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  • Entwicklungshilfe

Jede zur Kapitalistin machen

Mikrokredite können Einzelnen helfen, führen jedoch marktliberale Logik fort

  • Von Philip Blees
  • Lesedauer: 5 Min.
Darlehen für Saatgut sind das Paradebeispiel der Mikrokredite.
Darlehen für Saatgut sind das Paradebeispiel der Mikrokredite.

Erfolgsgeschichten wie aus dem marktliberalen Lehrbuch: Arme Abgehängte aus dem Globalen Süden haben nicht einmal die Mittel, sich das Saatgut für die nächste Saison zuzulegen. Doch eine Bank ist gnädig. Mit einem kleinen Kredit hilft sie aus. Die ganze Familie arbeitet hart und nach der Ernte kann sie den Kredit zurückzahlen – und hat sogar noch ein bisschen was über. Harte Arbeit zahlt sich eben aus.

Das ist sie eigentlich schon, die gesamte Idee hinter den sogenannten Mikrokrediten, die als private Entwicklungshilfe seit nun fast 50 Jahren überall auf der Welt verkauft werden. 2006 wurden sie – genauer: die Bank, die sie populär gemacht hat, und deren Geschäftsführer – gar mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Kleinstbauern, die in Saatgut und Gerät investieren wollen, Gemischtwarenhändlerinnen, die sich neue Ware oder ein kleines Lager anschaffen wollen, sie alle können sich kleine Mengen Geld von Banken oder NGOs leihen, um diese Investitionen zu tätigen.

Von einigen Anbieter*innen werden mehr, von anderen weniger Voraussetzungen vorgegeben. Die schon angesprochene, vom norwegischen Parlament ausgezeichnete Grameen-Bank setzt auf Gruppendruck. Mehrere Personen müssen sich zusammenschließen, um einen Kredit zu bekommen. Das erhöht die soziale Kontrolle und gegenseitige Überwachung. Die Bank steht während des Kredits in engen Kontakt mit den Schuldner*innen und berät sie. Mit der Zeit hat sich zudem eine bevorzugte Vergabe an Frauen eingestellt. 2007 machten diese beispielsweise rund 97 Prozent der Kreditnehmer*innen aus. Sie zahlen zuverlässiger das Geld zurück und werden so zusätzlich gefördert.

In der Kritik stehen vor allem zwielichtige Akteur*innen auf dem Mikrokredit-Markt. Muhammad Yunus, Wirtschaftswissenschaftler und Gründer der Grameen-Bank, problematisierte selbst andere Kreditinstitute für hohe Zinsen und schlechten Service. Diese schwarzen Schafe der Mikrokredite lockt die Rendite und nicht der entwicklungspolitische Gedanke der Finanzierungsmöglichkeit. Zahlreiche Dokumentationen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk oder im Internet zeigen Beispiele und traurige Opfer, die nun in der Schuldenfalle feststecken.

Gute Bank, schlechte Bank – lässt sich diese Unterscheidung aufrechterhalten? Dazu muss man betrachten, was der volkswirtschaftliche Sinn von Krediten im Allgemeinen ist. Sie überwinden Budgetrestriktionen, ermöglichen eine Investition, die vermutlich Geld einbringen wird, welches bisher jedoch noch nicht vorhanden ist. Auch ohne eigenes Kapital kann man sich in einem weit entwickelten Finanzsystem die Mittel besorgen, um Produktionsmittel anzuschaffen – es braucht nur eine gute Idee, die man souverän verkauft.

Einfache betriebswirtschaftliche Modelle der Investitionsrechnung gehen von einem vollkommenen Markt aus. Ein Unternehmen kann sich ins Unendliche verschulden und so mehr Cashflows generieren. Da die natürlichen und rechtlichen Personen im marktliberalen Verständnis rational handeln, wissen sie, welche Transaktionen und Kreditaufnahmen sinnvoll, also profitabwerfend sind. Oder anders herum: Wenn ein Unternehmen einen absurd hohen Kredit aufnimmt, wird schon Profit abfallen – sonst würden es die Kapitalist*innen ja nicht machen. Der Markt regelt das Geschehen über den Preis.

In der Realität ermöglichen Kredite eine Ausdehnung der Restriktionen, gänzlich abgeschafft werden die Grenzen allerdings nicht. Zeitliche Präferenzen sind zu groß, Akteur*innen – auch Banken – nicht risikoneutral. Und auch theoretisch wird die Annahme von vollkommenen Märkten meist verworfen: Unvollständige Informationen führen zu Misstrauen und machen Kontrollmechanismen nötig. Beispiele von Hochstapler*innen, die ein Unternehmen gründen, Investor*innen belügen und trotzdem Geld einstreichen, gibt es zu Genüge.

Nichtsdestotrotz ermöglichen Kredite für Marktakteur*innen höhere Investitionen und somit ein größeres Wachstum und Profite. Sie verteilen das Risiko auf mehrere Personen und begünstigen so dessen Minimierung. Selbst Smartphone-Gigant Apple leiht sich lieber Finanzmittel, um eine neue Firmenzentrale zu bauen, als sie von den eigenen riesigen Geldreserven zu finanzieren. Sollte das Bauvorhaben zum nächsten Berliner Flughafen werden, bleibt der Konzern nicht allein auf den Kosten sitzen. Gleichzeitig kann sich Apple als vertrauenswürdiger Global Player zu sehr niedrigen Zinsen Geld leihen. Das Risiko für die Banken, es zu verlieren, ist gering.

Anders liegt es beim indischen Kleinstbauern. Seine Kreditwürdigkeit ist zweifelhaft. Die Bank geht ein erhebliches Risiko ein, wenn sie Geld verleiht. Missernten kommen im vom Klimawandel geplagten Globalen Süden häufiger vor, komplexe Technologien zur Erntesteigerungen sind nicht weit verbreitet und die Felder eher klein. Der angeblich neutrale Markt, der allein auf die Profitmöglichkeiten schaut, ist vielleicht doch gar nicht so blind für Hautfarbe, Herkunft und Klasse.

Hier setzen die Mikrokredit-Institute an. Ihr erster Schritt, auch kleinen, selbstständigen Unternehmer*innen zu vertrauen und ihnen Möglichkeiten der Finanzierung zu eröffnen, stellt definitiv eine Maßnahme dar, die Gleichheit fördert – in einem marktliberalen Setting: Endlich dürfen auch die Armen etwas Kapitalismus spielen. Doch diese Ironie trifft es wohl nicht genau: Für manche war ein Mikrokredit sicherlich der Weg zu einem besseren Leben. Mit guter Beratung und angemessenen Konditionen stellten sich einige Investitionen als Erfolg für beide Seiten heraus. Genossenschaftliche Banken betreiben diese Hilfe zur Selbsthilfe schon lange erfolgreich als Kern ihres Geschäftes.

Auf der anderen Seite stehen Massen an Kleinunternehmern und Soloselbstständigen, deren Mikrokredit in der Schuldenfalle endet. Selbst die FAZ stellte schon 2011 fest, dass die Darlehen keine »Wunderwaffe« mehr seien. Immer wieder verbrennen sich Kreditnehmer*innen selbst, da sie keinen Ausweg mehr aus den Schulden sehen. Kredithaie nehmen derweil bis zu 120 Prozent Zinsen.

Da ist sie wieder: Die Unterscheidung von guten und schlechten Kreditinstituten. In Abstufungen muss man ihr wohl zustimmen. Wucherzinsen und weitere Abhängigkeiten bringen keine entwicklungspolitischen Erfolge. Doch die marktförmige Zurichtung, die auch durch »gute« Mikrokredite gefördert wird, treibt kapitalistische Landnahme weiter voran. Der Kleinbauer, der weitere Düngemittel bestellt, laugt den Boden aus, die weitere Fabrik auf Pump zerstört Wald und Dörfer. Wachstum ist essenziell in der Armutsbekämpfung, Fehler, die im kapitalistischen Westen bereits begannen wurden, sollten nun allerdings nicht im Globalen Süden unter neuen Vorzeichen wiederholt werden.

Das verweist auf ein grundlegenderes Problem: Marx beschreibt im dritten Band des »Kapitals«, dass das Kreditsystem mitsamt seinem Verhältnis zwischen Gläubiger*innen und Schuldner*innen der einfachen Warenzirkulation entspringt. Das gegenseitige Leihen, die Schuldverhältnisse, die daraus entstehen, heben die Warenproduktion auf ein neues Niveau. Kredite verkürzen die Zirkulationsphase des Geldes, bis es wieder zur Ware wird. Mikrokredite beschleunigen diesen Prozess zusätzlich. Kapitalverhältnisse dringen weiter in jeden Bereich der Gesellschaften vor. Dabei ist die unendliche Warenproduktion nicht das, was die Ärmsten im Globalen Süden brauchen. Sie wollen doch nur über die Runden kommen.

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