Metaller wollen wachsen

Der Jahresauftakt der IG Metall kommt mit dem Schwung von 2021, aber auch mit bedachten Tönen

  • Von Claudia Krieg
  • Lesedauer: 4 Min.

Durchstarten lautet das Motto. Denn 2021 habe man als Gewerkschaft in der Metropole Akzente gesetzt, ist sich Jan Otto, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Berlin, am Mittwoch sicher. Der Gewerkschafter hat zusammen mit Regina Katerndahl, Zweite Bevollmächtigte, und Jürgen Kerner, Hauptkassierer und geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall, zum Jahresauftakt 2022 geladen. Dort werden zunächst die guten Botschaften des vergangenen Jahres verbreitet: Zum ersten Mal seit 2003 sei es gelungen, im Bereich der betrieblichen Mitglieder die Zahl von 23 000 zu überschreiten, erklärt Otto eingangs. »Das ist Teil unserer guten Arbeit.« Vor allem beim Unternehmen Daimler sei es gelungen, »zuzulegen«, so Otto.

Möglicherweise zeichnet sich hier ein Trend ab: In etwa 15 Geschäftsstellen habe man bundesweit eine ähnliche Entwicklung zu verzeichnen, ergänzt Jürgen Kerner. »Wir wollen weiter wachsen«, gibt Otto vor und schiebt das Leitbild hinterher: Bis 2030 wolle man so deutlich über 40 000 Mitglieder kommen und weiter »Schlagkraft in den Betrieben« zeigen.

Diese Entwicklung steht laut den beiden Gewerkschaftern auch damit im Zusammenhang, dass sich nicht nur die Arbeitswelt, sondern auch die IG Metall selbst verändere. Gezielter baue man in den Betrieben Strukturen auf, erreiche viel durch konkrete Ansprache, aber auch durch andere Strategien bei der Zielsetzung. »Das Zeitalter der Konsequenzen hat begonnen«, erklärt Jan Otto etwas kryptisch weiter, wird dann aber konkreter: Im Angesicht der industriellen Transformation gebe es immer mehr Konflikte mit den Arbeitgebern, die man nicht so wie früher eskalieren und dann beenden könne. Stattdessen müsse man sie fortführen, für die Beschäftigten Perspektiven ausloten. Man wolle nicht mehr »Veränderung stoppen - wir wollen Veränderungen begleiten«.

Die IG Metall nimmt in nicht wenigen Fällen eine neue Rolle ein. Inhaltlich und beratend sowohl in Richtung der Unternehmen als auch in Richtung der Beschäftigten vermittelt sie Chancen und Möglichkeiten eines transformatorischen Umbaus der Industrie hin zum Ziel von klimafreundlichen oder klimaneutralen Produktionsweisen (siehe Kasten).

Am Beispiel der Automobilindustrie wird diese Herausforderung besonders deutlich, gerade in Ostdeutschland. Aber »Industrie ist mehr als Autobau«, weiß Jan Otto, der gerade im Bezirk Berlin-Brandenburg-Sachsen große Tarifkämpfe im Bereich der Mobilitätszulieferer begleitet und geführt hat, die im Südosten zu den großen Arbeitgebern zählen. In der Hauptstadtregion ist die Landschaft der Industriearbeitsplätze heterogener. Über die Hälfte sind mittlerweile im Bereich New Economy angesiedelt, in der Plattformindustrie von Start-ups, vor allem in der Software-Entwicklung.

Gerade darin sehen die Gewerkschaftsführer*innen große Chancen, um den Standort Berlin künftig zu stärken. Denn diese Arbeitsplätze sollen Teil der angestrebten Transformation sein. Oder sind es schon, wie das Beispiel Mercedes-Benz in Marienfelde zeigt. Denn statt den Standort mit 2500 Beschäftigten zu schließen, kann sich die IG Metall zuguteschreiben, dem Unternehmen eine Entscheidung mit hoher Signalwirkung abgerungen zu haben. Das Werk wird nicht nur komplett umgestellt auf Elektromobilität, sondern soll zukünftig auch digitales Qualifizierungszentrum werden. »Hier haben wir erfolgreich Transformation betrieben und das Daimler-Werk gerettet«, fasst Jan Otto zusammen.

»Wir können die Leute organisieren, die mit Beschäftigten über Qualifizierung reden, aber auch das Geld für solche Programme«, sagt Regina Katerndahl im Hinblick auf zukünftige Vorhaben. Beratungsaufgaben kommen auch bei den Betriebsratswahlen im Frühjahr auf zahlreiche Gewerkschafter*innen zu. In 400 Betrieben werden Beschäftigtenvertretungen gewählt. »Mitbestimmung ist der praktische betriebliche Bestandteil der Demokratie. Ohne Mitbestimmung haben die Beschäftigten in der Regel 30 Prozent weniger Entgelt und schlechtere Arbeitsbedingungen«, erläutert die Zweite Bevollmächtigte. Katerndahl ist sicher: »Der Handlungsort ist der Betrieb.« Soll heißen: Auch wenn man angesichts der Corona-Pandemie hybrid und digital habe in Austausch treten müssen, wirklich kämpferisch verhandeln könne man nur direkt.

Das zielt auch auf die Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie, die das Jahr 2022 maßgeblich prägen wird. »Die Botschaften der Arbeitgeber im Vorfeld der Tarifrunde sind sehr klar«, so Jan Otto. »Schon im Dezember forderten die Arbeitgeber eine Nullrunde. Dabei ist allen klar, dass die Zeiten des Verzichts vorbei sind.« Man müsse mindestens den Reallohnverlust ausgleichen und darüber hinaus das Engagement der Beschäftigten in der Krise wertschätzen.

Ein weiteres Highlight werde 2022 am 19. und 20. Oktober stattfinden: An zwei Tagen werden in Berlin Experten, Gewerkschafter*innen, Politik und Aktive beim zweiten Transformationskongress über den Wandel von Industrie und Arbeit diskutieren.

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