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Lobby der Lehrenden

Wie in der Pandemie der Begriff »Kinderschutz« missbraucht wird

  • Von Thomas Gesterkamp
  • Lesedauer: 3 Min.
Bleiben die Lichter in der Schule an – oder gehen sie gleich wieder aus? Die Schülerinnen und Schüler dürfen in der Pandemie nicht vergessen werden
Bleiben die Lichter in der Schule an – oder gehen sie gleich wieder aus? Die Schülerinnen und Schüler dürfen in der Pandemie nicht vergessen werden

Die Schule hat wieder begonnen, unter Auflagen wie Maskenpflicht, regelmäßigem Testen und Beschränkung auf den eigenen Klassenverband. Doch das Damoklesschwert der Schließung schwebt weiter über diesen elementaren Bildungsstätten, anders als in vielen Nachbarländern. Nicht nur die Politik, auch pädagogische Interessenvertreter reden den erneuten Wechsel zum Distanzunterricht geradezu herbei. Wichtigster Antreiber ist der medial einflussreiche Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger. Vom Verband Bildung und Erziehung im Deutschen Beamtenbund kommen ähnlich überstürzte Stellungnahmen, vom konservativen Deutschen Philologenverband sowieso. Und leider auch von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

Bei der GEW kann man mehr erwarten, etwa Sensibilität für die sozialen und psychologischen Folgen der Pandemiebekämpfung. Die Suizidversuche unter Kindern und Jugendlichen sind nach einer aktuellen Studie des Universitätsklinikums Essen deutlich gestiegen. Schülerinnen und Schüler aus benachteiligten Familien wurden in den vergangenen zwei Jahren weiter abgehängt, unter geflüchteten Kindern sind Rückschritte beim Erlernen der deutschen Sprache nachweisbar. In engen Wohnungen ist zu wenig Platz für Homeschooling, für das digitale Lernen fehlen technische Voraussetzungen wie Internetanschluss oder Drucker und die Eltern können oft nicht helfen.

Die GEW bezeichnet sich gerne als »Bildungsgewerkschaft«, angesichts ihrer Statements in der Pandemie wirkt das fragwürdig. Denn das Wort suggeriert ein Profil, das gesellschaftspolitische Ziele verfolgt und über berufsständischen Lobbyismus hinausgeht. Doch schon im ersten Lockdown 2020 agierte die GEW als Vertretung der Lehrenden, nicht der Lernenden. So protestierte sie in Sachsen, als ältere Lehrkräfte vor der Freistellung ein ärztliches Attest über ihre Vorerkrankung vorlegen sollten. In Nordrhein-Westfalen lehnte der Landesverband gar eine angeblich zu frühe Wiederöffnung von Förderschulen ab: Ausgerechnet Kinder mit Handicaps sollten weiter zu Hause bleiben, mit der diskriminierenden Begründung, sie könnten die Abstandsregeln nicht einhalten.

Eine an den Interessen der Mitglieder orientierte Politik deckt sich nicht unbedingt mit der Forderung nach Bildungsgerechtigkeit. In der legitimen Sorge um die Gesundheit der Lehrkräfte geriet die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen ins Hintertreffen. Zu Recht kritisierte die GEW die Versäumnisse der Schulbürokratie, die sich zum Beispiel wenig um die Anschaffung von Luftfiltern kümmerte. Sie hat auch stets auf den maroden Zustand der Schulgebäude hingewiesen, der jetzt vielerorts dazu führt, dass sich kaputte Fenster nicht öffnen lassen.

Über 90 Prozent der Lehrkräfte sind dabei mittlerweile geimpft, die meisten schon geboostert. Dem verweigert sich nur noch ein harter Kern, teils aus dem Umfeld der esoterisch angehauchten Waldorf-Pädagogik. Es ist überfällig, den Blick wieder vorrangig auf die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler zu richten, denn sie gehören zu den Hauptleidtragenden der Pandemie. Irritierend, dass sich selbst Heinz Hilgers, der Präsident des Deutschen Kinderschutzbunds, dafür ausspricht, »nicht um jeden Preis am Präsenzunterricht festzuhalten« - und mit solchen Äußerungen indirekt neue Schulschließungen befördert. Hier offenbart sich eine geradezu missbräuchliche Interpretation des Begriffs »Schutz«: Denn faktisch werden Kinder und Jugendliche so ihrer Bildungschancen und Aufstiegsmöglichkeiten beraubt.

Eine Recherche des Autors zu »Schule in Zeiten der Pandemie« für die Rosa-Luxemburg-Stiftung ist auf deren Internetseite abrufbar: www.rosalux.de

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