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Kämpfer für Atomausstieg

Der langjährige Aktivist Jochen Stay ist gestorben

  • Von Reimar Paul
  • Lesedauer: 3 Min.
Jochen Stay
Jochen Stay

Jochen Stay ist tot. Der langjährige Streiter gegen Atomenergie starb am vergangenen Samstag an seinem Wohnort Suerhop, einem Vorort von Buchholz in der Nordheide in Niedersachsen. Das teilte die Anti-Atom-Initiative Ausgestrahlt am Dienstag in Hamburg mit. Stay, der an einer Herzkrankheit litt, wurde nur 56 Jahre alt. Er war unter anderem Mitgründer, Geschäftsführer und Sprecher von Ausgestrahlt. Sein Tod sei nicht nur für die Organisation ein «immenser Verlust», heißt es in einer Erklärung von Ausgestrahlt. Sein Wirken habe die gesamte Bewegung gegen die Kernkraftnutzung entscheidend geprägt.

Der gebürtige Mannheimer beteiligte sich in den 80er Jahren zunächst an gewaltfreien Blockaden des Pershing-Depots in Mutlangen. Über die Auseinandersetzung um die geplante Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf stieß er zur Anti-Atom-Bewegung.

Ab Mitte der 90er Jahre initiierte Stay mit der Kampagne X-tausendmal quer öffentlich angekündigte, gewaltfreie Sitzblockaden gegen Castor-Transporte nach Gorleben, an denen sich Tausende beteiligten. 2008 gründete er mit einer Handvoll Mitstreiter*innen Ausgestrahlt und organisierte maßgeblich den Protest gegen die von der schwarz-gelben Bundesregierung betriebene Laufzeitverlängerung für AKW.

Einer der Höhepunkte war die 120 Kilometer lange Menschenkette vom AKW Brunsbüttel bis zum AKW Krümmel am 24. April 2010. 120 000 Menschen formierten sich entlang der Elbe zur längsten Anti-Atom-Demo in der Geschichte der Bundesrepublik. Die Laufzeitverlängerung konnte das zwar zunächst nicht verhindern, doch schon im Jahr darauf leitete der erneute, von Stay mitorganisierte Protest Hunderttausender nach der Atomkatastrophe von Fukushima Merkels Atomwende ein. Fast die Hälfte der damals noch 17 AKW ging sofort vom Netz. Ende dieses Jahres werden die letzten drei folgen.

Auch der Widerstand gegen ein Atommüll-Lager im Gorlebener Salzstock, den Stay jahrzehntelang mitprägte, führte 2020 zum Erfolg: Gorleben schied aus dem Suchverfahren aus. In den laufenden Suchprozess für ein Endlager mischte sich Stay von Anfang an ein, kaum jemand konnte die Defizite des Verfahrens präziser benennen als er.

«Jochen Stay hat vielen anti-atom-bewegten Menschen Ausdrucks- und Aktionsmöglichkeiten aufgezeigt und auf diese Weise entscheidend zum Atomausstieg beigetragen», würdigte die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg ihr ehemaliges Vorstandsmitglied.

Stay war sachkundiger Gast in Fernseh-Talkshows und veröffentlichte Beiträge unter anderem in der «Süddeutschen Zeitung», dem «Tagesspiegel» und der «Frankfurter Rundschau». Zuletzt schrieb er an einem Buch über die Geschichte der Anti-AKW-Bewegung mit, das im Frühjahr erscheint. Stay hat sich auch bei der in Verden angesiedelten Bewegungsstiftung engagiert. Zahlreiche andere Bewegungen und Kampagnen konnten so von seiner Erfahrung und seinem meist untrüglichen Gespür für politische Gelegenheiten profitieren. 2015 erhielt er die Auszeichnung «Stromrebell des Jahres» von den Elektrizitätswerken Schönau. In Basel wurde Jochen Stay am 15. September 2017 der Preis «Nuclear-Free Future Award in der Kategorie »Besondere Anerkennung« verliehen.

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