Glück als Schornsteinfegerin

Kampagne wirbt für Berufsausbildung in Brandenburg

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 3 Min.
Ist in ihrem erlernten Beruf zufrieden: Schornsteinfegerin Marisa Schiffer aus Spremberg
Ist in ihrem erlernten Beruf zufrieden: Schornsteinfegerin Marisa Schiffer aus Spremberg

Nur zehn Prozent der Schornsteinfeger in Deutschland sind weiblich. In ihrer Berufsschulklasse war Marisa Schiffer das einzige Mädchen. »Das hatte aber auch einen Vorteil«, sagt sie. »Meinen Namen haben sich die Berufsschullehrer zuerst gemerkt.« Vor einem Jahr lernte Marisa aus. Jetzt arbeitet sie als Gesellin in Senftenberg. Wenn sie im Dienst über den Markt läuft, kommen immer Passanten, die sie anfassen, umarmen oder an ihren Knöpfen reiben möchten, weil das angeblich Glück bringen soll. Meistens wünschen sich die Leute einen Lottogewinn. »Das ist so ein schönes Gefühl«, schwärmt die junge Frau. Ursprünglich wollte sie Polizistin werden, hat nach der Schule erst einmal ein Freiwilliges Ökologisches Jahr im Tierpark gemacht und sich dann für eine Schornsteinfegerlehre entschieden. Auf die Idee ist sie bei einer Ausbildungsmesse in Cottbus gekommen. Da waren zwei Schornsteinfeger mit ihren schwarzen Anzügen, Zylindern und goldenen Knöpfen. Das hat Marisa gefallen.

Jetzt posierte sie gemeinsam mit ihrer Mutter für ein Plakatmotiv der Kampagne »Brandenburg will Dich! Hier hat Ausbildung Zukunft«. Zu dem Bild, auf dem Mutter und Tochter übers ganze Gesicht strahlen, steht: »Als Schornsteinfegerin hat meine Tochter beste Aussichten.« Auf anderen Plakaten sind beispielsweise Lennart und sein Vater aus Kleinmachnow zu sehen: »Typisch mein Sohn: Als Pflege-Azubi denkt er nicht nur an seine eigene Zukunft.« Oder Anna mit ihrem Vater aus Bergholz-Meyenburg: »Meine Tochter wird Papiertechnologin und ich stehe mit jeder Faser hinter ihr.«

Die am Montag vorgestellte Kampagne soll Eltern davon überzeugen, dass ihre Kinder nicht nur mit Abitur und Studium glücklich werden können, sondern auch mit einer klassischen Berufsausbildung. Die Kampagne tut Not. Jeder vierte Beschäftigte in Brandenburg ist 55 Jahre und älter, im Süden des Landes sogar jeder dritte. Sie werden also in gar nicht so ferner Zukunft in Rente gehen.

Die Firmen haben das Personalproblem, das auf sie zukommt, »sehr gut verstanden«, bescheinigt Ramona Schröder, Regionaldirektionschefin der Arbeitsagentur. Trotz Belastungen durch die Corona-Pandemie halten sie aktuell 11 500 Lehrstellen bereit. Zumindest haben sie so viele der Arbeitsagentur gemeldet. Vor drei Jahren seien es nur 9900 gewesen. Doch während es damals noch über 9000 Bewerber gab, sind es jetzt 1000 weniger.

Anders gesagt: Heute kommen in Brandenburg auf 100 Lehrstellen lediglich noch 77 Bewerber. In den Nachbarländern Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Sachsen sieht es noch schlechter aus. Da sind keine Lehrlinge zu holen. Aber in Berlin gibt es je 120 Bewerber nur 100 Ausbildungsplätze. Schröder ermuntert Berliner Jugendliche deshalb zur Ausbildung in Brandenburg. Es gibt Beispiele, dass junge Menschen aus Berlin-Marzahn zur Ausbildung nach Potsdam pendeln, obwohl sie dafür einmal quer durch die Hauptstadt fahren müssen.

Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD), selbst »waschechter Berliner«, ermuntert dazu. Er ist seit 2014 in Brandenburg tätig. Bevor er 2018 Minister in Potsdam wurde, war er Präsident der Technischen Universität Cottbus. Er wirbt: »Wenn man erst einmal den Mut hat, Berlin zu verlassen, stellt man fest, dass die Rahmenbedingungen in Brandenburg besser sind.« Und inzwischen übernehmen die Betriebe ihre Lehrlinge nach der Ausbildung in aller Regel. Das sah in den Zeiten der Massenarbeitslosigkeit vor 20 Jahren noch ganz anders aus.

Allein für die Tesla-Elektroautofabrik in Grünheide werden derzeit 100 Azubis in 15 verschiedenen Berufen gesucht. Elektrotechnik hat insgesamt Zukunft. Schon jetzt sind in dieser Branche viele Lehrstellen frei, und der Bedarf wächst noch wegen der Energiewende, prophezeit Arbeitsagenturchefin Schröder. Unter den fünf beliebtesten Berufen tauche die Elektrotechnik leider nicht auf.

Es läuft jetzt die Woche der Ausbildung mit digitalen Messen, Elternabenden und Speeddatings, bei denen sich Personalchefs und Bewerber kennenlernen.

mach-es-in-brandenburg.de

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal