Zeig mir deinen NFC-Chip, Baby

NFC-Chips stecken in Geldkarten und Smartphones. NFC steht für »Near Field Communication«, also Nahfeldkommunikation. Die 25-jährige Hamburgerin Kim Egger hat sich zwei dieser Chips unter die Haut pflanzen lassen und kann damit beispielsweise bezahlen

  • Von Anne Klesse
  • Lesedauer: 6 Min.
Die Technik rückt den Menschen auf die Pelle.
Die Technik rückt den Menschen auf die Pelle.

Kim Egger steht am Warenband und verstaut ihre Einkäufe in der Tasche. Der Supermarktmitarbeiter tippt auf sein Touchpad, die Kasse zeigt den zu zahlenden Betrag an. Er fragt: »Karte oder bar?« Egger schiebt den rechten Ärmel ihrer Jacke hoch und hält ihren Unterarm an das Lesegerät. Dann folgen ein kurzer Piepton der Kasse und ein leises Rattern des Druckers. Egger nimmt den Einkaufsbeleg und verabschiedet sich.

Die 25-Jährige hat seit Herbst 2020 einen Chip zwischen Handgelenk und Ellenbogen, mit dem sie ähnlich wie mit einer Kreditkarte bezahlen kann. Theoretisch zumindest - aktuell hat sie kein Guthaben darauf geladen, da sie wegen der Corona-Schutzvorrichtungen an den allermeisten Kassen ohnehin nicht nah genug mit ihrem Arm an das Lesegerät kommt.

»I am Robot«, ein deutscher Anbieter solcher NFC-Chips, weist auf seiner Webseite darauf hin, dass das Implantat einfach an das Smartphone gehalten werden und dann mit einer App verwaltet, aufgeladen und auch gesperrt werden kann. So werden Transaktionen synchronisiert. Der Chip funktioniert wie in einer Prepaid-Karte und wird via Online-Direktüberweisung aufgeladen. Im Webshop kostet ein solches NFC-Implantat je nach Konfiguration zwischen 160 und 350 Euro.

Wenn Egger die Stelle, an der ihr Chip unter der Haut sitzt, betastet, kann sie die Kanten des etwa 2,6 mal 1,6 Zentimeter großen Biopolymer-Teils fühlen. Mittlerweile hat sich Egger einen weiteren Chip zugelegt: einen reiskorngroßen Stift an ihrer linken Hand zwischen Zeigefinger und Daumen, der ihre Handynummer gespeichert hat und rot aufleuchtet, wenn er mit einem entsprechenden Lesegerät oder Handy kommuniziert.

Für ihre Bachelor-Arbeit im Bereich Marketing und Digitale Medien am FOM Hochschulzentrum in Hamburg hatte sie sich 2020 mit der sogenannten Nahfeldkommunikation - Englisch »Near Field Communication«, kurz NFC - beschäftigt. Dabei geht es um einen internationalen Übertragungsstandard zum drahtlosen Austausch von Daten über kurze Distanzen bis maximal 20 Zentimeter. Die Technik dahinter nennt sich RFID oder auch »Radio Frequency Identification«.

Es gibt sie bereits seit den 1970er Jahren, bei ihr werden über elektromagnetische Induktion Daten übertragen, und sie kommt vor allem beim Micropayment, also dem kontaktlosen Bezahlen kleiner Beträge, zum Einsatz. NFC-Chips stecken beispielsweise in den Etiketten der Waren im Einzelhandel oder in EC-Karten, die dadurch für Zahlungen nicht mehr in ein Lesegerät gesteckt, sondern lediglich nah drangehalten werden müssen. Auch Smartphone-Funktionen wie Apple Pay funktionieren über NFC oder Ticketsysteme im öffentlichen Nahverkehr, Hunde werden seit langer Zeit damit registriert.

Mit ähnlichen Chips unter der Haut ließen sich Türen öffnen oder passwortgeschützte Computer entsperren - die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig. Noch ist das hierzulande für die breite Masse allerdings Zukunftsmusik. Um sich für ihre Abschlussarbeit nicht nur theoretisch mit der Frage nach der »Akzeptanz von NFC-Handimplantaten im Zahlungsverkehr« zu beschäftigen, entschied sich Egger damals für einen Selbstversuch. Ihr prüfender Professor sei sofort »Feuer und Flamme für das Thema« gewesen.

Anderthalb Jahre zuvor hatte sie zum ersten Mal bei einem Vortrag von Patrick Kramer davon gehört. Der Gründer des Hamburger Unternehmens Digiwell - dessen Motto lautet »Build a better you« (erschaffe ein besseres Ich) - hatte über seine Visionen im Bereich »Biohacking« gesprochen und darüber, wie vermeintliche Schwachstellen im menschlichen Körper mittels digitaler Technologie optimiert werden könnten. Er erwähnte, dass er selbst mehrere Mikrochips im Körper trage, auf denen er unter anderem medizinische Daten gespeichert habe.

Kramer chippte in der Vergangenheit bei Veranstaltungen wie der Cebit Freiwillige schon live auf der Bühne, seit mehr als einem Jahrzehnt wirbt er für diese Art des Biohackings. Bislang sind nach Expertenschätzungen nur wenige Tausend Menschen in Deutschland gechippt. In anderen Ländern ist die digitale Transformation des Menschen populärer. In Schweden etwa tragen seit einiger Zeit Mitarbeitende des Tui-Tochterunternehmens Nordic einen Mikrochip in der Hand und bedienen damit Spindschlösser, Türen und Snackautomaten.

Bei einem solchen Event in Deutschland sah Egger dabei zu, wie jemandem aus dem Publikum ein solches Implantat unter die Haut gesetzt wurde. Sie war fasziniert und recherchierte danach weiter: »Das Thema hat mich seither nicht mehr losgelassen.« Schließlich fand sie einen Bodymodder in Düsseldorf - so nennen sich Menschen, die Körper mit Piercings, Tätowierungen, Schmucknarben oder Implants verändern.

Während dieser seinen Kund*innen sonst eher Hörner auf der Stirn modelliert oder die Zunge spaltet, setzte er Egger den vorher online gekauften Speicherchip ein. »Das war nicht ganz ohne, der Eingriff tat schon weh«, erinnert sie sich. Auch danach habe sie noch mehrere Wochen lang einen großen blauen Fleck am Arm gehabt. Ein Jahr später ist nur noch eine kleine rosa Narbe zu sehen.

In einer Umfrage für ihre Bachelorarbeit zeigten sich die meisten der vor zwei Jahren von ihr Befragten zwar einerseits offen dafür, einen solchen Chip zum Beispiel mit Notfalldaten im Körper zu tragen. »Das wäre einfach und praktisch«, findet auch Egger. »Gerade Menschen mit chronischen Krankheiten oder Vorerkrankungen könnten lebenswichtige Daten auf ihr Implantat laden, so dass im Notfall Sanitäter oder Ärzte diese per Lesegerät sofort verfügbar hätten.« Um lediglich den Vorteil einer weiteren Bezahlmethode zu haben, lehnten die meisten Befragten einen solchen Eingriff jedoch ab.

Angst vor Komplikationen, aber auch Fragen rund um den Datenschutz sind demnach die größten Befürchtungen. »In anderen Ländern sind die Menschen bei dem Thema sehr viel offener«, weiß Egger aus ihren Recherchen. »In Deutschland haben viele Angst davor, dass ihre Daten geklaut oder missbraucht werden könnten.« Dabei sei das unbegründet, sagt sie, weil die Chips nur dann ausgelesen werden könnten, wenn sie sehr dicht an ein entsprechendes Lesegerät gehalten würden. Sie selbst habe in der Hinsicht jedenfalls keine Bedenken.

Ihr Umfeld ist da etwas weniger offen. Ihre beste Freundin war dabei, als Egger zum ersten Mal mit ihrem Unterarm in einem Supermarkt bezahlte. »Die fand schon den Gedanken schrecklich, einen Fremdkörper unter der Haut zu haben«, erinnert sich Egger, die nach Ende ihres Studiums beim NDR Hörfunk als Sendeassistentin arbeitet. »Als meine Eltern und mein älterer Bruder davon erfuhren, haben die zuerst gedacht, ich wäre nicht ganz dicht.« Mittlerweile aber hätten sich Familie und Freunde daran gewöhnt, dass sie so begeistert von den digitalen Möglichkeiten des Biohackings sei.

Auf dem zweiten Chip kann sie mittels einer Smartphone-App theoretisch alle möglichen Daten speichern, zum Beispiel ihre Visitenkarte oder ein Social-Media-Profil. Der Speicherplatz ist mit 1912 Byte Schreib- und Lesespeicher allerdings recht gering - gängige USB-Sticks haben in der Regel Speicherkapazitäten im Gigabyte-Bereich. Derzeit ist auf ihrem glasummantelten »Reiskorn« also lediglich ihre Handynummer hinterlegt.

Egger denkt an eine romantische Cyborg-Begegnung: »Ich stelle mir vor, wie ich einem Mann, der mich im Club anspricht, per NFC meine Handynummer gebe, das fände ich sehr cool.« Sie lacht. Die Szene hat etwas von Science Fiction. Aktuell seien die Chips für sie vor allem eine »Spielerei«. »Aber je leistungsstärker diese werden, desto interessanter wird die Technologie auch für mehr Menschen«, glaubt sie. Dann wird aus Zukunftsmusik ganz schnell Realität.

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