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  • Gorilla-Safari in Uganda

Allein im Wald der großen Affen

Ugandas Nationalparks sind ein Stück Natur Ostafrikas in ihrer wilden, ursprünglichen Schönheit. Mit Geduld und Glück kommt man der Wildnis ziemlich nahe - bei einem Treffen etwa mit Schimpansen und Gorillas, irgendwo im Regenwald

  • Von Carsten Heinke
  • Lesedauer: 8 Min.
Ganz cool: Berggorilla beim Mittagsmahl
Ganz cool: Berggorilla beim Mittagsmahl

Uganda-Kaffee, Kochbananen-Eierkuchen und das erste Stückchen Afrika zum Träumen: Vom Frühstückstisch im Garten schweift der Blick hinab und in die Ferne, wo das Hochland ganz allmählich in das Mondgebirge übergeht. Der himmelblaue Streifen zwischen all dem Grün ist der Viktoriasee. Er umspült die kleine Halbinsel, auf der Entebbe liegt - die alte Hauptstadt von Uganda.

Auf einem ihrer Hügel steht unser Gästehaus, das Carpe Diem. Stéphan Japhet, der Eigentümer, strahlt hinter seinem Nase-Mund-Schutz. Er freut sich über jeden Gast in diesen Tagen. «Covid macht es uns nicht leicht», sagt der Mann, der ursprünglich aus Madagaskar stammt. Trotz relativ geringer Zahlen hat die Pandemie auch in Uganda spürbare Schäden angerichtet. «Viele leben hier von den Touristen. Wenn keine kommen, fehlt uns Arbeit», sagt der 45-Jährige.

Auch William Bulega, Guide und Fahrer, ist froh, dass er seine Heimat wieder Gästen zeigen kann. Coronamüde, fernwehkrank und reisehungrig, stürzen wir uns - brav maskiert - mit ihm und seinem Jeep ins Abenteuer: eine Reise durch die schönsten Nationalparks von Uganda.

Schon bald rollt unser Wagen durch leuchtend grüne Teeplantagen. Und nach dem Mittagessen in Fort Portal sind wir bereits in den Kibale-Wäldern. Vor uns liegt das Reich der Affen. Hier tummeln sich gleich 13 Arten von Primaten, darunter Meerkatzen, Mangaben, Stummel- sowie Mantelaffen und - als populärste - die Schimpansen. Am nächsten Morgen werden wir sie treffen.

Schimpansen-Alarm

Gut zwölf Meter über uns sitzen fünf von ihnen in den Feigenbäumen und verspachteln deren süße Früchte. Nach der stillen Mahlzeit im Geäst wechseln sie mit schallendem Geschrei die Plätze. Fast wie beim Alarm im Feuerwehrdepot, nur kletternd, bewegen sich die flinken Tiere baumstammabwärts. Gordon Akampulira hat sie alle im Visier. «Das Familienoberhaupt ist auch dabei», freut sich der Ranger.

Sekunden später braucht er kein Fernglas mehr. So nahe tobt die wilde Jagd an uns vorbei, dass uns einige der Tiere sogar streifen. Auf Abstand müssen wir schon selber achten. Mund-und-Nasen-Schutz ist Pflicht. Können Primaten doch die gleichen Krankheiten erleiden wie Menschen. Während die anderen im Dickicht warten, nimmt das korpulente Alphamännchen vor uns Platz. Bedeutungsvoll und gönnerhaft hockt es mitten auf dem Weg und mustert die maskierten Menschen. «Das ist Mister Orphan», stellt ihn Gordon vor. 32, nur zwei Jahre älter als er selber, sei der graumelierte Muskelprotz, sagt Gordon.

Erst als die Schimpansen wieder im Gebüsch verschwunden sind, haben wir auch Augen für die Vögel, Schmetterlinge, Blüten, Pilze, Farne. Mit 351 Arten sind die Bäume besonders reich vertreten. Ihre dicht belaubten Kronen bilden regelrechte Dächer. Im Südwesten, wo der Kibale-Nationalpark übergeht in Grasland und Akaziensavannen, verbindet ihn ein 180 Kilometer langer Wildtierkorridor mit dem Queen-Elisabeth-Nationalpark.

Wer den 180 Kilometer langen Schutzstreifen passiert, wechselt nicht nur von dem einen in den anderen Nationalpark, sondern zugleich auch zwischen Nord- und Südhalbkugel. Wir überqueren den Äquator auf der A109 kurz hinter Kasese. Da das Denkmal jemand umgefahren hat, müssen wir als Fotohintergrund mit einem Pappschild vorliebnehmen.

Am Äquator durch den Nebelwald

Die Hähne krähen früh im Hochland von Kigezi. Es scheint, als wollten sie uns dazu animieren, die Schönheit dieser himmelsnahen Szenerie Ostafrikas vom ersten Tageslicht an auszukosten. Noch ruht darauf die Tropennacht. Der gleichmäßige Klang der Dunkelheit aus unzähligen Stimmen und Geräuschen gleicht dem Pulsschlag eines Schlafenden.

Wie eine dicke, weiche Decke verhüllt die Finsternis die bergigen Konturen der Umgebung. In ihrem Schwarz versunken sind sogar die scharfen Silhouetten der Virungas gegenüber. Die acht Vulkane liegen teils im äußersten Südwesten von Uganda wie auch in Ruanda und Ost-Kongo. Der Virunga-Nationalpark ist eines der letzten beiden Rückzugsgebiete der vom Aussterben bedrohten Berggorillas. Das zweite sind die Bwindi-Regenwälder etwas weiter nördlich.

Um die imposanten Tiere heute dort zu sehen, begleite ich sechs Gäste von Akwaba Afrika auf Erkundungstour. Der nachhaltig orientierte Veranstalter aus Leipzig ist auf individuelle Afrikareisen spezialisiert. Sympathisch sind sowohl sein ökologisches und soziales Engagement als auch der private Reisestil in sehr kleinen Gruppen.

Ich öffne die Terrassentür des Bungalows und gehe ein paar Schritte in den Garten. Den Mutanda-See zu meinen Füßen kann ich im Dunkeln nur erahnen. Die feuchte, kühle Luft, die er nach oben schickt, vertreibt die letzte Schläfrigkeit. Schon wenige Minuten später sitzen alle in den beiden Allrad-Jeeps. Der Weg zum Nationalpark ist nicht weit, doch steinig. Ja, mitunter führt er über blanke Felsen. Das braucht Geduld und Zeit.

«Kein Problem», meint William Bulega, der ugandische Touristenführer und Chauffeur. Der 47-Jährige vertraut auf seine Ortskenntnisse und sein Fahrtalent. Obwohl Uganda selbst vergleichsweise nur wenige Coronafälle hatte, war der dreifache Familienvater wie viele seiner Landsleute von der Pandemie betroffen. Denn weil kaum Fremde nach Uganda kamen, gab es für ihn so gut wie keine Arbeit. Umso mehr freut sich der Guide und Fahrer über unseren Besuch.

Während er den Wagen vorsichtig um respektable Bodenlöcher lenkt, drängt das Morgengrauen unseren Blick schon in die Ferne. Für ein paar Augenblicke hat alles einen blauen Schimmer. Doch im Handumdrehen wird es hell. Senkrecht geht die Sonne auf. «Hier am Äquator dauert jede Dämmerung nur wenig mehr als 20 Minuten», sagt William. Wie aus dem Nichts tritt aus den Wolkenschleiern die geheimnisvolle Berg- und Tallandschaft hervor.

In Rushaga, am Südeingang des Bwindi Impenetrable Nationalparks, empfängt uns Miel Mfitumukiza. «Wenn wir Glück haben, sehen wir noch heute Vormittag Gorillas», meint der junge Ranger. Das Tracking könne aber auch viele Stunden dauern«, fügt er hinzu. Für alle Fälle erkunde man jeweils am Vorabend die Schlafplätze der pflanzenfressenden Nomaden. »So wissen wir, wo sie am nächsten Morgen starten«, erklärt der 33-Jährige.

Um sie an Menschen in der Nähe zu gewöhnen, werden die Tiere bis zu zweieinhalb Jahre trainiert. Dazu gehöre etwa, ihr Verhalten nachzuahmen. Miel legt das Kinn auf seine Brust und brummt ein paar Mal tief und grunzend. »Das beruhigt sie«, weiß der Menschenaffen-Spezialist. Vertrauen schaffe ebenfalls, wenn man Blätter von den Büschen zupfe und so tue, als würde man sie essen.

Die Letzten ihrer Art

17 von den 36 Berggorillagruppen in den Bwindi-Wäldern wurden auf diese Weise für touristische Beobachtungen vorbereitet. Das ist rund die Hälfte der 549 Tiere, die im Nationalpark leben. Nur wenig mehr als 1000 sind es insgesamt in der Region, dem letzten Lebensraum der Spezies. Nicht zuletzt durch sanften, stark reglementierten Tourismus, durch dessen Erlös der Schutz hauptsächlich finanziert wird, wächst der Bestand seit Jahren wieder an.

Wir starten. Miel schärft uns noch einmal ein: »Stets ruhig bleiben, nichts essen oder trinken. Keinem Tier zu lange in die Augen schauen, auf keinen Fall Blitzlicht benutzen!« Im Gänsemarsch geht es durch den Dschungel. Vorneweg läuft jemand mit Gewehr. »Bloß für den Notfall«, klärt uns der Ranger auf. Sollten wir etwa auf einen Waldelefanten stoßen, der sich bedroht fühlt und angreift, reiche ein Schuss ins Leere, um ihn zu vertreiben.

Im Unterschied zu dem Gewehr, das zum Glück die ganze Zeit nur über seiner Schulter hängt, kommt die Machete in der Hand des Nationalparkwächters oft zum Einsatz. Immer wieder kurz und kräftig haut der Mann das lange, breite Messer in das krautige Gestrüpp. Der schmale Trampelpfad ist seit der letzten Tour fast zugewachsen.

Schon tief im Wald, ertönt aus Miels mobilem Funkgerät ein kratzendes Geräusch und schließlich eine Stimme. »Sie haben sie gefunden«, gibt er uns die Botschaft freudig weiter und deutet auf den steilen Hang. Von nun an führt der Weg direkt durchs Dickicht und konsequent nach oben - zu einer siebenköpfigen Gorillagruppe.

Auf dem Rwamunyonyi-Hügel erwartet uns der Suchtrupp aus vier Männern. Schweigend zeigt der erste auf die Büsche vor uns. Zweige biegen sich. Es raschelt. Dann, ganz kurz, ein schwarzer Schatten. Der erste Berggorilla! Ein Späher winkt uns, ihm zu folgen. Nach ein paar Schritten stehen wir auf einer kleinen Lichtung - und mittendrin in einer friedlichen, gemütlichen Gesellschaft wilder Affen. Allesamt sind so vertieft in ihre Blätter-Schlemmerei, dass sie uns gar keine Beachtung schenken.

Frühstück bei Familie Berggorilla

Vater Silberrücken hockt im hohen Gras. Zunächst schaut nur sein Riesenkopf heraus. Emsig schiebt er Blatt für Blatt ins Maul und kaut. Zwei Halbwüchsige sitzen vis-à-vis. Der eine laust den anderen. Hingebung und Genuss - auf beiden Seiten.

Durch die Zweige über ihnen hangelt sich ein großäugiges Affenkind. Tollpatschig pflückt es das Laub und lutscht daran herum. Seine Mahlzeit ähnelt eher einem Spiel. Zielgerichtet eilt hingegen eine Mutter mit ihrem Baby auf dem Rücken zum nächsten Futterbusch.

Wir folgen ihr - mit Abstand. Dass wir schweigen sollen, muss uns niemand sagen. Denn sprachlos sind wir ohnehin. Die faszinierend schönen Wesen, die uns Menschen in so vielem ähnlich sind, bezaubern uns mit ihrer Kraft und Sanftmut, ihrem Familiensinn und ihrer Art, sich Sympathie durch körperliche Nähe und Zärtlichkeit zu zeigen.

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