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Auf Goethes Spuren zum Gipfel

Die Schneekoppe inspirierte schon Dichtergrößen. Auf Schneeschuhen folgen heute Touristen den Spuren von Goethe und Hauptmann

  • Von Rasso Knoller
  • Lesedauer: 4 Min.

Goethe war schon da und Gerhart Hauptmann auch. Und jetzt bin ich zum Gipfel der Schneekoppe unterwegs. Allerdings nicht wie die beiden Dichterfürsten im Sommer mit dem Gehstock in der Hand, sondern mitten im Winter mit Schneeschuhen an den Füßen. Der Wind pfeift mir ins Gesicht während ich langsam, Schritt für Schritt, nach oben steige, hinauf zum Gipfel des gut 1600 Meter hohen Berges. Wer die Schneekoppe als erster bezwungen hat, weiß man nicht. Der erste nachweisbare Gipfelsturm war anno 1456. Damals wanderte ein venezianischer Kaufmann zur Spitze des Berges, ums Gipfelglück ging es ihm aber gar nicht, er war auf der Suche nach Edelsteinen.

Die Schneekoppe liegt nur knapp 90 Kilometer von der deutsch-polnischen Grenze in Görlitz entfernt. Vor der Wende zählte der Berg im Riesengebirge zu den beliebtesten Auslandsreisezielen ostdeutscher Touristen, und auch heute stellen die Deutschen - allerdings aus Ost und West zusammengezählt - in der Region erneut die wichtigste ausländische Besuchergruppe.

Der Anstieg hinauf zum Gipfel der Schneekoppe ist lang und anstrengend, erfordert aber - zumindest bei schönem Wetter - keine besonderen bergsteigerischen Fähigkeiten. Und wenn man es langsam angehen lässt, reicht auch eine »Durchschnittskondition« für die Bergbesteigung aus. Im Winter kann das Wetter schnell wechseln. Bei Nebel oder Schneetreiben kommt man dann leicht vom Weg ab. Da vertraut man sich besser einem Guide wie Patrycja Osciak an. Die junge sportliche Frau führt unsere kleine Gruppe den Berg hinauf und erzählt, dass wir auf traditionsreichen Wegen unterwegs sind. Früher sei man nämlich lieber über die Berge gegangen als unten durch die Täler. Der Räuber wegen, die drunten auf die Reisenden lauerten. Musikalisch setzte das Carl Maria von Weber um, der sich für seinen »Freischütz« vom Riesengebirge inspirieren ließ.

Der Wind hat den Schnee an meiner Windjacke festfrieren lassen, und mit den Eiskristallen im Gesicht sehe ich ein bisschen aus wie Reinhold Messner bei der Besteigung des Mount Everest. Zumindest komme ich mir ähnlich verwegen vor, bei diesem Gipfelsturm des kleinen Mannes. Nach knapp drei Stunden erreichen wir die Teichbaude, die Hütte auf 1195 Metern Höhe.

Hinter der Tür erwartet uns Grazyz Zaleck. Die 64-jährige Hüttenwirtin rückt mein Bild vom Bergheldentum schnell wieder zurecht. Wenn sie von Wintern erzählt, in denen man hier oben eingeschneit und die Hütte bis zum ersten Stock im Schnee versunken war, wird mir schnell klar, dass von strengen Bedingungen trotz meines vor Anstrengung pumpenden Herzens wahrlich keine Rede sein kann. Vor dem Fenster liegt der Teich, der der Baude ihren Namen gegeben hat, zugefroren in der Sonne. Einzig der Wind, der ums Haus pfeift, schafft die Illusion des großen Abenteuers. Grazyz Zaleck ist eigentlich Flachländerin, sie kommt von der Ostseeküste, hilft aber den Besitzern schon seit Jahren aus. Die Einsamkeit liebe sie hier oben am meisten, sagt sie, und die genieße sie vor allem, wenn schlechtes Wetter die Wanderer fern der Hütte hält. Fotografiert werden will die zurückhaltende alte Dame nicht. Irgendwie hat man das Gefühl, dass sie die Gäste zwar freundlich bedient, aber dann doch froh ist, wenn die Störenfriede wieder von dannen ziehen und sie mit ihren Gedanken zurückbleiben kann.

Nach einer großen Tasse Tee und der Hüttensuppe schnallen auch wir unsere Schneeschuhe wieder unter die Füße und steigen weiter den Berg hinauf. Bis zur nächsten Hütte ist es aber diesmal nur eine knappe halbe Stunde. In der Hampelbaude hat auch schon Goethe übernachtet und nach ihm viele andere, die den Sonnenaufgang auf der Spitze der Schneekoppe erleben wollten. Uns aber treibt es bald wieder hinaus aus der Hütte weiter in Richtung Gipfel. Wer mit Schneeschuhen die Strecke auf den Gipfel und zurück an einem Tag schaffen will, muss früh aufstehen und auf lange Pausen verzichten. Unsere Anführerin Patrycja mahnt zur Eile und spannt sich für den Endanstieg als Lokomotive vor die Gruppe. Den Blick starr nach unten folge ich ihren rhythmischen Schritten. Eins, zwei, eins, zwei zähle ich in Gedanken mit und nehme mir vor, den Blick erst wieder am Gipfel zu heben. Der Schnee knirscht unter dem Plastik der Schneeschuhe, der immer stärker wehende Wind lässt die gefühlte Temperatur in den Keller rauschen. Da kommt auch die tapfer scheinende Wintersonne nicht dagegen an. Endlich, eine gute Stunde später, haben wir ihn erreicht - den Gipfel, auf dem schon Goethe und Hauptmann begeistert standen. Durchgeschwitzt und erschöpft fühle ich mich jetzt doch ein bisschen wie Messner auf dem Everest. Patrycja steht neben mir und lächelt. Völlig entspannt hält sie mir ein Stück Traubenzucker hin.

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