Medien können Divisionen ersetzen

Während des Kriegs in der Ukraine tobt eine Propagandaschlacht auf verschiedenen Kanälen

  • Von René Heilig
  • Lesedauer: 5 Min.
Solche Bilder sind in vielen russischen Medien tabu: Zerstörte Häuser und verzweifelte Menschen in der ukrainischen Stadt Charkiw
Solche Bilder sind in vielen russischen Medien tabu: Zerstörte Häuser und verzweifelte Menschen in der ukrainischen Stadt Charkiw

Die neuen Angriffe werden kommen. Ein sicheres Indiz dafür sind Meldungen russischer Medien, dass in den Regionen Belgorod, Brjansk, Kursk und Woronesch »Maßnahmen gegen eine erhöhte terroristische Gefahr« getroffen wurden. Das, was man anderenorts gemeinhin als Ausnahmezustand bezeichnen würde, soll vorerst bis zum 25. April gelten. Doch niemand müsse Angst haben, betont der zuständige Gouverneur Wjatscheslaw Gladkow.

Wsjo normalno – alles okay, suggerieren die gelenkten russischen Medien und vermelden daher, dass Wladimir Putin und Alexander Lukaschenko am Dienstag zum Kosmodrom Wostotschny geflogen sind. Die Staatsoberhäupter informierten sich auf dem Kosmodrom über Baufortschritte und zeichneten Kosmonauten aus. Am Rande nutzte Putin den Medienauftrieb, um erneut den Einmarsch in die Ukraine vor knapp sieben Wochen zu rechtfertigen. Er sei »alternativlos« und nur »eine Frage der Zeit« gewesen.
Mehr gibt es zu dem Völkerrechtsbruch aus seiner Sicht nicht zu sagen. Auch nicht über die weltweit verordneten Sanktionen, die Russland in die Knie zwingen sollen? Nein, denn trotz des Einfrierens eines Teils der Reserven der russischen Zentralbank durch westliche Staaten verfüge man über ausreichende Reserven in Gold und der chinesischen Währung Yuan, berichtet Elwira Nabiullina, die Chefin des wichtigsten russischen Finanzinstituts.

Selbst die einst als Regierungsorgan maßgebende »Iswestija« verbreitet Unsinn über angebliche russische Erfolge und stellt wie zum Beweis Meldungen aus Großbritannien dazu, laut denen dort der stärkste Rückgang des Lebensstandards seit den 1950er Jahren drohe. Grund sind die antirussischen Sanktionen.

Dass Russlands Bruttoinlandsprodukt laut Weltbankprognose um 11,2 Prozent sinken wird, ist kein Thema in Moskauer Medien. Warum auch? Wladimir Putin kümmert sich höchstpersönlich um das Wohlergehen seiner Untertanen. Einfach so. Der Präsident wies seinen Premierminister Michail Mischustin und die regional Verantwortlichen an, bis zum 25. April »die Verfügbarkeit einer ausreichenden Anzahl von lebenswichtigen Gütern, Medikamenten und Medizinprodukten auf dem heimischen Markt sicherzustellen«.
Was erfährt man aus den Kampfgebieten? Wenig. Wo kein Krieg sein darf, kann es auch keine Meldungen über Tod und Elend geben. Es läuft weiter eine Art Endlosschleife. Tag für Tag wird nahezu wortgleich wiederholt, dass Russland eine Spezialoperation zum Schutz des Donbass durchführe. Ziel sei die Entmilitarisierung und Entnazifizierung der Ukraine. Das Verteidigungsministerium bestätigt lediglich, dass die Streitkräfte der Russischen Föderation weiter die militärische Infrastruktur der Ukraine angreifen.

Ab und zu dürfen die Chefs der von Russland anerkannten ostukrainischen Volksrepubliken Luhansk und Donezk Erfolge »ihrer« Truppen vermelden. Und Gräueltaten der Ukraine anprangern. So würden vor allem die wahlweise faschistisch oder nationalistisch genannten Freiwilligenbataillone Kiews Brücken zerstören und gemeinsam mit britischen Sonderdiensten neue Provokationen ungeheurer Art vorbereiten. So wie jüngst in Butscha und anderen von russischen Militärs geräumten Gebieten. Anschließend lade man dann Vertreter ukrainischer und westlicher Medien ein, um inszenierte Geschichten zu drehen. Die lokale Bevölkerung würde davon gewaltsam ferngehalten, damit sie nicht die wahren Urheber der Verbrechen benennen können.

Kämpfe um Charkiw nehmen an Härte zu

Wahlweise geraten auch andere westliche Unterstützer der Ukraine ins Moskauer Visier. Scharf wird die angeblich von Kanada organisierte Ausbildung von Kämpfern des nationalistischen »Asow«-Regiments angeprangert. Auch dass die US-Minister für Verteidigung und Äußeres am Wochenende ukrainische Marinesoldaten, die vom Special Operations Command in Biloxi, Missouri, gedrillt wurden, zum Kampf in die Heimat verabschiedeten, blieb nicht unbeachtet.

Und was berichten Medien auf der ukrainischen Seite der Front? Man liest, dass die Besatzer taktische Bataillonsgruppen in großer Zahl aus den Militärbezirken Ost und Zentrum in die Regionen Belgorod, Woronesch und Kursk verlegen. Damit die Empfänger der Nachricht keine Hoffnung hegen, die erwartete russische Offensive im Osten des Landes könnte ausfallen, wird darauf verwiesen, dass der Feind seine Angriffsbemühungen derzeit in Richtung Slowjansk und Barwinkowe verstärke. Die seit mehr als einem Monat andauernden Kämpfe um Charkiw würden an Härte zunehmen. Der Feind beschieße unter anderem die Region Luhansk. Wohnviertel von Rubisjne, Lyssytschansk, Siwerodonez und Nowodrushesk sind derzeit am meisten betroffen, heißt es.

Die Situation vor der erwarteten russischen Offensive sei »sehr kompliziert. Da gibt es nichts zu verstecken«, betonte die Vizeverteidigungsministerin Anna Maljar am Dienstag. Was zu erwarten ist, sei nur ein Zwischenziel des Feindes, bevor der wieder die ganze Ukraine ins Visier nehme. Informationen aus sozialen Netzen, laut denen Moskau Chemiewaffen einsetze, bestätigte sie nicht.

Die angespannte Situation sei jedoch kein Grund zum Verzagen, ergänzt der ukrainische Generalstab und listet die Verlustzahlen der russischen Angreifer auf. Zwischen dem 24. Februar und dem 11. April soll Russlands Armee um die 19 500 Soldaten verloren haben. Hinzu kommen 725 Kampfpanzer, 1923 gepanzerte Kampffahrzeuge, 347 Artilleriesysteme sowie 154 Flugzeuge und 137 Hubschrauber. Damit habe Russland in 45 Kriegstagen mehr Hubschrauber verloren als in den zwei Tschetschenienkriegen, im Georgienkrieg und in Syrien zusammen.

Überprüfbar ist das alles nicht. Doch: Nachrichten sind oft gefährlicher als Gewehre und Medien können Divisionen ersetzen.

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