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Krieg von oben

Über das visuelle Antlitz des Krieges in der Ukraine

  • Von Tim Wagner
  • Lesedauer: 6 Min.
Ein Blick auf die Yablonska-Straße in Butscha.
Ein Blick auf die Yablonska-Straße in Butscha.

Ukrainische Soldaten stehen in einem Halbkreis und singen. Zwei spielen Gitarre, andere klopfen zum Rhythmus auf Tamburin und Trommel, einer spielt Mundharmonika. Ein kleines Militärorchester. Der Refrain ihrer Lobeshymne mit Ohrwurmcharakter: »Bayraktar«. Das ist die türkische Kampfdrohne, die in der Ukraine zum Einsatz kommt. In verschiedenen Social-Media-Videos ist der Song des ukrainischen Musikers und Soldaten Taras Borovok zu hören, den dieser Ende Februar veröffentlicht hatte, und der zeitweise auf den Plattformen viral ging. Zumeist ist der Titel in Videos mit ukrainischen Drohnenangriffen auf russische Militärkonvois oder Fahrzeuge unterlegt. Verschiedene Memes feiern die Drohne dabei wie einen Volkshelden.

Der Blick von oben, die Vogelperspektive, prägt stärker als je zuvor das Bild vom Krieg. Es ist eine nicht ganz neue fotografische Perspektive, aber sie wird durch Drohnen vielen zugänglich und ist breiter verfügbar. Aus der Luft, aus dem Weltall, aus Dutzenden Kilometern Entfernung können heute Ziele und kleinste Objekte überall auf der Erdoberfläche fotografiert und gefilmt werden. Flugzeuge, Satelliten und Drohnen haben die Sicht auf die Welt erweitert und verändern das Antlitz des Krieges, wie es sich medial darstellt.

Dabei hat die Luftbildfotografie eine lange militärische Geschichte. Auf Fotos von Landschaften sollten schon immer verborgene Informationen gefunden und gelesen werden. Im Ersten Weltkrieg wurden bereits Fotos aus Flugzeugen heraus aufgenommen oder, wo dies nicht möglich war, kleine Kameras an Tauben befestigt, in der Hoffnung, diese würden bei einem Flug zufällig die gegnerische Stellung fotografieren. Die Brieftaubenfotografie.

Die Entwicklung von Drohnen in den letzten zehn Jahren hat dazu geführt, dass diese Technik heute vielen Menschen zugänglich ist und auch private Aufnahmen in den Umlauf kommen. Fotos und Videos aus Drohnen wurden im Ukraine-Krieg zu einem medialen Massenphänomen. Sie ermöglichen es, sich »frei« zu bewegen, selbst wenn dies am Boden schon lange nicht mehr möglich ist. Hunderte Drohnenvideos von Angriffen auf Militärfahrzeuge oder Stellungen sind auf Social-Media-Plattformen zu sehen. Es sind meist kurze, geschnittene Videoschnipsel von Sekunden bis wenigen Minuten.

Vereinzelt lassen in die Videos eingebettete Metadaten wie GPS-Koordinaten, Zoomstufen, Logos, Steuerelemente, Infopanels oder Fadenkreuze Rückschlüsse auf die verwendete Drohnentechnik zu. Es gibt Videos mit Wärmebildtechnik, restlichtverstärkt oder ganz normal im RGB-Farbraum. Teilweise sind die Videos von Kontrollbildschirmen abgefilmt, und im Hintergrund sind Stimmen oder Jubel zu hören. Teilweise sind sie mit Untertiteln, Text oder Musik unterlegt.

Es sind technische Bilder, manchmal visuelle Nebenprodukte militärischer Nutzung, die ihrem ursprünglichen Kontext und Zweck entrissen und bewusst veröffentlich wurden. Ihr strategischer Kontext, das essenzielle Wissen um den Ort und die Zeit dieser Aufnahmen fehlen. Ihr Zweck der Aufklärung oder Zielführung ist erfüllt oder verloren gegangen. Die Videos dürfen und können nur veröffentlich werden, weil diese Informationen fehlen.

In den sozialen Medien, auf Twitter, Instagram oder Tiktok suggerieren diese Bilder damit nur noch Information, ohne diese zu liefern. Alles, was sie noch zeigen, ist die Zerstörung oder Bombardierung von Militärgerät beziehungsweise Gebäuden, die in den zugehörigen Metadaten oder Textfetzen als gegnerisch deklariert werden. Somit haben sich die Bilder in einen neuen Kontext bewegt und erfüllen einen anderen Zweck. Sie sollen Überlegenheit, Schlagkraft oder Durchhaltevermögen zeigen, sie werden zu Propagandamaterial. Wie Panini-Sammelsticker, lassen sich so zerstörte gegnerische Militärgeräte »sammeln« oder Zusammenstellungen der besten Drohnenangriffe auf Youtube anschauen.

Die Perspektive der Drohnenvideos löst den Krieg vom blutigen Boden des Schlachtfelds und der Schützengräben. Das Sterben am Boden, das Leid der Menschen und Soldaten ist in den Drohnenvideos abstrakt bis gar nicht mehr zu sehen. »Es ist die Perspektive aus der fliegenden Waffe«, die eine Entfremdung von Natur und Mensch mit sich bringt, wie Anton Holzer 2003 in seinem sehr empfehlenswerten Buch »Mit der Kamera bewaffnet: Krieg und Fotografie« in der Einleitung »Das fotografische Gesicht des Krieges« schreibt. Weiter führt er aus: »Diese Bilder suggerieren einen klaren Blick und verweisen auf angeblich ›umsichtige‹ Entscheidungen.« Sie vermitteln Kontrolle und Überlegenheit. Sie knüpfen an eine Perspektive des allwissenden, allsehenden Beobachters an, der mit göttlichem Blick, die Entscheidung über Leben und Tod triff. Allein die Perspektive lässt das unausweichlich kommende Ende des abgebildeten Ziels erahnen.

Videobeschreibung: Im Wärmebild sieht man die Silhouette eines weiß gefärbten Panzers in grauer Landschaft. Das Bild ist schlecht aufgelöst und verwaschen. Um den Panzer herum bewegen sich weiße längliche Striche. Der Bildschirm wird kurz komplett weiß. Eine Explosion. Das Bild wird wieder grauer und klarer, weiße Punkte wehen über den Bildschirm, regnen auf die Landschaft herab. Einige längliche weiße Striche bewegen sich schnell weg, einige liegen auf dem Boden und bewegen sich nicht mehr, andere sind verschwunden.Die Zuschauenden müssen sich selbst ins Bewusstsein rufen, dass in diesen Panzern Menschen saßen und die weißen Striche Menschen waren. Im Hintergrund des Videos singen die Soldaten »Bayratkar«.

Neben dieser Entfremdung bringt diese Perspektive jedoch auch neue Möglichkeiten der journalistischen Recherche und Rekonstruktion mit sich. Aus den beschriebenen Drohnenvideos lassen sich bei sehr genauer Betrachtung eben doch Informationen extrahieren und so Meldungen über den Krieg verifizieren, wie die OSINT-Community (Open Source Intelligence) in den letzten Wochen vorführte.

Geprägt wurde die visuelle Berichterstattung über den Krieg auch durch die Satellitenbilder des Maxar-Konzerns. Dessen Satelliten fotografierten zu Beginn des Krieges einen russischen Militärkonvoi vor Kiew, der in vielen Medien zu sehen war. Und auch bei der Aufklärung der Tötungen von Butscha spielen Bilder des Maxar-Konzerns wieder eine Rolle. So zeigen sie Leichen auf den Straßen sowie Massengräber um eine Kirche, während die russischen Truppen noch anwesend sind. Ein anderes Drohnenvideo zeigt die Erschießung eines Fahrradfahrers während der Besatzung in Butscha.

Ausgehend von solchem Material sind Journalisten vor Ort dann doch nicht abgelöst worden, denn sie »signalisieren Zeugenschaft, sie bekunden, dass Menschen vor Ort sind, die ihre Augen stellvertretend für das Fernseh- und Magazinpublikum öffnen«, um es noch einmal mit Holzer zu formulieren. So ist es einzelnen Journalisten vor Ort gelungen Drohnenvideos zu verifizieren. So konnte der Leipziger Journalist Arndt Ginzel Anfang März den Drohnenpiloten eines Videos ausfindig machen, das die Erschießung eines Zivilisten in einem Vorort von Kiew zeigt. Das Prinzip der journalistischen Augenzeugenschaft ist so teilweise oder zumindest im übertragenen Sinne gegeben.

Tim Wagner ist freiberuflicher Fotojournalist mit dem Schwerpunkt Soziale Bewegungen und hat in den letzten Jahren die Umweltproteste in Deutschland eng begleitet.

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