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Mehr Anziehungskraft durch den Ostsee-Effekt

Der ehemalige Braunkohle-Tagebau Cottbus-Nord wird geflutet - ob das eine gute Idee ist, bleibt umstritten

  • Von Silke Nauschütz, Cottbus
  • Lesedauer: 5 Min.

Macht Ingolf Arnold die Augen zu, rauscht das Wasser in seinen Ohren wie die Wellen der Ostsee. Der Geologe und Wasserexperte steht am Einlaufbauwerk des ehemaligen Braunkohletagebaus Cottbus-Nord. Über den Hammergraben füllt sich das riesige Loch seit drei Jahren mit Spreewasser. Es soll einmal der größte künstliche See Deutschlands werden - gut zweieinhalb Mal so groß wie der Große Müggelsee, der größte See Berlins.

Vor sieben Jahren war in der Grube Schluss mit der Kohleförderung. Bereits da hatten Studierende der Landschaftsplanung den Namen »Der Ostsee« als Arbeitstitel entwickelt. Der habe sich dann festgesetzt - eine Achse von der Ostsee zum Ostsee sozusagen, schmunzelt Arnold. Der Geologe arbeitete beim Tagebaubetreiber Leag und hat den Ostsee mitgeplant.

So weit hergeholt ist das Meerbild nicht - der Sand am Ufer rinnt weiß und feinkörnig wie Ostseesand durch die Finger, die windgebeugten Kiefern am Rande des riesigen Lochs erinnern ein wenig an den Weststrand auf dem Darß. »Jetzt müssen die Cottbuser nur noch ein maritimes Denken entwickeln«, wünscht sich Gabi Grube vom Stadtmarketing in Cottbus. Sie und ihr Team haben die Aufgabe, den »See in die Innenstadt zu bringen« und auch dem skeptischen Lausitzer zu zeigen, was das Gewässer vor der Tür für Chancen bietet. »Welche Stadt kann sich schon mal einen ganzen Stadtteil und ein Hafenquartier bauen«, zeigt sie sich begeistert.

Ein Stadtquartier mit neuen Wohnbereichen soll am Wasser entstehen, dazu Gewerbeflächen, ein Energiecampus als Denkfabrik und Bildungs- und Behördenzentrum mit zahlreichen Arbeitsplätzen. Am Nordufer in der Gemeinde Teichland wird derzeit schon ein Sportboothafen mit 100 Liegeplätzen gebaut. Ein Urlauberdorf soll entstehen. Die ehemalige Bahntrasse Cottbus-Guben soll zu einer urbanen Freifläche werden. Insgesamt 22 Projekte sind geplant.

Der See soll Fachkräfte anlocken

In einem von der Stadt erstellten »Masterplan« sind die Anrainergemeinden aufgeführt - jeder Ort soll vom See partizipieren. Dennis Kettlitz, Vorsitzender des Fördervereins Cottbuser Ostsee, sieht damit den notwendigen Schub für den Strukturwandel. »Wir brauchen auch weiche Standortfaktoren, um Fachkräfte in die Region zu locken«, gibt er zu bedenken. Sein Verein fährt unermüdlich mit einem Ostsee-Infomobil durch die Region, um die Bevölkerung zu informieren. »Der See muss ganzjährig nutzbar sein«, so Kettlitz.

Für die Anwohner ist das entstehende Gewässer längst ein nahes Ausflugsziel. Vor allem an Wochenenden unternehmen sie Radtouren auf dem Rundweg, der auf 23 Kilometern um den Ostsee führen soll und bereits zur Hälfte befahrbar ist. Fast täglich klettern Besucher auf den 32 Meter hohen Aussichtsturm, um die Flutung zu beobachten. 100 Millionen Kubikmeter Wasser sind schon in der Grube. Jeden Tag fließen 300 000 Kubikmeter in das Restloch - die zwanzigfache Menge, die Cottbus jeden Tag braucht, wie Wasserexperte Arnold berichtet. Der »Randschlauch« ist zu etwa 90 Prozent gefüllt.

Es sind gewaltige Wassermengen, die der Ostsee benötigt - die Wasserfläche soll knapp 19 Quadratkilometer haben. Nach Leag-Angaben muss bis zur endgültigen Füllmenge von rund 256 Millionen Kubikmetern noch etwa dreimal so viel Wasser zugeführt werden, die Hälfte der Menge versickert in den Porenräumen der Kippensande. Zum Vergleich: Berlin verbraucht im Jahr etwa 220 Millionen Kubikmeter Wasser. Im Jahr 2025 soll der See die notwendige Mindesthöhe von 2,70 Meter in der Mitte erreichen.

Nicht alle schauen mit Enthusiasmus auf die Flutung des Sees. Umweltschützer kritisieren vor allem die hohe Verdunstung auf der Wasserfläche. »Bei 1900 Hektar ist die Verdunstungsproblematik dramatisch«, sagt der Tagebauexperte der Grünen Liga Brandenburg, René Schuster. Es handele sich überwiegend um Flachwasser. Der See hätte kleiner gestaltet werden können, mit mehr Landfläche und einer Flutung nur der Tiefenbereiche, so Schusters Kritik. Zudem sei der Tagebau eine der Gruben, die ohne Umweltprüfung zugelassen worden seien. »Das holt uns jetzt ein, dass niemand vor dem Baggern zu Ende gedacht hat«, sagt der Umweltschützer.

Beunruhigende Rutschungen

Zuletzt waren Böschungsrutschungen am Ostsee festgestellt worden. Für Schuster ein »ungewöhnlicher und besorgniserregender« Vorgang. Mit Schlichow liege eine bewohnte Siedlung in unmittelbarer Nähe der Rutschung. Leag und das Landesbergbauamt untersuchen die Ursachen.

Der See würde heute sicher anders geplant werden, räumt Geologe Arnold ein. »Man muss jetzt das Beste daraus machen«. Im Übrigen sei jeder See in Summe übers Jahr eine Zerrfläche mit Verdunstung - egal wie es regnet. Die Flutung des Ostsees musste seit ihrem Beginn im April 2019 wegen anhaltender Trockenheit immer wieder ausgesetzt werden. »In den Sommermonaten verzeichneten wir ein Absinken des Seewasserspiegels, der durch Verdunstungseffekte, die Sickerung in die Porenräume der Innenkippe sowie das vorübergehende Einstellen der Flutung beeinflusst worden ist«, berichtet Leag-Sprecherin Kathi Gerstner. Mit den Niederschlägen und der Wiederaufnahme des Flutungsgeschehens seien diese Effekte wieder ausgeglichen worden.

Mit Seewärme heizen

Bei so viel See nahe der zweitgrößten Stadt Brandenburgs liegt die Idee nahe, das Gewässer einmal wasserwirtschaftlich zu nutzen - zum Beispiel mit einer See-Wärmepumpe. Die Sonne erwärme das Wasser, dieses speichere Energie, die dann ausgekoppelt wird und für das Heizen von Wohnungen genutzt werden könnte, schildert Arnold. Er nennt das ein umgekehrtes Kühlschrankprinzip. Das Wasser werde um zwei bis drei Grad kälter wieder zurückgeführt und kühle den See ab. So könnte mit einer geringeren Oberflächenwassertemperatur die Verdunstung geringer ausfallen. Außerdem könnten hohe Abflüsse in die Spree zwischengeparkt werden, um in Trockenzeiten Wasser zuzuführen.

Für solche Ideen muss auch klar sein, wer die wasserrechtliche Verantwortung trägt. Wird der See Landesgewässer oder gründet sich ein Zweckverband? Eine Entscheidung müsse getroffen werden, sagen die Akteure vor Ort. »Es wird lange Trockenzeiten geben, es wird aber keinen Abwärtstrend für die Niederschläge geben«, sagt Arnold. Das Verteilungsmuster werde nur ein anderes sein. »Das heißt, dass es eher kurze starke Niederschläge geben wird, die in Flüsse donnern wie im Ahrtal«. Oberstes Gebot sei bei alldem, das Wasser in der Landschaft zu halten. Dazu sei der Ostsee bestens geeignet. dpa

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