viele Jahre gerungen wurde, sei ihr eine »Herzenssache«, sagt sie. Anfangs entstand bei ihr der Eindruck, dass sich die Begeisterung der Deutschen Bahn für den Ausbau dieser Strecke in Grenzen hält. Aber man wäre heute nicht hier, wenn sich das nicht geändert hätte. »Die Bahn wird oft gescholten. Hier muss sie mal gelobt werden.«

Für Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) ist das Vorhaben ein »großer Schritt nach vorn, was klimaneutrale Mobilität betrifft«. Seiner Ansicht nach wäre es keine Lösung, das Autofahren einfach zu verbieten oder die Spritpreise so zu erhöhen, dass sie niemand mehr bezahlen kann. Noch brauchen die Menschen in der Uckermark ihr Auto, um zur Arbeit zu kommen. Da helfen nach Überzeugung des Ministerpräsidenten nur attraktive Bahnverbindungen. »Wir brauchen mehr solche Projekte«, findet er.

Die Fahrzeit von Berlin nach Szczecin wird sich bei Tempo 160 auf anderthalb Stunden verkürzen. Reisende werden also 20 Minuten schneller ans Ziel gelangen. Es wird ein technisches System installiert, das den Wechsel der Fahrzeuge in Polen überflüssig macht. Alle Hürden sind noch nicht beseitigt im grenzüberschreitenden Verkehr. Denn im deutschen und im polnischen Eisenbahnnetz werden unterschiedliche Stromsysteme verwendet. Das erfordert den Einsatz von Spezialfahrzeugen.

Die Bahnstrecke ist eine der ältesten in Deutschland. Als sie 1843 eröffnet wurde, fuhren noch Dampfloks. Inzwischen sind es Dieselzüge. Sie können ausrangiert werden, wenn die fehlenden 40 Kilometer elektrifiziert sind. Die Elektrifizierung ist auch erforderlich, damit die Züge in den unterirdischen Bahnhof des Hauptstadtflughafens BER einfahren können. Das ist von Belang, da nicht wenige Einwohner von Szczecin via Airport BER in den Urlaub fliegen. Umgekehrt erhofft man sich Berliner Touristen, die über Szczecin an die polnische Ostseeküste reisen, um dort Ferien zu machen. Dazu kommt der Warenverkehr zwischen Berlin und dem Hafen von Szczecin. Vielleicht lässt sich überdies der Hafen von Schwedt an die Strecke anbinden, meint Enak Ferlemann. Der Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium erklärt: »Ich hoffe, dass wir im Zeit- und Kostenrahmen bleiben.«

Gebaut wird nicht nur auf deutscher Seite. Für den Ausbau auf dem kürzeren polnischen Abschnitt sei die Machbarkeitsstudie fertig und man befinde sich jetzt in der Phase der Planung, erläutert Arnold Bresch, Vorstand des polnischen Eisenbahnunternehmens PKP Polskie Linie Kolejowe.

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