Angekommen im Tausender-Club

Stadtweite Corona-Inzidenz erreicht vierstelligen Bereich

  • Von Nicolas Šustr
  • Lesedauer: 5 Min.
Die offizielle Corona-App steht in Berlin oft auf Dauerrot – selbst wenn die einzigen Kontakte im Nahverkehr stattfinden.
Die offizielle Corona-App steht in Berlin oft auf Dauerrot – selbst wenn die einzigen Kontakte im Nahverkehr stattfinden.

Bereits in der vergangenen Woche war Berlins Gesundheitssenatorin Ulrike Gote (Grüne) davon ausgegangen, dass die Hauptstadt bei den Sieben-Tage-Inzidenzen zügig die Grenze von 1000 erreichen wird. In den tagesaktuell veröffentlichten Daten des Landesamts für Gesundheit und Soziales ist das erst am Mittwoch geschehen - mit einem Wert von 1055,1. Das bedeutet, dass über ein Prozent der Bevölkerung praktisch zeitgleich nachgewiesenermaßen eine Corona-Infektion durchmacht.

Laut den durch nachträglich gemeldete Infektionen korrigierten Daten, die das Landesamt ebenfalls zur Verfügung stellt, wurde die Infektionsschallmauer in für Berlin im Verlaufe der Pandemie bisher ungekannter Höhe bereits am 13. Januar, also vergangenen Donnerstag, erreicht - mit einem Wert von 1006,1. Die höchste Inzidenz auf Bezirksebene meldet am Mittwoch Mitte mit fast 1800, es folgen Neukölln mit rund 1650 sowie Friedrichshain Kreuzberg mit knapp 1480.

Bezirke kommen nicht hinterher

Praktisch alle Bezirke hängen mit den Meldungen hinterher; Pankow ist laut eigenen Angaben vom Montag ungefähr zwei Tage im Rückstand. Marzahn-Hellersdorf hatte über eine Woche keine Daten geliefert - das führte in den Statistiken nach Ablauf der sieben Tage sogar zu einer Null-Inzidenz. »Die zu Beginn der Pandemie als Grundlage des bezirklichen Erfassungssystems gewählte und nach damaligem Stand großzügig bemessene Datenbank hatte durch die stark steigenden Fallzahlen und damit auch exponentiell anwachsenden Datenbestände ein bestehendes Limit erreicht«, teilte das Bezirksamt am Freitag mit. »Es hatte sich nicht abgezeichnet, dass das kurzfristig passieren könnte«, sagt Bezirksamtssprecher Frank Petersen auf nd-Nachfrage.

Programmierexperten wundert es allerdings, dass es keine Warnung im Vorfeld gegeben haben soll. Damit wären vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik gesetzte Standards ignoriert worden. Das sei beim Einsatz von Informationstechnik durch staatliche Stellen leider häufiger zu beobachten, weil es praktisch keine Konsequenzen gebe.

Mindestens 6000 Fälle im Rückstand

Zwar ist der Transfer der alten Datenbank auf eine großzügiger dimensionierte bereits am Donnerstag vergangener Woche gelungen, meldete das Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf, allerdings »waren im Rahmen der zahlreichen Erprobungen weitere Fehlermeldungen aufgetreten, die Konfigurationen an der vom Robert-Koch-Institut auf Bundesebene eingesetzten Software erforderlich machten«. Seit Montag liefert der Bezirk wieder Daten, allerdings ist man dort immer noch dabei, die rund 6000 aufgelaufenen Fälle der letzten Woche nachzuarbeiten.

Kontaktnachverfolgung nur im Einzelfall

Angesichts der Omikron-Welle schränken die Gesundheitsämter stadtweit die Kontaktnachverfolgung von Corona-Infektionen weiter ein. »Die hohe Fallzahl hat eine noch stärkere Priorisierung zur Folge«, sagt der Gesundheitsstadtrat von Charlottenburg-Wilmersdorf, Detlef Wagner (CDU), am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur. Darauf hätten sich die Ämter der zwölf Bezirke verständigt. Sie wollen sich bei der Kontaktnachverfolgung künftig noch mehr auf Menschen aus gefährdeten Gruppen oder auf besondere Ereignisse wie Corona-Ausbrüche in Pflegeheimen konzentrieren. Bei ihm im Bezirk sei die Kontaktnachverfolgung bereits im Oktober 2021 reduziert worden, sagt Wagner. In den anderen Bezirken sei es ähnlich.

Knappheit herrscht auch bei den Laborkapazitäten für PCR-Tests, die bisher für den eindeutigen Nachweis einer Infektion und auch jenen einer überstandenen Infektion notwendig waren. »Die Nachfrage nach Tests wächst gewaltig. Darauf müssen wir reagieren«, sagt Gesundheitssenatorin Ulrike Gote am Dienstag in der Senatspressekonferenz. »Es wird in Zukunft so sein, dass wir das Angebot an PCR-Tests nicht unendlich steigern können.« Während in der dritten Dezemberwoche knapp 13 000 Tests in den gewerblichen und vom Land beauftragten Zentren durchgeführt worden seien, lag die Anzahl laut Gote in der Vorwoche bei fast 47 000.

Freitesten vor allem mit Schnelltests

Daher sei es nun »möglich und nationale Strategie, sich mit Schnelltests freitesten zu lassen«, so die Senatorin. Ausreichend PCR-Tests sollen vor allem für jene Bereiche zur Verfügung stehen, »wo wir ganz sicher sein müssen«. Also beispielsweise für Beschäftigte im Gesundheitswesen und Pflegeheimen. »Das Ganze muss aber auch noch hinterlegt werden mit klaren Regelungen seitens des Bundes«, sagt Gote. Anfang der Woche habe Berlin in der Gesundheitsministerkonferenz einen Antrag für eine Klarstellung in der Ministerpräsidentenkonferenz am kommenden Montag eingebracht. Es müsse schließlich geregelt sein, dass das Ergebnis auch beispielsweise vom Arbeitgeber anerkannt werde.

Mittlerweile wisse man, »dass die Schnelltests, die als qualifiziert gelten, also vom Paul-Ehrlich-Institut auch so klassifiziert sind, sehr wirksam sind, wenn sie richtig angewendet werden«, insbesondere wenn es am Ende einer Infektion darum gehe, festzustellen, ob man noch infektiös ist. Die Testcenter, von denen es inzwischen wieder über 1000 in der Stadt gebe, seien auch verpflichtet, qualifizierte Antigen-Schnelltests zu nutzen. Der Schwenk sei »eine Erleichterung für alle«, so Gote. Angesichts der langen Schlangen vor den offiziellen Teststellen und den teils tagelangen Wartezeiten auf ein Ergebnis dürfte da niemand widersprechen.

Immerhin: An Impfkapazitäten mangelt es derzeit nicht an der Hauptstadt. Doch bei der Impfquote ist noch Luft nach oben. 76,2 Prozent der Berlinerinnen und Berliner sind derzeit mindestens einmal geimpft, 48,2 Prozent bereits geboostert, haben also bereits eine dritte Impfdosis erhalten. Um noch mehr Menschen zu erreichen, sollen mehr dezentrale Impfangebote gemacht werden, diesen Samstag zum Beispiel im Familienzentrum Märkisches Viertel.

Spürbar sind die Auswirkungen der Omikron-Welle auf die Infrastruktur seit Mittwoch bei den Berliner Verkehrsbetrieben, die auf zehn Buslinien das Angebot ausgedünnt haben. Kommenden Montag soll der Verkehr weiter ausgedünnt werden - nach nd-Informationen auch bei der U-Bahn. U2 und U9 sollen dann nur noch alle fünf Minuten kommen. Das entspricht bis zu einem Fünftel weniger Fahrten als bisher.

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