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Ein heilig Kreuz mit der Garnisonkirche

Antimilitarist veröffentlicht Chronik des Widerstands gegen den Wiederaufbau

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 5 Min.
Soll 2024 fertig sein: Im Rohbau der Potsdamer Garnisonkirche
Soll 2024 fertig sein: Im Rohbau der Potsdamer Garnisonkirche

Für den umstrit­te­nen Wie­der­auf­bau des Turms der Pots­da­mer Gar­ni­son­kir­che steht der Roh­bau. Statt des Kir­chen­schiffs soll spä­ter zwi­schen dem barock anmu­ten­den Turm und dem in der DDR gebau­ten Rechen­zen­trum ein moder­nes Gebäu­de ent­ste­hen. Das ist der Stand der Dis­kus­si­on. Aller­dings will die För­der­ge­sell­schaft für den Wie­der­auf­bau der Gar­ni­son­kir­che unter ihrer neu­en Che­fin Mai­ke Dencker unver­än­dert Spen­den für das Kir­chen­schiff sam­meln, obwohl bereits für den Turm zu wenig Spen­den ein­gin­gen und das Pro­jekt auf Mil­lio­nen­sum­men des Bun­des ange­wie­sen ist.

»Mit ihren Ankün­di­gun­gen steu­ert Mai­ke Dencker die För­der­ge­sell­schaft mit Voll­dampf zurück in die Kon­fron­ta­ti­on«, kom­men­tiert Pots­dams Links­frak­ti­ons­chef Ste­fan Wol­len­berg. »Es ist bedau­er­lich und schon fast bizarr, wie wenig die Dis­kus­sio­nen der Stadt­ge­sell­schaft der letz­ten Jah­re offen­bar wahr­ge­nom­men wer­den.« Gut, dass wenigs­tens die Stif­tung Gar­ni­son­kir­che zu dem aus­ge­han­del­ten Kom­pro­miss ste­he, fin­det Wollenberg.

An War­nun­gen, dass eine Wall­fahrts­stät­te für Neo­na­zis ent­steht, fehl­te es nicht. Auch nicht an War­nun­gen, dass ein mit Spen­den begon­ne­ner Bau am Ende mit Steu­er­gel­dern voll­endet wird. Ein­drucks­voll belegt dies die Chro­nik »Das Wider­stands­pro­jekt Gar­ni­son­kir­che«, ver­fasst von Cars­ten Lin­ke vom Ver­ein zur För­de­rung anti­mi­li­ta­ris­ti­scher Tra­di­tio­nen in der Stadt Potsdam.

Für den 2. Dezem­ber 1990 ver­merkt die Chro­nik: Uwe Ditt­mer, Pfar­rer der Hei­lig-Kreuz-Gemein­de, warnt vor dem Wie­der­auf­bau und ver­weist auf Äuße­run­gen von Max Kla­ar, in denen die­ser für ein Deutsch­land in den Gren­zen von 1937 plä­diert habe. Der Kom­man­deur eines Fal­schirm­jä­ger­ba­tail­lons der Bun­des­wehr hat­te 1984 die Tra­di­tons­ge­mein­schaft Pots­da­mer Glo­cken­spiel gegrün­det und Kopien der Glo­cken der Gar­ni­son­kir­che anfer­ti­gen las­sen. 1990 bot er das Glo­cken­spiel der Stadt Pots­dam an, die es auf­stel­len ließ.

2002 for­dert die Tra­di­ti­ons­ge­mein­schaft den Ver­zicht auf Kir­chen­asyl, auf Seg­nung von Homo­se­xu­el­len und Bera­tung von Kriegs­dienst­ver­wei­ge­rern in der Gar­ni­son­kir­che. Fer­ner soll­ten an der Kir­che kei­ne pazi­fis­ti­schen Sym­bo­le ange­bracht wer­den. Im Gespräch war, das Nagel­kreuz der im Zwei­ten Welt­krieg von deut­schen Bom­bern aus­ra­dier­ten eng­li­schen Stadt Coven­try auf den Turm zu set­zen. Das wäre ein pazi­fis­ti­sches Zei­chen gewesen.

Cars­ten Lin­ke schil­dert auch, wie es zur Spren­gung der Gar­ni­son­kir­che kommt, die im April 1945 aus­brann­te: Für Got­tes­diens­te wur­de seit 1950 eine Kapel­le im Turm genutzt – von der Hei­lig-Kreuz-Gemein­de, deren Pfar­rer Uwe Ditt­mer war. 1964 und 1965 wer­den zur Siche­rung des Turms 100 000 Mark ein­ge­setzt. Doch 1965 lässt der spä­te­re bran­den­bur­gi­sche Minis­ter­prä­si­dent Man­fred Stol­pe in sei­nem dama­li­gen Amt als Refe­rent des evan­ge­li­schen Gene­ral­su­per­in­ten­den­ten Gün­ter Jacob wis­sen, sein Chef habe kein beson­de­res Inter­es­se an der Gar­ni­son­kir­che, so Lin­ke. Der Tag von Pots­dam sei »auch uns bekannt«, habe Stol­pe for­mu­liert. Am 21. März 1933 schüt­tel­te Adolf Hit­ler vor der Kir­che dem Reichs­prä­si­den­ten Paul von Hin­den­burg die Hand und ver­sinn­bild­lich­te damit die Alli­anz von Faschis­ten und Mili­ta­ris­ten. Das war der Tag von Potsdam.

1966 wer­den die Bau­ar­bei­ten an der Gar­ni­son­kir­che abge­bro­chen. Als Staats­chef Wal­ter Ulb­richt (SED) 1967 Pots­dam besucht, ist bereits alles geklärt. 1968 wird die Rui­ne gesprengt. Die Hei­lig-Kreuz-Gemein­de erhält damals knapp 600 000 Mark Ent­schä­di­gung, und ihr neu­es Domi­zil in der Kiez­stra­ße wird für 300 000 Mark umge­baut. Cars­ten Lin­ke merkt an: »In der alten Bun­des­re­pu­blik wur­den eben­falls des Stadt­um­baus wil­len Kir­chen abge­ris­sen.« Dort habe die SED nichts zu sagen gehabt. Und von 1990 bis 2015 wur­den in Deutsch­land 105 evan­ge­li­sche Kir­chen abge­ris­sen, seit dem Jahr 2000 auch 160 katholische.

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