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Der neue alte Feind

Wollen die Deutschen nachträglich den Zweiten Weltkrieg gewinnen?

  • Von Christof Meueler
  • Lesedauer: 5 Min.
Ein Vernichtungskrieg: Die Wehrmacht auf dem Russlandfeldzug 1943
Ein Vernichtungskrieg: Die Wehrmacht auf dem Russlandfeldzug 1943

Was man hier vom Ukrai­ne-Krieg merkt: Der Senf ist alle. Die Deut­schen haben ihn aus den Rega­len weg­ge­kauft. Dafür wird er ihnen medi­al umso dicker auf­ge­tra­gen. Seit dem Über­fall Russ­lands auf die Ukrai­ne wird der poli­ti­sche Ton bestän­dig schär­fer. »Wir wol­len, dass die Ukrai­ne die­sen Krieg gewinnt«, erklär­te Ursu­la von der Ley­en, als sie ver­gan­ge­ne Woche die nächs­te Ver­schär­fung der EU-Sank­tio­nen vor­stell­te. Putin habe gedacht, er kön­ne die Ukrai­ne von der Land­kar­te til­gen, doch nun sei es »sein eige­nes Land, Russ­land, das er in den Unter­gang führt«.

Russ­land ist der neue alte Feind. Als es noch die Sowjet­uni­on war, wur­de in der Bun­des­re­pu­blik vor »der roten Gefahr« gewarnt, der man nur mit einer »Poli­tik der Stär­ke« begeg­nen kön­ne. Das war lan­ge die Lehr­mei­nung der CDU. Aber auch die Links­ra­di­ka­len haben in den 70er Jah­ren die Sowjet­uni­on gehasst. Die bei­den lin­ken Haupt­strö­mun­gen, aus denen sich dann die Grü­nen speis­ten, die auto­ri­tä­ren Mao­is­ten und die anti­au­to­ri­tä­ren Spon­tis, begrif­fen sie als einen Staat der Mör­der, Betrü­ger und Ver­rä­ter. Schlim­mer als die USA, denn die defi­nier­ten sich nicht als links. 1976 rief die mao­is­ti­sche KPD in ihrer Zei­tung »Rote Fah­ne« den sowje­ti­schen Staats­chef Leo­nid Bre­schnew zum »Hit­ler von heu­te« aus. Er und »sei­ne Hand­lan­ger« SED und DKP sei­en »die schlimms­ten Fein­de des deut­schen Vol­kes«. Im sel­ben Jahr bilan­zier­te der dama­li­ge Spon­ti-Theo­re­ti­ker und spä­te­re »Welt«-Chefredakteur Tho­mas Schmid in der Zeit­schrift »Auto­no­mie«, »dass das Ergeb­nis der gro­ßen rus­si­schen Revo­lu­ti­on 50 Mil­lio­nen Tote in Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern sind, dass die­se Revo­lu­ti­on bis auf den heu­ti­gen Tag von Gewalt, Zwang, Ver­nich­tung geprägt ist«.

Der Ver­nich­tungs­krieg der Wehr­macht aber, der min­des­tens 24 Mil­lio­nen Sowjet­bür­ger das Leben kos­te­te, war kein The­ma. Als er im Som­mer 1941 begon­nen hat­te, fei­er­te Joseph Goe­b­bels in der Wochen­zeit­schrift »Das Reich« die deut­schen Sol­da­ten als »die Erret­ter der euro­päi­schen Kul­tur und Zivi­li­sa­ti­on gegen die Bedro­hung durch eine poli­ti­sche Unter­welt. Deutsch­lands Söh­ne sind wie­der ein­mal ange­tre­ten, um mit dem Schutz des eige­nen Lan­des zugleich den Schutz der gesit­te­ten Welt zu übernehmen.«

Als »die gesit­te­te Welt« ver­steht sich heu­te auch der Wes­ten und mobi­li­siert gegen Russ­land, gegen den »rus­si­schen Faschis­ten­füh­rer Putin«, wie sich Sascha Lobo auf »Spie­gel online« aus­drückt. Die Vor­zei­chen haben sich gedreht, jetzt lau­tet die Bot­schaft: Die Nazis sind nicht mehr die Deut­schen, son­dern die Rus­sen. Das ist sehr ent­las­tend für den deut­schen Gemüts­haus­halt. Aller­dings ist der Nazi-Begriff schon ziem­lich hin­über, nach­dem Putin den Über­fall auf die Ukrai­ne als eine Kam­pa­gne zur »Ent­na­zi­fi­zie­rung« gerecht­fer­tigt hat. Und dann kämp­fen im Ukrai­ne-Krieg Rechts­ra­di­ka­le auf bei­den Sei­ten: die »Grup­pe Wag­ner« für Russ­land, das »Regi­ment Asow« für die Ukraine.

Russ­land ist zwar der neue alte Feind des Wes­tens, aber kei­nes­falls die Sowjet­uni­on, wie es sei­ne sen­ti­men­ta­len Ver­tei­di­ger aus dem DKP-Spek­trum ger­ne hät­ten. Ganz im Gegen­teil: Russ­land ist ein kapi­ta­lis­ti­sches Zerr­bild des Wes­tens, nur viel ärmer, kor­rup­ter und repres­si­ver. Wie übri­gens auch die Ukrai­ne in gro­ßen Tei­len. Trotz­dem gehört sie ver­tei­digt, kei­ne Fra­ge. Doch es ist ein Unter­schied, ob man Putin stop­pen oder stür­zen will. Letz­te­res ist die Sache der Rus­sen, alles ande­re bedeu­tet ver­mut­lich den drit­ten Welt­krieg. Da hilft auch kein Wun­der­glau­be an die Nato.

Wer davor warnt, gilt im gegen­wär­ti­gen Mei­nungs­kli­ma als Depp und Defä­tist. Eigent­lich spre­chen so die Kon­ser­va­ti­ven, die die Hab-Acht-Stel­lung als angeb­li­che Schu­le des Lebens ver­eh­ren. Aber den Grü­nen an der Regie­rung gefällt das Mili­tä­ri­sche eben­falls. Sie for­cie­ren die Auf­rüs­tung, wol­len jedoch wei­ter­hin als »Frie­dens­par­tei« gel­ten. Die Kri­tik dar­an wird in der mit­mi­li­ta­ri­sier­ten »Taz« als als »welt­fern« (Simo­ne Schmoll­ack) und »erbärm­lich« (Klaus Hil­len­brand) ver­wor­fen. Stim­mung ist bei den Grü­nen das Wich­tigs­te , sie nen­nen das »wer­te­ba­siert«.

Mit Wolf­gang Pohrt, dem Kri­ti­ker des alter­na­ti­ven Kon­for­mis­mus, lie­ße sich sagen: »Das Land hat also wie­der eine Zukunft – eine Zukunft für sei­ne Ver­gan­gen­heit«. Es kann davon träu­men, end­lich den Zwei­ten Welt­krieg zu gewinnen.

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