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Einschüchterung vor Gericht

Leipziger Immobilienunternehmen United Capital geht gegen Studentenzeitung »Luhze« vor

  • Von Hendrik Lasch
  • Lesedauer: 3 Min.
"Pressefreiheit ist nicht verhandelbar", aber leider kommt es immer wieder vor, dass Presse vor Gericht gezerrt wird. Jetzt trifft es wohl nach einer unliebsamen Berichterstattung die Studierendenzeitung "Luhze".

»Wovor habt ihr Angst?«, lautet die Schlagzeile auf der jüngsten Ausgabe der »Luhze«. Der zugehörige Artikel berichtete über »veraltete Rollenbilder« an einer Hochschule. Die Redaktion der Leipziger Studentenzeitung, die seit 20 Jahren erscheint und weitgehend im Ehrenamt erstellt wird, hat eine ganz eigene Antwort auf die Frage: Sie hat Angst vor dem Ruin.

Auslöser könnte ein Rechtsstreit mit dem Leipziger Immobilienunternehmen United Capital sein, in dem am Freitag vor dem Landgericht verhandelt wird. Er könnte, wie Chefredakteurin Adefunmi Olanigan erklärt, »das Ende dieser Zeitung bedeuten«.

Ebenfalls in der Ausgabe vom Dezember hatte die »Luhze«, deren Namenskürzel für »Leipziger unabhängige Hochschulzeitung« steht, unter dem Titel »Bezahlbarer Wohnraum« über ein Bauvorhaben von United Capital berichtet.

Das Unternehmen, das sich auf seiner Homepage als »inhabergeführter Bestandshalter und -entwickler aus Leipzig« bezeichnet, baut in der Harnackstraße 10 im Stadtteil Reudnitz Wohnungen zu WG-Zimmern für Studenten um, die laut Bericht für 18 Euro je Quadratmeter vermietet werden. Im Artikel wird unter anderem der Prokurist des Unternehmens zitiert. Er erläutert, dass der Preis »außer GEZ und Internet alle Kosten« enthalte und sich am Markt orientiere. Der Firma gehe es nicht vorrangig um Profit; »lediglich die eigene Absicherung im Rentenalter würde ihnen am Herzen liegen«.

Zudem zitiert der Beitrag allerdings auch Mieter und Mieterinnen des Hauses, die Kritik an Praktiken von »United Capital« üben. Sie fühlen sich demnach aus ihren Wohnungen gedrängt. Werde einem finanziellen versüßten Wegzug nicht freiwillig zugestimmt, würden die Mieter »mürbe gemacht«, erklären demnach die Bewohner, die sich in einer Initiative zusammengeschlossen haben und nicht namentlich genannt werden. Das Unternehmen bestreitet die Vorwürfe; laut Artikel habe man »niemanden hinausgeworfen«, sondern Betroffenen zu anderen Wohnungen verholfen. Die Kritiker publizieren ihre Erfahrungen in Form eines Blogs. Mieter anderer Häuser des Immobilienunternehmens hätten ihnen über »ähnliche Schikanen« berichtet, heißt es in dem Beitrag.

Das Immobilienunternehmen geht gegen diese Berichterstattung juristisch vor. Dabei wird am Freitag mündlich über eine einstweilige Verfügung verhandelt. United Capital will der »Luhze« offenbar untersagen, Äußerungen der Mieter weiter zu verbreiten – mit der Begründung, das Blatt habe sich diese zu eigen gemacht: Es »legt uns die zitierten Aussagen als eigene in den Mund«, sagt Adefunmi Olanigan. Sie betont, man achtete strikt darauf, das Aussagen von Dritten als solche wahrgenommen würden, und kann sich das Vorgehen nur so erklären, dass »unliebsame Berichterstattung mit allen Mitteln verhindert werden soll«. Eine Anfrage des »nd« an United Capital, in der um eine Stellungnahme zu Auslöser und Gegenstand der Klage gebeten wurde, blieb bis Mittwochnachmittag unbeantwortet.

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Die Vermutung der Chefredakteurin zum Motiv der Klage teilt auch der Deutsche Journalistenverband (DJV) Sachsen. Er erklärt, es spreche »viel dafür«, dass es United Capital »um Einschüchterung einer ehrenamtlich organisierten Hochschulzeitung mit kleinem finanziellen Spielraum« gehe. Bei dem Artikel handle es sich eindeutig um »kritischen Journalismus«.

Anna Gorskih, Hochschulexpertin der Linken im Landtag, betont, eine solche Berichterstattung sei »notwendig und darf nicht den wirtschaftlichen Interessen zum Opfer fallen«. Das »Solidaritätsnetzwerk Leipzig« hat für Freitag eine Kundgebung vor dem Gericht angemeldet. Die »Luhze« verbucht erste Spenden. Und ein Unterstützer merkt sarkastisch an, United Capital habe mit der Klage einem Artikel zu breiter Leserschaft verholfen, den »2022 normalerweise fast niemand mehr gelesen hätte«.

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