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  • DFB-Pokalhalbfinale: Leipzig besiegt Union 2:1

Zwischen Trauer und Stolz

DFB-Pokal: In der Nachspielzeit endet der Finaltraum des 1. FC Union in Leipzig

  • Von Matthias Koch
  • Lesedauer: 4 Min.
Entsetzen wegen des Last-Minute-Gegentors: die Unioner nach dem Ausscheiden
Entsetzen wegen des Last-Minute-Gegentors: die Unioner nach dem Ausscheiden

Rani Khedira gab alles. Der Mittelfeldmann des 1. FC Union Berlin versuchte, seine Mitspieler nach dem Treffer zum 2:1 für RB Leipzig im DFB-Pokal-Halbfinale aufzumuntern und gleich wieder in den nächsten Angriff zu schicken.

Doch zum Rüsten für die Aufholjagd vor der neuen Rekordkulisse im Leipziger WM-Stadion mit 47 069 Besuchern blieb schlichtweg keine Zeit. Schließlich hatte der eingewechselte RB-Angreifer Emil Forsberg erst in der 92. Minute per Kopf für die Führung der favorisierten Gastgeber gesorgt. Kurze Zeit später pfiff Schiedsrichter Felix Brych aus München ab.

Die Leipziger feierten wild den dritten Einzug ins deutsche Pokalfinale seit 2018. Am 21. Mai soll im Berliner Olympiastadion gegen den SC Freiburg erstmals die Trophäe gewonnen werden. Die Aussicht auf diesen möglichen Titel elektrisierte. Alle Leipziger warfen sich rasch vorab gefertigte Finalshirts über, die mit einem Bullenkopf und dem Berliner Olympiastadion bedruckt waren. Am Mittelkreis wurde spontan ein Mannschaftsbild geschossen, ehe es für die Sachsen nach dem 15. Pflichtspiel ohne Niederlage in Serie auf die Ehrenrunde ging.

Die Erleichterung bei RB fiel riesig aus. »Wir haben eine fürchterliche erste Halbzeit gespielt. Wir waren extrem nervös. Damit habe ich nicht gerechnet, weil wir schon das eine oder andere Spiel bestritten haben, in dem es um die Wurst ging«, sagte RB-Trainer Domenico Tedesco. »Wenn man aber gegen Union 0:1 hinten liegt, wird es noch schwieriger. Wir sind glücklich, dass wir gewonnen haben.« Für Union hatte der Fußballgott kein Siegerfoto parat. Und die sicherlich auch vorgefertigten Finalhemden mussten nicht herbeigeschafft werden. Der Frust und die Trauer auf Seiten der Spieler aus Köpenick und der rund 8000 mitgereisten Anhänger waren gewaltig. Verteidiger Timo Baumgartl musste sich erst einmal setzen. Abwehrkollege Robin Knoche schlug die Hände vors Gesicht.

Das tat auch Mittelfeldmann András Schäfer. Der in der zweiten Halbzeit eingewechselte ungarische Nationalspieler, der im Januar vom slowakischen Erstligisten Dunajska Streda zu den Wuhlheidern wechselte, verdrückte wohl auch ein Tränchen. Schäfer machte keine schlechte Partie, aber in der Nachspielzeit konnte er nach einer Flanke von Benjamin Henrichs als direkter Gegenspieler von RB-Legende Forsberg das Tor zum K.o.-Schlag nicht verhindern.

Der 23 Jahre alte Schäfer bekam aber viel Zuspruch. Er wurde nicht nur von mehreren Unionern mit aufmunternden Gesten getröstet. Auch Torwart Peter Gulacsi und Angreifer Dominik Szoboszlai, seine ungarischen Nationalmannschaftskollegen auf Leipziger Seite, umarmten Schäfer.

Die Verlängerung hätte sich Union allemal verdient. »Über 90 Minuten ist es ein glücklicher Sieg für RB. Meine Mannschaft hat ein außerordentliches Spiel gemacht. RB konnte sich kaum aufdrehen, um dieses Tempo zu entwickeln, was sie stark macht«, sagte Union-Coach Urs Fischer. »Ich muss der Mannschaft ein Riesenkompliment machen. Aber zweimal haben wir nicht aufgepasst. Dann verliert man ein solches Spiel.«

Unglücklich sah die Union-Defensive auch im Vorfeld des 1:1-Ausgleichs durch einen Elfmeter von André Silva in der 61. Minute aus. Verteidiger Paul Jaeckel hatte den von hinten heranpreschenden Leipziger Starspieler Christopher Nkunku leicht berührt. Nach Videobeweis reichte das Referee Brych, um auf den Punkt zu zeigen.

Das brachte Leipzig zurück ins Spiel, nachdem Union wenige Minuten zuvor durch Taiwo Awoniyi fast das 2:0 gelungen wäre. Die 1:0-Führung durch Sheraldo Becker aus der 25. Minute ließ Union lange von einer zweiten Endspielteilnahme nach 2001 träumen. Nun geht es für Union immerhin noch darum, über die Bundesliga in den Europacup einzuziehen.

Der Zufall will es so, dass es am morgigen Sonnabend (15.30 Uhr) schon wieder nach Leipzig geht. Union-Trainer Fischer, der die Offensivspieler Awoniyi und Becker in der 77. Minute womöglich zu früh auswechselte, muss sein Team rasch aufbauen. »Mit einer gewissen Distanz sehen die Spieler schon, dass sie ein gutes Spiel gemacht haben. Das ist der Trumpf, um wieder aufzustehen«, erklärte Fischer. »Das Leben geht weiter. Wir sind nun alle gemeinsam gefragt. Wir müssen es schnellstmöglich wieder aus dem Kopf bekommen, um am Sonnabend in gleicher Art und Weise aufzutreten.«

Auch dann werden Tausende Union-Fans aus Protest gegen die Existenz von RB Leipzig wie am Mittwoch wieder in den ersten 15 Minuten schweigen. Die Anhänger sehen den Verein als reines Marketingkonstrukt von Brausehersteller Red Bull. Daher war für sie der Kelch der Niederlage in Leipzig besonders bitter.

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