Werbung

»Fotografische Stolpersteine legen«

Wo kommen Öl, Kohle und Gas her? Robin Hinsch stellt in Cottbus Fotos über Energie und Katastrophe aus - ein Gespräch

  • Jan Paersch
  • Lesedauer: 5 Min.
Enrgie in energisch: Schwarze Pumpe in Hoyerswerda
Enrgie in energisch: Schwarze Pumpe in Hoyerswerda

Herr Hinsch, was bedeutet der Titel Ihrer Foto-Arbeit »Wahala«?

Das ist ein geflügeltes Wort in Yoruba, einer nigerianischen Sprache. So wie man »No Worries« sagt, sagt man: »No Wahala«. Kein Problem. Je tiefer ich aber ins Nigerdelta eindrang, desto öfter wurde aus »No Wahala« ein »Wahala«. Aus europäischem Blickwinkel klingt das wie »Walhalla«. Ein Stolperwort. Und ich möchte gern fotografische Stolpersteine legen.

Für die Ausstellung »Wahala« in Cottbus haben Sie in Nigeria, Deutschland, Polen und Indien fotografiert. Ihre Bilder beschäftigen sich mit den weltweiten Ausbeutungsmechanismen bei der Förderung fossiler Brennstoffe. Wie kamen Sie auf dieses Thema?

Man weiß, dass Kohlenstoffdioxid der Motor der Klimakrise ist. Ich habe mich gefragt: wo kommen Öl, Kohle und Gas her? In einem Land wie Nigeria wird seit 1954 im großen Stil Öl gefördert - seitdem gibt es dort unfassbare Umweltverschmutzungen. Im Nigerdelta wird der Wohlstand für andere Länder gefördert, aber an dem Ort selbst ist nichts. Es gibt Ölabfacklungsanlagen, die man mit einfachen Mitteln in Stromgeneratoren verwandeln könnte. Aber in ganz Nigeria gibt es keine Stromleitungen! Die Menschen sehen, wie das Gas abbrennt und haben nichts. Es ist, als würden sie vor einem vollen Kühlschrank verhungern.

Wie war es in Indien?

Die indische Gesellschaft wächst sehr schnell, Kohle ist eminent wichtig im Energiemix. Vor Jahrzehnten gab es einen Sprengstoffunfall, und weil die Kohleflöze miteinander verbunden sind, brennt seitdem permanent ein unterirdisches Feuer. Die Folge ist eine katastrophale Luftverschmutzung. Oft heißt es bei uns: Wenn diese Förderung nicht aufhört, kommt die Apokalypse. Dabei ist sie längst da - nur nicht im Westen.

Sie haben schon in China, Irak, Syrien und der Ukraine fotografiert - Länder, die mit Journalist*innen wenig zimperlich umgehen. Hatten Sie nie Angst, wenn Sie unterwegs waren?

Bisher ist fast immer alles gut gegangen. Auch in Deutschland kann es passieren, dass ich mich der Polizei erklären muss. Ich denke immer: Mich hat ja keiner gezwungen, hier zu sein. Das beeinflusst auch die Körpersprache. Es hilft schon, zu signalisieren: »Was bitteschön soll ich euch denn tun?«

Wo ist es denn mal nicht so gut gegangen?

In der Ostukraine wurde ich einmal für einen ausländischen Spion gehalten, kurz nachdem der Konflikt mit Russland begonnen hatte. Ich hatte eine eingestürzte Brücke nahe Mariupol fotografiert - weit und breit gab es keine Kontrollen. Plötzlich tauchten direkt vor mir Leute aus dem Gebüsch auf. Die haben mich sofort einkassiert, da half auch meine Akkreditierung nicht. Nach ein paar Stunden konnte ich wieder gehen. Aber das war schon unangenehm. Man darf die Privilegien nicht vergessen, die jemand wie ich genießt. Als Weißer mit europäischem Pass kommt man fast überall raus.

Ihre Arbeiten dokumentieren Zustände und sind gleichzeitig autonome Kunstwerke. Wie kam es dazu?

Als Teenager war ich oft auf Demonstrationen und habe die dann auch fotografiert, genau wie die Bands meiner Freunde. Dokumentarfotografie hat mich immer schon sehr interessiert, vor allem im Bereich von Pop und Politik.

Nach dem Abitur in der Nähe von Hamburg bin ich zum Fotografiestudium nach Karlsruhe gegangen. An der Hochschule wurde aus dem Ich-knips-irgendwie-Bilder dann ein Dokumentarfotograf an der Schnittstelle zur Kunst. Mir war es immer wichtig, mich an eine Formensprache zu halten und eine visuelle Stringenz zu erzielen, gerade bei Langzeitprojekten.

»Wahala« wurde oft gelobt: »Apokalyptisch wie Dantes Inferno und von atemberaubender Ästhetik«. Kann man ein Motiv auch zu schön fotografieren?

Nun, wenn das Licht nicht besonders ist, dann ist es eben nur eine Müllkippe in Döhnsdorf. Bilder dürfen anziehend sein - sie sollen Aufmerksamkeit erregen. Die Leute sind fasziniert und wollen dann genau wissen, was dahinter steckt. Ich sehe mich nicht nur als Fotograf, sondern auch als Kommunikator. Ich bin kein Aktivist, mir geht es aber darum, Menschen in eine Diskussion hineinzuziehen, indem ich sie in ein Bild hineinziehe.

Kann Ihre Kunst die Welt verbessern?

Das maße ich mir nicht an. Aber ich hoffe, dass Betrachter meiner Fotos sich Gedanken machen, Forderungen stellen, politische Diskussionen anstoßen. Es ist schon ein großer Schritt getan, wenn die Leute nach dem Ausstellungsbesuch anfangen, umzudenken. Und sei es, dass sie für sich beschließen, Zahnpasta ohne Mikroplastik benutzen.

Die traditionelle, professionelle Fotografie scheint in einer Krise zu stecken - seit Jahrzehnten schon. Wie kann es weitergehen?

Ich sehe eher Chancen in der neuen Technik. Früher habe ich in vier Wochen 150 Fotos gemacht, heute kommen so viele allein an einem Tag zusammen. Ich bin froh über die Digitalfotografie, sie eröffnet auch neue Ideen. Der Kontext wird wichtiger, denn es reicht nicht mehr, nur zu fotografieren. Es geht um neue Formen und Ansätze. Vielleicht lässt sich die Situation mit der Zeit vergleichen, als die Fotografie aufkam, im 19. Jahrhundert. Es war nicht mehr immer sinnvoll, alles und alle en detail abzumalen. Dennoch gibt es auch heute noch, im 21. Jahrhundert, figurative Malerei. Und: man wird auch noch in Zukunft die Pressefotografen brauchen.

Woran arbeiten Sie im Moment?

Ich habe mit einer Nachfolgearbeit zu »Wahala« begonnen, beschäftige mich mit Seltenen Erden. Ich habe im Harz und im Erzgebirge fotografiert. Dort wurden vor 40 Jahren die letzten Bergwerke stillgelegt. In den Gewässern hat man jetzt einen hohen Gehalt an Kobalt entdeckt, das soll nun gefördert werden. Das Narrativ dazu: Es sichert Deutschlands Unabhängigkeit von Drittanbietern und schafft eine neue nationale Souveränität durch grüne Technologien. Dabei machen diese Vorkommen nur ungefähr drei Prozent von der Menge aus, die man in Deutschland benötigt.

Was sollte ein Fotograf auf Reisen immer dabei haben?

Gute Frage. Ich kann leider keine Pointe liefern. Josef Koudelka hätte gesagt: »Ein guter Fotograf braucht gute Schuhe.« Ich bin eher der Kandidat, der sich denkt: Verdammt, ein Taschenmesser wäre jetzt gut gewesen.

»Wahala«, BLMK Cottbus, im CB Dieselkraftwerk, bis 22.4., Di bis So 11 bis 19 Uhr, 4 €.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal