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  • Film »Sun Children«

Ärgerlich unwitzig

Regisseur Majid Majidi wollte mit »Sun Children« einen unterhaltsamen und fröhlichen Film machen. Doch das Ergebnis ist pathetisch und humorfrei.

Vier Straßenkinder auf der Suche nach einem verborgenen Schatz unter der »Sun School«, einer gemeinnützigen Schule
Vier Straßenkinder auf der Suche nach einem verborgenen Schatz unter der »Sun School«, einer gemeinnützigen Schule

Tyche und Eudai­mo­nia – was die Grie­chen in zwei Wor­te schie­den, fällt bei den Deut­schen in dem einen zusam­men: Glück – womit glei­cher­ma­ßen das Zufalls­glück wie das gute Leben gemeint sein kann. Dass das eine dem ande­ren nicht unbe­dingt fol­gen muss, davon han­deln vie­le Erzäh­lun­gen und Fil­me, in denen der Held sein Glück machen will, es dann aber – natür­lich – ganz anders kommt. Von die­ser Art ist auch »Sun Child­ren«, den der ira­nische Autoren­fil­mer Majid Maji­di 2020 in die Welt gesetzt hat.

Ali ist gera­de zwölf Jah­re alt und bereits ein rou­ti­nier­ter Kri­mi­nel­ler. Eine Schu­le besucht er nicht, und neben Dieb­stahl, Betrug und der­glei­chen ver­dient er sein Geld mit – auch nicht ganz lega­ler – Arbeit in einer Auto­werk­statt. Als er einem älte­ren Gangs­ter in die Que­re kommt, beauf­tragt die­ser Ali, einen Schatz aus­zu­he­ben. Da der Schatz sich in den Kata­kom­ben der Sun School befin­det, mel­det Ali sich und drei Freun­de bei die­ser Schu­le an, damit sie auf dem Gelän­de ihr Ber­gungs­werk erle­di­gen kön­nen. Nur gestal­tet sich das alles nicht so ein­fach, wie es geplant wurde.

Ein Gau­ner infil­triert eine Ein­rich­tung, um dort sei­nen Coup durch­zu­brin­gen. Dabei muss er sich auf den Zweck oder den Cha­rak­ter die­ser Ein­rich­tung ein­las­sen. Der Ein­fall ist nicht neu, man kennt ihn aus »Lady­kil­lers« (1955), »Henry’s Crime« (2010) oder »Fuck ju Göte« (2013). Was ja über­haupt nicht gegen eine wei­te­re Vari­an­te spricht – ent­schei­dend bei Adap­tio­nen ist die Bewäl­ti­gung der Vor­la­ge. Wer es nicht bes­ser oder wenigs­tens ähn­lich gut kann, soll­te sich etwas ande­res suchen. Gera­de hier lässt sich wenig zuguns­ten von »Sun Child­ren« vor­brin­gen.
Gewiss reißt der Film The­men an, die Bedeu­tung haben. Alis dop­pel­te Tätig­keit in der Werk­statt und als Kri­mi­nel­ler weist dar­auf hin, dass die von Erwach­se­nen orga­ni­sier­te Kin­der­kri­mi­na­li­tät eine ande­re Form der Kin­der­ar­beit ist und in armen Welt­ge­gen­den das eine in dem andern ver­schwin­det. Das Motiv der Schatz­su­che ver­deut­licht, vor allem mit Rück­sicht auf den Aus­gang der Sto­ry, dass für den Glücks­rit­ter der Zufall des Funds an die Stel­le des Zufalls der Geburt tritt – der Traum also vom Gewinn ohne Arbeit, die in Anbe­tracht der Klas­sen­pri­vi­le­gi­en als ver­geb­lich emp­fun­den wird.

Alis Besuch der Schu­le, eigent­lich Mit­tel, um an den Schatz zu kom­men, könn­te zum eigent­li­chen Zweck wer­den. Ent­spre­chend äußert Majid Maji­di über sei­nen Film: »Der wah­re Schatz sind mei­ner Mei­nung nach die­se Kin­der und ihr Poten­zi­al. Bil­dung ist ihr unver­äu­ßer­li­ches Recht, und sie ist der Schlüs­sel zu ihrer Zukunft.« Aller­dings wird gera­de das nicht gezeigt. Der Held geht inko­gni­to zur Schu­le, und die Hand­lung hät­te ihn nach dra­ma­tur­gi­scher Logik mehr und mehr in die­sem Betrieb auf­ge­hen las­sen kön­nen. Er müss­te dort Freun­de fin­den, ler­nen, wach­sen und rei­fen, bis er die Schu­le selbst als Schatz emp­fin­det und ein Kon­flikt zwi­schen dem neu gewon­ne­nen Schul­le­ben und der Schatz­su­che ent­steht. Mag ja sein, dass es so gemeint war, zu sehen ist es nicht.

Und so schlecht aus­ge­führt der Inhalt, so lücken­haft zeigt sich der Plot. Der Schatz wird dra­ma­tur­gisch nicht eta­bliert. Die Expo­si­ti­on ist zu schnell. Ali und sei­ne Freun­de schrei­en so lan­ge auf dem Schul­hof her­um, bis man sie auf­nimmt, was sich weder aus der Hand­lung noch aus einer figür­lich ver­mit­tel­ten Erklä­rung ergibt. In einer Sze­ne kann man das Häm­mern an den Kel­ler­wän­den im gan­zen Schul­haus hören, spä­ter schei­nen die Klopf­ge­räu­sche kein Pro­blem mehr zu sein. Der Auf­trag­ge­ber ver­schwin­det nach dem ers­ten Drit­tel aus dem Film, wodurch eine der weni­gen Mög­lich­kei­ten, dra­ma­ti­sche Span­nung zu erzeu­gen, preis­ge­ge­ben wird. Am Schluss steht erwart­bar, dass der Schatz nicht ganz das ist, was die Suchen­den erwar­tet haben, wor­aus eine Reak­ti­on folgt, die zwar nach­voll­zo­gen, aus dem bis­he­ri­gen Ver­hal­ten der Haupt­fi­gur aber nicht erklärt wer­den kann.

Über­dies ver­drießt eben­die­se, die über­aus unsym­pa­thi­sche Haupt­fi­gur. Von Rou­hol­lah Zama­ni blass und lang­wei­lig gespielt, miss­fällt Ali nicht allein wegen sei­ner mie­sen Eigen­schaf­ten, von denen er uner­freu­lich vie­le hat – er belügt Men­schen, die ihm wohl­wol­len, ohne dass es ihn zu küm­mern scheint; schlägt sei­ne Freun­de, wenn sie nicht tun, was er will; ver­sucht Reza dar­an zu hin­dern, aus sei­nem Talent im Fuß­ball etwas zu machen, und Abo­fazl dar­an, aus sei­nem Talent in Mathe­ma­tik, weil er in ihnen nur Hilfs­ar­bei­ter bei der Schatz­su­che sieht. Da sind, so sehr man auch sucht, kei­ne sym­pa­thi­schen Züge an die­sem Jun­gen, die aus einem mie­sen Cha­rak­ter wenigs­tens einen ambi­va­len­ten machen könn­ten. In sei­nen güns­tigs­ten Momen­ten ist er ein­fach egal.

Und gewis­ser­ma­ßen ver­kör­pert er damit die gesam­te Geschich­te, die um ihn her­um geschrie­ben wur­de. Wie selt­sam sich das anhört, wenn der Autor Maji­di sagt: »Ich woll­te einen unter­halt­sa­men, ener­gie­ge­la­de­nen, fröh­li­chen Film vol­ler Aben­teu­er und Mut machen.« Denn »Sun Child­ren« ist in sei­ner pathe­ti­schen Humor­frei­heit und sei­nem nerv­tö­ten­den Dau­er­ge­schrei genau das nicht. Was allein ihn etwas ret­tet, scheint die exzel­len­te Arbeit der Kame­ra, die hand­werk­lich dem Cha­rak­ter jeder Sequenz ange­passt wur­de. Sei­en es die Inten­si­tät und der per­spek­ti­vi­sche Wech­sel einer Ver­fol­gung, das Gedrän­ge in der U‑Bahn, der stei­le Shot aus einem Kel­ler­loch oder die Cho­reo­gra­fie von vier Kin­dern, die in einem öffent­li­chen Brun­nen baden.
Von ein­zig­ar­ti­ger Schön­heit ist eine Sze­ne, in der die gesam­te Schü­ler­schaft die hohe Mau­er der vom Ver­mie­ter zuge­sperr­ten Schu­le über­win­det. Als Bild dafür, dass Kin­der von sich aus ler­nen wol­len. Nach gedul­di­ger Sus­pen­se, die die Mas­se wüten­der wer­dend und beim beschwer­li­chen Erklet­tern der Mau­er zeigt, sprin­gen die Kin­der nach­ein­an­der von oben her­ab. Die Kame­ra filmt nur die Füße, die wie Trop­fen auf den Boden fal­len. In die­sem Moment ver­rät der Film, was er hät­te wer­den können.

»Sun Child­ren« (»Khor­s­hid«): Iran 2020. Regie: Majid Maji­di; Dreh­buch: Majid Maji­di, Nima Javi­di. Mit: Rou­hol­lah Zama­ni, Ali Nasi­ri­an, Javad Ezza­ti. 99 Minu­ten. Jetzt im Kino.

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