Stolpersteine für zwei kleine Mädchen

Erinnerung an Naziverbrechen in der Klinik am Wiesengrund in Berlin und im Kinderheim Waldhaus in Bad Freienwalde

  • Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.
Die Stolpersteine für Ingrd Kroker und Ruth Ringh.
Die Stolpersteine für Ingrd Kroker und Ruth Ringh.

Am Eichborndamm 238-240 in Berlin-Reinickendorf liegen schon länger sieben Stolpersteine für Opfer des Faschismus. Zwei weitere sind am Freitag hinzugekommen - für Ingrid Kroker und Ruth Ringh, zwei kleine Mädchen.

Ingrid Kroker, geboren im Sommer 1939, wohnt im Berliner Arbeiterbezirk Wedding. Weil sie einnässt und kaum spricht, wird sie im November 1943 in die zur Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik gehörende Kinderfachabteilung im Wiesengrund aufgenommen. Diese Fachabteilung befindet sich am Eichborndamm. Hier untersucht Chefarzt Karl Hefter Kinder mit verzögerter Entwicklung und missbraucht die nach der Naziideologie als nicht lebenswert Eingestuften für medizinische Versuche.

Von 66 Mädchen und 109 Jungen, die in den Jahren 1942 bis 1945 hier eingewiesen worden sind, sterben 81 einen qualvollen Tod. So informiert eine Gedenktafel an dem Gebäude, in dem sich heute das Straßenbau- und das Grünflächenamt von Reinickendorf befinden sowie im Keller ein Gedenkort samt Geschichtslabor.

Glaubt man den Berichten der Krankenschwestern, geht es Ingrid Kroker am Wiesengrund bald besser. »Das Kind hat sich gut eingelebt, sie ist immer lieb und freundlich«, wird notiert. Nachts macht Ingrid noch ein. Tagsüber bleibt sie trocken. Doch im Dezember wird Ingrid ins Kinderheim »Waldhaus« in Bad Freienwalde verlegt, wohin der Mediziner Hefter wochenweise pendelt. Hier nässt das kleine Mädchen auch wieder tagsüber ein und verstummt zunehmend.

Hefter glaubt, wenn ein Kind nicht funktioniert, muss am Gehirn etwas nicht in Ordnung sein. Er sticht Ingrid mit einer Nadel in ihren Lendenwirbel, um Rückenmarksflüssigkeit zu entnehmen, und öffnet ihre Schädeldecke, findet jedoch nichts Auffälliges. An den Folgen des Eingriffs stirbt das Kind einen Tag später. Es ist der 4. Februar 1944. Sie ist nur viereinhalb Jahre alt geworden.

»Ingrids Tod muss als Totschlag oder besser Mord beurteilt werden«, so die Reinickendorfer Arbeitsgemeinschaft Stolpersteine. In der AG engagieren sich ein Dutzend Einwohner des Bezirks, um an Naziopfer zu erinnern. Für 180 Stolpersteine habe man mittlerweile gesorgt - für ermordete Psychiatriepatienten, für Juden, Widerstandskämpfer, Homosexuelle und Kriegsdienstverweigerer, erläutert Sprecher Peter Rode.

Die 125 Euro für den Stolperstein für Ingrid Kroker brachte eine Mitstreiterin auf. Vor drei Jahren wünschte sie sich für diesen Zweck zum Geburtstag Spenden statt Geschenke. Es kam dabei so viel Geld zusammen, dass es noch für einen zweiten Stolperstein reichte und zusätzlich für 100 Euro für die Arbeit der AG. Einen Stolperstein hat nun also auch Ruth Ringh erhalten, die ebenfalls in Bad Freienwalde war und im Februar 1944 umkam. Da war dieses Mädchen noch keine sechs Jahre alt.

Der Kölner Künstler Gunter Demnig, der 1996 damit anfing, verlegt mittlerweile nicht mehr alle Stolpersteine persönlich. Als am Freitag ein Mitstreiter der AG die zwei Stolpersteine in den Gehweg am Eichborndamm einlassen will, stellt er fest, dass sich unter der Einfahrt zum Gedenkort Wiesengrund eine Betonschicht befindet. Jemand erinnert sich, dass Gunter Demnig einst schweres Gerät einsetzen musste, um die hier schon länger liegenden Stolpersteine zu platzieren. Doch jetzt fehlt die Technik dafür. Die neuen Steine kommen deshalb ein Stück versetzt neben die Einfahrt an eine nicht betonierte Stelle.

Kaum jemand könne sich heute noch vorstellen, dass man Kinder, die nicht ins »Bild des Normalen passten«, weggesperrt und ihren Tod billigend in Kauf genommen habe, sagt Kerstin Köppen (CDU) in einer kurzen Ansprache. Sie ist Vorsteherin der Reinickendorfer Bezirksverordnetenversammlung.

Es werden Blumen niedergelegt. Klaus Murawaski hat zwei Sträuße privat gekauft, um sie im Namen der Linkspartei und der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) zu überbringen. Zwei Papierschleifen weisen das aus. Im stockkonservativen Reinickendorf kommt das nicht bei allen gut an. Ein Herr beschwert sich. Der 68-jährige Murawski möchte nicht streiten. Es ist dem Anlass nicht angemessen. Er entfernt den Schriftzug »Die Linke« und fragt sicherheitshalber: »Aber VVN ist in Ordnung?«

Viele Ärzte, die in der Nazizeit an der Ermordung von Patienten mitwirkten, praktizierten später unbehelligt in Westberlin und Westdeutschland. Chefarzt Hefter aber wurde 1946 von einem sowjetischen Militärtribunal zu zehn Jahren Haft verurteilt. Er starb 1947 im Gefängnis von Bautzen.

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