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Schneeschuh, Loipe oder Piste?

Zum ersten Mal mit den Kindern zum Wintersport in den Alpen: Ein Familienexperiment in Südtirol

  • Von Stefan Weißenborn
  • Lesedauer: 6 Min.

Wir sind das erste Mal in den Alpen zum Wintersport. »Ach was?«, wundert sich Stefanie Pfeifhofer. Als Südtirolerin kann sie es kaum fassen, dass man mit sechs oder gar zehn, das Alter unserer Söhne, zum ersten Mal auf Skiern steht. Dabei sind wir eine normale Familie mit zwei Kindern, die sich darauf freut, in den Winter zu fahren, wenn er zu Hause zu oft ausbleibt. Mit dem Winter ist das aber selbst auf 1200 Metern Höhe so eine Sache.

Der Vater hat sich etwas ausgedacht: einmal alles ausprobieren, was geht, um nachher zu wissen, was in den winterlichen Bergen als Familie am meisten Spaß macht. Also steht nicht nur Ski alpin auf dem Programm. Auch Schneeschuhwandern (Achtung, Blockade- und Langeweile-Alarm!), Langlauf (Schauen wir mal!) und Nachtrodeln (Mein Geheimtipp für Thrill & Fun!) haben wir uns vorgenommen.

Rodeln, das kennen die Kinder von zu Hause. Daran knüpfen wir an, als wir im beschaulichen Gsiesertal am Blaslahof in Südtirol ankommen - eine Familienunterkunft, die diesen Namen verdient. Anders als Unterkünfte, die sich familienfreundlich nennen, aber auf Eltern-Kind-Trennung setzen, damit die Alten bei Spa-Anwendungen entspannen, während die Jungen von Betreuern bespaßt werden, setzt Betreiber Martin Steger auf eine »Einfachheit, dass man zusammen alles Mögliche unternehmen kann«. Kurzum: An den Frühstücksraum schließt sich ein helles Spielzimmer mit bodentiefen Fenstern an, so dass in Sichtweite Indoor-Baumhaus und Kletternetz auf Belastung geprüft werden, während Mama und Papa ihren zweiten Kaffee schlürfen, aber trotzdem dabei sind.

Draußen vor dem Fenster entdecken die Kinder eine Hütte, in der Rutschgefährte lagern, Schlitten, Po-Rutscher, Skiböcke. Kurz darauf zuckeln die Kleinen Richtung Hang, der immerhin noch mit einer Schneekruste überzogen ist. »Das letzte Mal richtig geschneit hat es im Dezember«, sagt Martin. Was den Kindern herzlich egal ist, die Gegenwart zählt. Wer rutscht am längsten? Wer ist schneller? Kollisionen, Lachen. Der Vater saust mit, kippt um, bleibt im Schnee liegen. Kindheitserinnerungen ploppen auf, als die Kälte in die Kleidung kriecht. »Pap-a-a-a-a? Aufsteh’n!«

Den Tag drauf sind es die Eltern, die die Kinder antreiben - beim Schneeschuhwandern. »Aber wer weiß«, dachte ich mir und werde nach kurzem rhythmischem Stapfen über die alte Schneekruste am Talabschluss Lügen gestraft. Adrian, der Jüngere, hat demonstrativ die Schneeschuhe von seinen Stiefeln gezogen. Er sinkt mit seinen kurzen Beinen in den Schnee ein.

Dabei ist das der Reiz an dieser winterlichen Art der Fortbewegung - wenn man die Schuhe anlässt: »Du sinkst nicht ein und kannst querfeldein gehen«, sagt Andreas, ein Pensionär aus dem Tal, der für den Tourismusverband kostenfreie Schnupperwanderungen anbietet. Toll sei es, wenn man oben in den Wäldern abseits der Skipisten als Erster eine Spur durch den Tiefschnee ziehe. Das mehrschichtige Problem bei uns: Für die Kinder ist das nicht vermittelbar, zumal wir gerade mit hässlichen Kratzgeräuschen über schneefreies Geröll schlurfen. »Der Winter heuer ist viel zu warm«, sagt Andreas. Da packt Jakob ein unerklärlicher Motivationsschub. Er pest los und winkt kurz darauf mit dem Stock ganz klein von irgendwo da vorn. Sein Fazit fällt später dennoch mittelmäßig aus. Adrians Bilanz dagegen ist vernichtend: »Das mach’ ich auf keinen Fall irgendwann noch mal.«

Wir ziehen um. Es geht auf die Nachtpiste. Das ruhige Gsiesertal war die Einstimmung, im benachbarten Pustertal steppt der Bär trotz Schneeflaute, Autos mit Skiboxen sind unterwegs, Orte wie Vierschach scheinen nur aus Gästehäusern zu bestehen. »Zum Glück haben wir Schneekanonen«, sagt Stefanie Pfeifhofer, die für das Skigebiet »Drei Zinnen Dolomiten« PR macht und uns am Abend zur Nachtrodelpiste am Berg Haunold begleitet: »Das Hauptskigebiet kann man in 40 Stunden einschneien.« 400 Schneekanonen stünden bereit, alles in allem die »stärkste Beschneiungsanlage« in Italien. 95 000 Kubikliter Wasser lagern dazu in einem 2018 errichteten Wasserreservoir. Zusammen mit 14 neuen Liften wurden 17 Millionen Euro investiert - ein Don-Quijote-Kampf gegen den Klimawandel.

Auch die in Scheinwerferlicht getauchte Nachtpiste versorgen die Kanonen mit ihrem Kunstschneegestöber. Am Verleih an der Talstation bekommen wir in der Dunkelheit Schlitten und Helme - und Stirnlampen, denn die Rodelstrecke im Wald ist unbeleuchtet. Kurz darauf ein einstimmiges »Das ist toll!«. Die beiden Söhne fahren zum allerersten Mal Sessellift, und dann gleich nachts. Mit gedämpftem Schachern kommen einige Skifahrer den Hang hinab.

Dann beißt uns auf den Schlitten der Fahrtwind ins Gesicht. Mit einem Affenzahn schlittern wir, Jakob und Stefanie vorn und Adrian und ich in ihrer Wirbelschleppe aus Schneekörnchen hinterher, den Hang hinab. Unten angekommen, gibt’s keine Diskussion. Das war Spitze! Die Mama macht ein paar Actionfotos. Insgesamt rasen wir viermal die Zwei-Kilometer-Piste runter, bis 22.07 Uhr. Es ist spät geworden.

Tags darauf stehen Jakob und Adrian etwas müde auf dem Zauberteppich, dem Förderband für Anfänger, es ist das erste Mal Skischule für sie. Skilehrer Christian Lercher hat ihnen schon etwas Balance auf einem Ski und den Schneepflug beigebracht. Klappt alles schon ganz gut, sodass wir kurze Zeit später im Sessellift zur Baita-Raut-Hütte sitzen. Von dort führt eine mit hölzernen Märchenfiguren gesäumte Piste sanft ins Tal. Kommentare am Abend: »Ganz doll was gelernt« (Jakob) und »Das hat mega Geck gemacht« (Adrian).

Der folgende Tag beginnt mit Positiv-Terror. Jakob mit Nachdruck: »Ich will jetzt Skifahren.« (Er meint alpin.) Christian kündigte es schon an: Das, was wir jetzt vorhaben, würde schwer werden: Langlauf, Pflichtdisziplin unseres Familienexperiments. Vor allem, wenn man die Kinder vorher auf Alpin-Ski gestellt hat. Aber wir sind auf Gedeih und Verderb auf dem Weg zur »Nordic Arena« in Toblach, wo uns Langlauflehrer Walter Müller bei schönstem Sonnenstrahl mit den motivierenden Worten »Jeder Athlet trägt sein Zeug selbst« empfängt. Weitere Maulerei bleibt aus, als Walter, ein Bein in der Luft, zu Gleichgewichtsübungen auf einem Ski anweist und später die Familie ein Stück entlang des Flüsschens Rienz gleitend begleitet, der an den Drei Zinnen entspringt. Rechts steile, graue Felswände. Die Eltern sind geflasht vom Kurzausflug in die Loipe, der verwunschenen Winterkulisse. Die stete Bewegung, die Luft, die Natur. Ach.

Wenigstens ein »Yeah!« entfährt Jakob, als er am Abhang zurück in die Arena Fahrt aufnimmt. Mit dem Langlauf-Nachwuchs hapere es grundsätzlich, sagt Walter. Um Kinder zu motivieren, müssten sie in der Gruppe geschult werden, doch sie wollten »Rambazamba«. Also: erst mal alpin die Pisten runter. Adrian bestätigt: »Ich finde Skifahren besser«, er sagt es, als sei Langlauf keine Skidisziplin.

Das Fazit ist klar. Alpin finden die Kinder so super, so dass wir unsere Rückfahrt nach Berlin um einen halben Tag in den frühen Nachmittag verlegen, und die Märchenpiste noch etliche Male unersättlich herunterpflügen. Sogar das Nachtrodeln scheint vergessen. Beim nächsten Mal setzen wir alles auf eine Karte, den Skipass, der wohl den meisten Spaß im Familienverband verspricht. Mal sehen, was dann passiert. Die Schneekanonen werden wohl in jedem Fall röhren.

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