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Bleibende Musik

Zum Tod des sorbischen Komponisten Juro Mětšk

  • Von Malte Hübner
  • Lesedauer: 3 Min.
Juro Mětšk (1954–2022)
Juro Mětšk (1954–2022)

Häufig konnte man in der Vergangenheit einen nicht besonders großen Menschen durch Bautzens Straßen gehen - nein: eilen - sehen. Immer mit Mütze, Schal und - wie angewachsen - mit seinem Spazierstock. Die Eile seiner Bewegungen kann als äußeres Bild eines sehr wachen, regsamen Geistes gelesen werden. Und in der Tat sagte Juro Mětšk, dass er bei diesem Gehen musikalische Prozesse vorausdenke, die später auf seinem Notenpapier feste Gestalt annehmen würden. Vielleicht so: Die Energie des Körpers zündete die des Geistes; deren Ergebnisse wiederum dem schöpferischen Menschen seine Lebensfreude, seinen Sinn schenkten.

Juro Mětšk, geboren am 1. Mai 1954 in Bautzen, gilt als der wichtigste sorbische Komponist des späten 20. und des jetzigen Jahrhunderts. Sein Lebenswerk fand mit der Verleihung der höchsten sorbischen Auszeichnung, des Ćišinski-Preises, 2017 durch den sächsischen Ministerpräsidenten die ihm zustehende - wenn auch recht lang auf sich warten lassende - Würdigung.

Schon als Zwölfjähriger hatte er zu zu komponieren begonnen; den 14-Jährigen lernte ich 1969 in der Spezialschule für Musik Berlin kennen. Seit dieser Zeit hat die Freundschaft unser beider Leben bereichert. Wir bewunderten und lernten gemeinsam von den großen Meistern der Vergangenheit und suchten natürlich diesen nachzueifern. Und - auch das ist natürlich - wir komponierten selbst, diskutierten über unsere Arbeiten, und in einigen Fällen widmeten wir einander eigene Werke. So machte er mir seine »Tři skicy za solo-wiolinu« (Drei Skizzen für Solovioline) zum Geschenk, die ich am 18. November 1972 in Bautzen uraufführte.

An der Hochschule für Musik »Hanns Eisler« Berlin studierte er bei Günter Kochan Komposition und war danach Meisterschüler von Reiner Bredemeyer. Sein Komponieren entwickelte sich nicht nur durch die Beschäftigung mit den Meistern, die vor dem 20. Jahrhundert wirkten, sondern erhielt auch maßgeblich Gewinnbringendes von der Hinwendung zur klassischen Moderne (Schönberg, Berg, Bartók und Strawinsky).

Besonders am Herzen lag ihm auch Anton Webern, dessen Gesamtwerk er neben Mozarts Klavierkonzerten, Beethovens späten Streichquartetten und dem Gesamtwerk des Heinrich Schütz auf seine vorletzte Reise ins Herrnhuter Hospiz mitnahm. Impulse für sein Schaffen erhielt er auch von der Darmstädter Schule und dem persönlichen Kontakt zum Komponisten Helmut Lachenmann.

Mětšk schenkte uns ein großartiges Gesamtwerk, das neben dem frühen Streichquartett »Accents antiques«, dem »Sestetto«, den Werken »Syndrom«, »Kontraktion«, »Retour«, »Stigma« und dem »Quator noir« viele weitere Werke umfasst. Hört man eines davon, egal welches, bemerkt man immer das glückliche Zusammenwirken von meisterhafter Beherrschung seines Handwerks und emotionaler Substanz, die eine tiefe geistige Durchdringung seines Komponierens, ja seines ganzen Lebens zur Voraussetzung hatte.

Im Jahr 2007 erhielt unsere Freundschaft einen zusätzlichen künstlerischen Impuls: Wir starteten gemeinsam das »Fernweh«-Projekt, in dem sorbische und Komponisten aus Mecklenburg-Vorpommern zum selben Thema komponierten. In fünf Konzertprogrammen wurden diese Werke in Bautzen, Hoyerswerda, Leipzig, Greifswald, Stralsund und in Rostock aufgeführt. »Fernweh« meint ein Gedicht, das Juros Vater, Frido Mětšk, 1944 schrieb und das sein Sohn 1987 vertonte. Dieser poesiereiche Text gefiel mir sehr, sodass auch ich eine Musik dazu verfasste und sich in der Folge weitere Kollegen, wie die von mir sehr geschätzten Komponisten Jan Cyž und Peter Manfred Wolf, mit Beiträgen beteiligten.

Juro Mětšk war ein Mensch, der mit seinem Werk Schönheit in die Welt gebracht hat, die er am 20. Januar leider verlassen hat. Seine Musik aber bleibt.

Malte Hübner ist Komponist und war von 1975 bis 2018 als Geiger Mitglied der Norddeutschen Philharmonie Rostock.

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