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  • Dokumentarfilm "Nawalny"

»Dieses Gift trägt Putins Unterschrift«

Regisseur Daniel Roher begleitete Nawalny vom Giftanschlag im Flugzeug über seinen Aufenthalt in Deutschland bis zu seiner Rückkehr nach Moskau.

  • Nicolai Hagedorn
  • Lesedauer: 4 Min.
Roher zeigt seinen Protagonisten ungeschönt: Alexei Nawalny während eines Interviews
Roher zeigt seinen Protagonisten ungeschönt: Alexei Nawalny während eines Interviews

Das Problem mit Alexei Nawalny ist: Der Mann ist nicht sehr sympathisch. Er ist einer der neureichen russischen Emporkömmlinge, die ihre an westlichen Standards orientierte Bildung und ihren Reichtum mit enervierender Penetranz zur Schau stellen. Der Mann, der zum Zeitpunkt seiner mutmaßlich durch russische Geheimdienststellen in Auftrag gegebenen Vergiftung 44 Jahre alt war, ist während der gut 90 Filmminuten in dem Dokumentarfilm »Nawalny« überdies hauptsächlich damit beschäftigt, »Call Of Duty« zu spielen, Tiktok-Videos zu drehen und Zugriffe auf seine Social-Media-Beiträge zu zählen. 

In den wenigen Sequenzen, in denen er zu politischen Positionen befragt wird, bleibt er vage; von den rechtsradikalen russischen Nationalisten, auf deren Veranstaltung man ihn in einer Szene herumbrüllen sieht, will er sich nicht distanzieren; sein politischer Auftritt ist glatt und berechnend, jedes Wort und jede Geste auf Wirkung getrimmt. Selbst seine enorme und überaus beeindruckende persönliche Risikobereitschaft, die ihn letztlich dazu brachte, sich nach seiner Rekonvaleszenz in Deutschland nach Moskau zurückzubegeben, wo er noch am Flughafen, vollkommen absehbar, direkt verhaftet wird und schließlich zu mehreren Jahren Lagerhaft verurteilt, wirkt wie das All-in eines politischen Abenteurers.

»Nawalny« dürfte indes jetzt schon zu den Filmen des Jahres in diesem Genre gehören, und das vollkommen zu Recht, denn der kanadische Regisseur Daniel Roher hat aus dem ihm zur Verfügung stehenden Material einen Dokumentarthriller geschnitten, der seinesgleichen sucht. Roher verzichtet weitgehend auf künstlerische Schnörkel und zeigt Nawalny stattdessen in den Monaten von August 2020, in dem er vergiftet wurde, bis Januar 2021, als er nach Moskau zurückkehrte, und in denen Roher ihn mit der Kamera begleitete, aus nächster Nähe, stellt ihm (auch) unangenehme Fragen und zeigt ihn bei den Telefoninterviews mit seinen verhinderten Mördern. Diese wurden in erster Linie von dem bulgarischen Investigativjournalisten Christo Grozev aufgestöbert, der seine wilde Internet-Jagd auf die Killer ausführlich darlegen darf; auch diese Online-Räuberpistole wird von Roher mitreißend in Szene gesetzt.

In einem ersten dramaturgischen Höhepunkt gesteht der Militärchemiker und mutmaßliche FSB-Mitarbeiter Kudrjawzew gegenüber dem inkognito anrufenden Nawalny den Mordplan; allerdings sind weder das Material noch der Skandal neue Enthüllungen, Teile der Aufnahmen wurden seinerzeit bereits veröffentlicht. Aber so dicht und intensiv wie in Rohers Film wirkten die Social-Media-Ausschnitte bei Weitem nicht.

Darüber hinaus hält sich Roher sehr kurz, erzählt seine Geschichte in jeder Sekunde fesselnd und mit viel Gefühl für Timing und Spannungsaufbau. Die Tatsache, dass er seinen Protagonisten ungeschönt so zeigt, wie er ist, verstärkt indes die politische Wirkung, die sein Film hat, eher noch: In letzter Konsequenz ist die Frage nach Nawalnys politischer Redlichkeit, nach der Ernsthaftigkeit seiner politischen Anliegen angesichts dessen, was ihm angetan wurde und wird, irrelevant. 

Die Brutalität des Putin’schen Regimes und des kriminellen Potenzials dieser Regierung wird dadurch, dass Nawalny weder ein heißblütiger Sozialist noch besonders überzeugender Volkstribun ist, sondern ein ziemlich glatter, eloquenter Karrierist, dessen Programm sich mehr oder minder in Korruptionsbekämpfung, Nationalismus und der Einführung fairer Wahlen erschöpft, nur noch deutlicher. Denn von Nawalny geht für die russischen Kapitalisten und Oligarchen kaum eine Gefahr aus, aber allein die Ankündigung, die krassesten Auswüchse der mafiösen russischen Oligarchie bekämpfen zu wollen, und das Vorhaben, das nicht minder mafiöse Putin-Regime angreifen und beenden zu wollen, genügte, um ihm ein Killerkommando auf den Hals zu hetzen, das ihn mit Nowitschok, einem für den russischen Geheimdienst typischen Giftstoff, aus dem Weg räumen wollte. Eine Aktion, die auch zeigt, wie wenig rational Putin agiert. »Es war verrückt. Dieses Gift trägt Putins Unterschrift«, gibt Leonid Wolkow, Nawalnys Stabschef, fassungslos angesichts derartiger Dreistigkeit zu Protokoll, »es musste ausgerechnet Nowitschok sein – das ist, wie wenn man am Tatort seine Unterschrift hinterlässt«.

Da stockt einem der Atem, insbesondere angesichts der Tatsache, dass auch hierzulande selbst Linke in dem neuesten Verbrechen Putins, dem Angriff auf die Ukraine, in erster Linie eine rationale Reaktion auf die Nato-Osterweiterung erblicken wollen und Ähnliches. »Nawalny« hingegen ist Anschauungsunterricht dafür, dass es sich bei Putin um einen Kriminellen handelt, der keine politischen Zwänge benötigt, um Mord und Massenmord anzuordnen.

In vielerlei Hinsicht kommt der Film, der an diesem Donnerstag in den deutschen Kinos startet, zum richtigen Zeitpunkt. Möge er ein zahlreiches Publikum finden. Alexei Nawalny selbst wird davon wenig mitbekommen, denn er sitzt nach wie vor in Haft. Im März dieses Jahres wurde er zu weiteren neun Jahren Lagerhaft wegen Untreue und Missachtung eines Gerichtes verurteilt. Amnesty International kommt zu dem Schluss, dass Nawalnys Verfolgung »politisch motiviert« gewesen sei: »Nachdem er einen Mordanschlag überlebt hatte, wurde Nawalny kurzerhand inhaftiert und seine Organisation in einer Justizposse als extremistisch eingestuft. Vor dem Hintergrund der eklatanten Missachtung internationaler, europäischer und nationaler Gesetze durch die russischen Behörden droht vielen anderen ähnliches Unrecht.«

»Nawalny«: USA 2022. Regie: Daniel Roher. 98 Minuten. Start: 5. Mai.

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