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»Die komplette Familie zerstört«

Im Untersuchungsausschuss zu Hanau beklagen Angehörige Ignoranz und Misstrauen der Behörden

  • Von Marta Moneva, Wiesbaden
  • Lesedauer: 4 Min.
Ein Mann befestigt vor dem Landtag in Wiesbaden ein Banner mit der Aufschrift "Hanau: Wir fordern: Erinnerung, Gerechtigkeit, Aufklärung, Konsequenzen".
Ein Mann befestigt vor dem Landtag in Wiesbaden ein Banner mit der Aufschrift "Hanau: Wir fordern: Erinnerung, Gerechtigkeit, Aufklärung, Konsequenzen".

Der Umgang mit Angehörigen der Opfer des rechtsterroristischen Anschlags in Hanau vom 19. Februar 2020 sorgt noch immer für Empörung. Am Freitag wurden im Untersuchungsausschuss des hessischen Landtags, der zu dem Thema eingesetzt worden ist, Çetin Gültekin, Bruder von Gökhan Gültekin und Serpil Unvar, Mutter von Ferhat Unvar, gehört. Sie waren unter den neun Opfern. Der Ausschuss geht der Frage nach, ob es vor, während oder nach der Tat zu einem Behördenversagen gekommen ist.

Das Herz von Gökhan Gültekin wog 432 Gramm. So steht es in dem Obduktionsbericht. Dazu lagen noch 700 Lichtbilder der Obduktion vor. Besonders schmerzhaft, denn die Familie wurde, ähnlich wie die anderen Opferangehörigen, zu einer Obduktion nie angehört. Damit widersprechen sie der Aussage der Staatsanwaltschaft Hanau. Man habe der Obduktion nie zugestimmt. Hinzu kam, dass die Menschen erst am 20. Februar gegen 6.30 Uhr vom Tod ihrer Angehörigen erfuhren. Gültekin und Unvar sprachen von Desorganisation, Inkompetenz und Überforderung seitens der Polizei und Staatsorgane.

Dafür spricht auch, dass der Generalbundesanwalt bereits in der Nacht zwischen 4 und 5 Uhr die Ermittlungen übernommen hatte. Trotzdem hatte die Oberstaatsanwältin in Hanau am 20. Februar morgens zwischen 7 und 8.07 Uhr eine Obduktion angeordnet, obwohl sie nicht mehr zuständig war. Die Angehörigen wurden diesbezüglich nicht einbezogen. Çetin Gültekin und Serpil Unvar sehen deswegen eine Verletzung des Totenfürsorgerechts der Angehörigen und der postmortalen Würde der Opfer.

Niemand habe die Familie vor dem »völlig zerschnittenen und notdürftig zusammengenähten Leichnam« seines Bruders gewarnt, berichtete Gültekin. Es sei ein Schock gewesen, ihn so zu sehen. Er schilderte, wie die Polizei am Tatort völlig überfordert und »richtig aggressiv« war. »Überall Geschrei und Verzweiflung. Es hat keine Auskunft, keinerlei Trost oder Betreuung gegeben«, sagte Gültekin. Der hessische Innenminister Peter Beuth habe sich nie gemeldet. Dafür sah der CDU-Politiker offenbar keinen Anlass, nachdem er die polizeiliche Arbeit in der Tatnacht als »exzellent« bezeichnet hatte. Auch die Reaktion des hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier (CDU) stieß bei Gültekin auf Unverständnis. Auf die Tatsache angesprochen, dass in der Attentatsnacht 13 SEK-Beamte im Einsatz waren, die einer rechtsextremen Gesinnung verdächtig sind, meinte Bouffier, dass dies nicht bedeute, dass sie ihre Arbeit nicht richtig machen.

Einsatz für ein friedvolles Zusammenleben

Die Opferfamilien Gültekin und Unvar wollen aufklären und kämpfen für eine bessere Opfer- und Angehörigenfürsorge. Serpil Unvar rief 2020 die antirassistische Bildungsinitiative Ferhat Unvar ins Leben. Gökhan Gültekins Mutter setzte sich in einem Appell für ein friedvolles Zusammenleben ein. Für die beiden Familien war es befremdlich, als sie von der Polizei sogenannte Gefährderansprachen erhielten. Dabei geht es um die Abwehr der Gefahr oder der Verhütung einer Straftat. Die Beamten wollten damit den Vater des Täters schützen, der selber rechtsradikale Ansichten vertritt.

Der Attentäter habe nicht nur Gökhan ermordet, sondern »die komplette Familie zerstört«, so Gültekin. Der krebskranke Vater starb nur 38 Tage nach seinem Sohn. Die lungenkranke Mutter brach zusammen. Çetins Ehe zerbrach. Die Familie ist krank.

Schon so oft hat sie erzählt und kooperiert, sagt Serpil Unvar, sie könne nicht mehr. Und doch berichtete sie an diesem Freitag noch einmal, stellte Fragen und beantwortete die des Ausschusses. Auch sie war am Tatort. Als Serpil Unvar acht Stunden später von Ferhats Tod erfuhr, wollte sie sich selbst töten. Und doch überwog der Wunsch, ihren Sohn noch einmal zu sehen. Aber niemand konnte ihr sagen, wo er war, viele Tage lang. Heute weiß sie, dass er über 20 Stunden tot im Kiosk gelegen hat. Die Videoüberwachung zeigt, dass er gegen 22 Uhr angeschossen wurde und sich hinter die Theke schleppte. »Ich brenne, ich brenne«, rief er laut Zeugenaussage. Die Aufzeichnung zeigt, dass ein Polizist zweimal über ihn stieg, um das Fenster abzuschirmen. Keiner prüfte, ob der Mann noch lebte. Als Todeszeitpunkt ist 3.10 Uhr vermerkt. Serpil fragte sich, wie es ihrem Sohn in seinen letzten Minuten ging. Hatte er viele Schmerzen? Hätte er gerettet werden können?

Auf die Frage, ob es eine Art Wiedergutmachung geben könnte, antwortete Gültekin: Wenn er sieht, dass eine kritische Aufarbeitung stattfindet, wird er die Hände von anderen Menschen küssen.

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