Karl Marx wünscht Wohnraum

Am Schlaatz in Potsdam sollen rund 500 zusätzliche Wohnungen gebaut werden

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.

Im Potsdamer Stadtteil Am Schlaatz gibt es mehr einkommensschwache Haushalte als anderswo in der Stadt. Ihm haftet das Image eines sozialen Brennpunkts an. Das von 1980 bis 1987 errichtete Plattenbaugebiet hat jedoch einige Vorzüge, die in seiner Entstehungszeit noch nicht Standard waren, heute aber erwünscht sind. So verfügt das Wohngebiet über eine schnelle Straßenbahnanbindung zum Hauptbahnhof und in die Innenstadt. Es gibt großzügige Fußgängerzonen und viel Grün. Nicht von ungefähr besitzen die Schlaatzer unter den Potsdamern pro Kopf die wenigsten Autos.

Aber gerade das große Plus des Viertels ist in Gefahr. In Potsdam herrscht Wohnungsnot. Zur Abhilfe entstehen neue Quartiere - auch im Schlaatz mit seinen jetzt rund 5000 Wohnungen sollen noch etwa 500 weitere dazukommen. In der Sprache der Architekten heißt das Fachwort dafür Nachverdichtung. Überall, wo das Stichwort fällt, löst es Ängste bei den Anwohnern aus. Wer möchte schon, dass sein grüner Innenhof zugebaut, dass ihm ein Block vor die Nase gesetzt wird?

Doch Am Schlaatz soll es so laufen, dass möglichst alle zufriedengestellt werden und jeder etwas hat von dem derzeit größten Projekt des Stadtumbaus. Im September 2021 lobte die Stadtverwaltung einen Architekturwettbewerb aus. Im Dezember - und das ist ziemlich ungewöhnlich - durften sich die Bürger die neun eingereichten Entwürfe ansehen und ihre Meinung dazu sagen, bevor eine Jury erst jetzt drei Vorschläge auswählte, die weiter ausgearbeitet werden sollen. Einer soll dann nach den jetzigen Plänen in einem halben Jahr ausgewählt und realisiert werden. Zwischendurch kommen aber auch noch einmal die Bürger zu Wort.

Am Montagabend stellte die Juryvorsitzende Sophie Wolfrum die drei nach einer elfstündigen Jurysitzung ausgewählten Etappensieger vor. Es sind die Berliner AG Urban, das Münchner Büro Bauchplan und das Leipziger Octagon-Architekturkollektiv, das seinen Entwurf gemeinsam mit dem Büro GM013 des Berliner Landschaftsarchitekten Paul Giencke erarbeitete.

Bei Octagon sehe es in der Übersichtskarte so aus, als hätten sie am Viertel gar nichts verändert, erläuterte Wolfrum. Das Kollektiv entwickelte indes viele kleine Ideen. Wolfrum sprach von «Stadtreparatur im besten Sinne». Auch die Münchner Stadtplaner hätten viel Wert auf die Freiräume gelegt. Dagegen seien die Stadtplaner und Architekten der AG Urban «ein bisschen übers Ziel hinausgeschossen, indem sie ihr Konzept gleich auf die angrenzenden Quartiere mit ausgeweitet haben», sagt Wolfrum. «Aber da haben wir ihnen eine klare Abfuhr erteilt. Schließlich sollen die Kleingärten der Gegend nicht einfach abgeräumt werden. Es gehe darum, wie eine Nachverdichtung erfolgen kann, ohne die Wohnqualität zu beeinträchtigen.

500 zusätzliche Wohnungen, das sei nur die ungefähre Zielgröße gewesen, stellt der Potsdamer Baubeigeordnete Bernd Rubelt (parteilos) klar. Ein Entwurf sei deutlich darüber hinausgegangen, andere blieben unter dieser Marke. Die Frage, wie viel Nachverdichtung es tatsächlich geben sollte, »die müssen wir jetzt in der nächsten Phase im Dialog klären«, sagt Rubelt. Er hätte gedacht, dass ein Aufstocken der vorhandenen Häuser die einfachste und naheliegendste Lösung wäre. Zu seiner Überraschung musste er feststellen, dass die Architekten das anders sehen. Kleine Punkthochhäuser und Stadthäuser finden sich in den Entwürfen.

»Die Jury suchte drei Entwürfe aus, die respektvoll mit dem Bestand umgehen. Das finde ich gut«, kommentiert Sebastian Krause, technischer Vorstand der Wohnungsbaugenossenschaft »Karl Marx«. Während Bauchplan besonders behutsam vorgehe, sei der Vorschlag der AG Urban vielleicht der mutigste. Doch egal, welcher Entwurf am Ende realisiert werde, alle drei würden die Lebensqualität verbessern, ist Krause überzeugt. Seine Genossenschaft gehört zu den vier Wohnungsunternehmen, die Am Schlaatz schon vertreten sind und etwas hinzubauen möchten. Dazu gehört auch die kommunale Wohnungsgesellschaft Pro Potsdam, der mit 2500 Wohnungen die Hälfte des gesamten Bestandes gehört. Von Pro Potsdam verlautet: »Es geht darum, dass wir ergänzen, ohne zu verdrängen. Das Potenzial ist da.« Das sieht die Sozialbeigeordnete Brigitte Meier (SPD) genauso. Es soll eine gute Mischung der Einwohnerschaft geben. »Es darf nicht passieren, dass wir Menschen aus dem Quartier verlieren.«

Potsdams Linksfraktionschef Stefan Wollenberg ist als DDR-Kind in der Platte groß geworden und hat als Erwachsener fast zehn Jahre Am Schlaatz gewohnt, bevor er in ein anderes Plattenbaugebiet umzog. Er bestätigt, dass die Freiflächen das Schönste an diesem Viertel sind. »Der Schlaatz muss als grüner Stadtteil erhalten bleiben«, wünscht er sich. Dabei hält es der Kommunalpolitiker grundsätzlich für vernünftig, neue Wohnungen zu bauen, weil diese dringend benötigt werden. Die Gelegenheit sollte genutzt werden, für eine bessere soziale Durchmischung zu sorgen. In den Neubaugebieten der DDR lebte die Professorin neben der Putzfrau. Nach der Wende zogen viele weg, die sich ein Eigenheim leisten konnten. Die Zurückgebliebenen und die Zugezogen lebten nun oft von Arbeitslosen- oder Sozialhilfe. So entstanden die aus westdeutschen Großsiedlungen bekannten Brennpunkte.

Wann die neuen Wohnungen bezugsfertig werden, vermag der Baubeigeordnete Rubelt nicht exakt zu sagen. Er denkt, dass es noch in den 2020er Jahren gelingen werde.

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