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Bildung in Zeiten des Neoliberalismus

Die neoliberale Ideologie, wonach Gesellschaftlichkeit allein aus ökonomischem Wettbewerb bestehen soll, beherrscht immer noch unser Leben

Mehr Stress und weniger Qualität: Seit den Bologna-Reformen sind viele Student:innen überlastet
Mehr Stress und weniger Qualität: Seit den Bologna-Reformen sind viele Student:innen überlastet

In den ers­ten bei­den Jahr­zehn­ten nach der Jahr­tau­send­wen­de wur­den Kin­der­gär­ten, Schu­len und Uni­ver­si­tä­ten zahl­rei­chen Refor­men unter­wor­fen. Zwar waren nicht alle davon erfolg­reich, durch­ge­setzt hat sich jedoch die Ten­denz, die Bil­dung jun­ger Men­schen ganz an den Bedürf­nis­sen des Mark­tes aus­zu­rich­ten. Wich­ti­ge Akteu­re aus der Wirt­schaft stan­den bei die­ser Ent­wick­lung Pate. So sag­te etwa Jür­gen Klu­ge, sei­ner­zeit Chef der Unter­neh­mens­be­ra­tung McK­in­sey, im Jahr 2003, dass das Bil­dungs­sys­tem fun­gie­ren müs­se wie eine »durch­gän­gi­ge Pro­zess­ket­te«. Der Aus­druck stammt eigent­lich aus der Indus­trie­pro­duk­ti­on. Und die dama­li­ge Vize-Prä­si­den­tin der Deut­schen Indus­trie- und Han­dels­kam­mer, Dag­mar Bol­lin-Fla­de, for­der­te 2005, die Arbeits­welt­ori­en­tie­rung sol­le stär­ker im Schul­pro­gramm ver­an­kert wer­den. Sol­che Rufe blie­ben nicht uner­hört. Die Lehr­plä­ne wur­den zuneh­mend auf jene Inhal­te fokus­siert, die der Arbeits­markt nach­fragt. Bil­dung nach Gesichts­punk­ten wie Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung und Kri­tik­fä­hig­keit fand dage­gen immer weni­ger statt.

Ein wesent­li­cher Aus­lö­ser für die Wel­le der Bil­dungs­re­for­men in Deutsch­land war der soge­nann­te Pisa-Schock im Herbst 2001. Der Pisa-Test ist eine inter­na­tio­na­le Schul­leis­tungs­stu­die unter der Schirm­herr­schaft der Orga­ni­sa­ti­on für wirt­schaft­li­che Zusam­men­ar­beit und Ent­wick­lung (OECD), die seit 2001 alle drei Jah­re statt­fin­det. Der Test ermit­telt, wel­che Mathematik‑, Lese- und Schreib­kom­pe­ten­zen Schü­le­rin­nen und Schü­ler gegen Ende ihrer Schul­zeit erwor­ben haben. Dabei lau­tet die über­aus simp­le Grund­fra­ge: »Wer bringt die bes­ten Leis­tun­gen?« Vor dem ers­ten Pisa-Test galt das hie­si­ge Bil­dungs­sys­tem als eins der bes­ten der Welt. Die deut­schen Test-Ergeb­nis­se fie­len aber nur durch­schnitt­lich aus. Hie­si­ge Bil­dungs­po­li­ti­ker moch­ten das nicht auf sich sit­zen las­sen und ver­kün­de­ten prompt »eine neue Kul­tur der Anstren­gung an den Schu­len«. Es folg­te eine Wel­le von Refor­men des deut­schen Bil­dungs­sys­tems. Eine Stei­ge­rung der Bil­dungs­aus­ga­ben war dabei aller­dings nicht vorgesehen.

Man begann mit den Kin­der­gär­ten. Die­se erhiel­ten Erzie­hungs­plä­ne von meh­re­ren hun­dert Sei­ten Umfang, in denen detail­liert vor­ge­schrie­ben wur­de, wie künf­tig bil­dungs­för­dernd vor­zu­ge­hen sei. Dar­in geht es weni­ger um die Betreu­ung der Kin­der, son­dern vor allem um die Vor­aus­set­zun­gen für einen mög­lichst glat­ten Schul­ein­stieg. Eins der wich­tigs­ten Instru­men­te ist die geziel­te Ent­wick­lungs­be­ob­ach­tung jedes ein­zel­nen Kin­des, die jeweils in einer »indi­vi­du­el­len Bil­dungs­do­ku­men­ta­ti­on« fest­ge­hal­ten und aus­ge­wer­tet wer­den muss. Auf ihrer Grund­la­ge wird dann anhand nor­mier­ter Ent­wick­lungs­ska­len ent­schie­den, ob und wie die Kom­pe­ten­zen der Schütz­lin­ge zu för­dern sind.

In den Schu­len soll­te der »Lern­er­trag« erhöht wer­den. Ein zen­tra­les Reform­pro­jekt war in den Nuller­jah­ren die mög­lichst frü­he Ein­schu­lung der Kin­der. Kamen zuvor ein­fach alle Kin­der in die Schu­le, die am ers­ten Schul­tag sechs Jah­re alt waren, wur­de sei­ner­zeit der Geburts­mo­nat der ein­zu­schu­len­den Kin­der suk­zes­si­ve in Rich­tung Jah­res­en­de ver­scho­ben, so dass zum übli­chen Schul­start, meist im August, zuneh­mend Kin­der in die Schu­len kamen, die erst spä­ter sechs Jah­re alt wur­den. An die 50 Pro­zent fünf­jäh­ri­ge Erst­kläss­ler sind seit­dem kei­ne Sel­ten­heit. Befun­de von Mediziner:innen und Kindertherapeut:innen, wonach zu früh ein­ge­schul­te Kin­der häu­fi­ger als ande­re gesund­heit­li­che und psy­chi­sche Pro­ble­me bekom­men, wur­den igno­riert; wich­ti­ger war statt­des­sen eine »effi­zi­en­te Bereit­stel­lung von Schü­ler­strö­men«, um den Per­so­nal­be­darf der Wirt­schaft zu erfüllen.

Eine wich­ti­ge Rol­le spiel­te auch die Fra­ge, wie die Lehr­plä­ne an den Schu­len umge­stal­tet wer­den soll­ten. Neben fach­li­chen Befä­hi­gun­gen ging es dabei um soge­nann­te Soft Skills sowie ganz all­ge­mein um eine »Kul­tur der Leis­tungs­be­reit­schaft«. Die Leh­rer soll­ten nicht mehr vor­nehm­lich Wis­sen ver­mit­teln, son­dern Mana­ge­rin­nen, Lern­trai­ner und Job­be­ra­te­rin­nen sein. An der chro­ni­schen Unter­fi­nan­zie­rung der Schu­len änder­te sich aller­dings nichts. Statt­des­sen ent­las­te­te der Staat lie­ber Betrie­be von Steu­ern und Sozi­al­ab­ga­ben. An Schul­ge­bäu­den, Ein­rich­tun­gen, Arbeits- sowie Lehr- und Lern­mit­teln wur­de dage­gen wie immer gespart. Nach wie vor blät­tert in vie­len Klas­sen­räu­men der Putz von den Wän­den, tropft Was­ser durch undich­te Dächer und nicht sel­ten sind sogar die Hei­zun­gen kaputt; ganz zu schwei­gen von den schlecht gepfleg­ten Toi­let­ten. Gespart wird auch am Unter­richts­ma­te­ri­al, das ent­we­der ver­al­tet ist oder des­sen Kos­ten weit­ge­hend auf die Eltern abge­wälzt wer­den. Außer­dem ist die Zahl der Lehr­kräf­te häu­fig so knapp bemes­sen, dass jeder Krank­heits­fall zu einem mas­si­ven Unter­richts­aus­fall führt.

Der radi­kals­te Ände­rungs­ver­such am deut­schen Schul­sys­tem bestand in der flä­chen­de­cken­den Ein­füh­rung des ver­kürz­ten Abiturs nach 12 statt nach 13 Schul­jah­ren. Mit Aus­nah­me von Rhein­land-Pfalz wur­den zwi­schen 2012 und 2015 alle Bun­des­län­der von dem Wahn erfasst, ihre Gymnasiast:innen im Eil­tem­po zum Abitur zu het­zen. Um die Gym­na­si­al­zeit von neun auf acht Jah­re zu ver­kür­zen, muss­te der kom­plet­te Unter­richts­stoff eines Schul­jah­res auf die ver­blei­ben­den acht Jah­re umver­teilt wer­den. Die Fol­ge waren ver­län­ger­te Unter­richts­zei­ten sowie eine Ver­dich­tung der Lern­plä­ne und Prü­fungs­an­for­de­run­gen. Für die Schü­le­rin­nen und Schü­ler bedeu­te­te das ein Arbeits­pen­sum von bis zu 50 Stun­den pro Woche und mehr. Das mach­te die ver­kürz­te Gym­na­si­al­zeit so unpo­pu­lär, dass in der Fol­ge zahl­rei­che Lan­des­re­gie­run­gen abge­wählt wur­den, weil sie den Unmut von Schüler:innen, Eltern und Lehrer:innen nicht ernst genug nah­men. In vie­len Län­dern wur­de sie wie­der abge­schafft. Heu­te gibt es sie noch in acht Bun­des­län­dern. Dar­un­ter befin­den sich auch die fünf neu­en Bun­des­län­der, in denen das zwölf­jäh­ri­ge Abitur schon zu DDR-Zei­ten der Nor­mal­fall war. Bei ihnen ist die kür­ze­re Gym­na­si­al­zeit eine gewach­se­ne Struk­tur mit ent­spre­chend schü­ler­freund­li­chen Lehrplänen.

Noch umfas­sen­der schei­ter­te der Ver­such, an deut­schen Uni­ver­si­tä­ten Stu­di­en­ge­büh­ren ein­zu­füh­ren. Auf­grund einer Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 26. Janu­ar 2005 wur­de ein Bun­des­ge­setz gekippt, das Stu­di­en­ge­büh­ren im Erst­stu­di­um ver­bo­ten hat­te. Eini­ge Bun­des­län­der nutz­ten die Gele­gen­heit und führ­ten Gebüh­ren von 500 Euro pro Semes­ter ein. Mit dem Geld soll­ten nicht nur Finan­zie­rungs­pro­ble­me gelöst wer­den; es ging auch um soge­nann­te Len­kungs­wir­kun­gen: Stu­di­en­gän­ge soll­ten gestrafft und soge­nann­te Bum­mel­stu­den­ten »aus­ge­fil­tert« wer­den. Bil­dung soll­te zur käuf­li­chen Ware wer­den und die Stu­die­ren­den ein betriebs­wirt­schaft­lich kal­ku­lie­ren­des Ver­hält­nis zu ihren Bil­dungs­wün­schen ent­wi­ckeln. Die Hoch­schu­len soll­ten Stu­die­ren­de als zah­len­de Kun­den betrach­ten und ein ent­spre­chen­der Wett­be­werb zwi­schen den Uni­ver­si­tä­ten und unter den Fach­be­rei­chen um die Stu­den­tin­nen und Stu­den­ten ange­heizt wer­den. Fak­tisch wur­de das Stu­die­ren durch die Gebüh­ren jedoch so unat­trak­tiv, dass immer mehr jun­ge Leu­te in Bun­des­län­der ohne Gebüh­ren aus­wi­chen. Ein Land nach dem ande­ren nahm dar­auf­hin die Gebüh­ren­er­he­bung zurück. Seit 2014 gibt es nir­gend­wo mehr Stu­di­en­ge­büh­ren für ein Erst­stu­di­um. In eini­gen Bun­des­län­dern kos­tet aller­dings ein Zweit­stu­di­um zwi­schen 500 und 650 Euro pro Semes­ter; in ande­ren wer­den sol­che Gebüh­ren fäl­lig, wenn man die Regel­stu­di­en­zeit um mehr als drei Semes­ter überzieht.

Voll­stän­dig durch­ge­setzt hat sich dage­gen die Bolo­gna-Reform. Im Jahr 1999 ver­stän­dig­ten sich 29 euro­päi­sche Staa­ten in der gleich­na­mi­gen ita­lie­ni­schen Stadt auf die soge­nann­te Bolo­gna-Dekla­ra­ti­on. Sie besagt, dass alle betei­lig­ten Län­der bis 2010 einen gemein­sa­men Hoch­schul­rah­men schaf­fen soll­ten, der die inter­na­tio­na­le Ver­gleich­bar­keit von Stu­di­en­ab­schlüs­sen garan­tiert. Deutsch­land schaff­te dar­auf­hin die alten Diplom- und Magis­ter­ab­schlüs­se ab und führ­te an deren Stel­le den Bache­lor- sowie den dar­auf auf­bau­en­den Mas­ter­ab­schluss ein. Dar­über hin­aus wur­de die Leh­re an den Uni­ver­si­tä­ten in einem noch nie da gewe­se­nen Umfang gestrafft und ver­schult. Den Stu­die­ren­den wur­de detail­liert vor­ge­schrie­ben, wel­che Stu­di­en­leis­tun­gen sie zu erbrin­gen haben. Ihre Belas­tung wur­de dabei so berech­net, dass sie pro Woche 40 Stun­den betra­gen soll­te. Ein Stu­di­um soll­te so etwas wie ein Voll­zeit­job sein – aller­dings ohne Bezah­lung. Stu­den­tin­nen und Stu­den­ten soll­ten außer­dem weni­ger wis­sen­schaft­lich arbei­ten, viel­mehr vor allem fit für ihren Berufs­ein­stieg gemacht wer­den. Herz­stück der Reform war die soge­nann­te Modu­la­ri­sie­rung. Hier­zu wur­de das gesam­te Stu­di­um in Modu­le, d. h. in Blö­cke von Lehr­ver­an­stal­tun­gen rund um ein The­ma geglie­dert. Inhal­te wer­den jetzt nicht mehr umfas­send behan­delt, son­dern auf ihre »unver­zicht­ba­ren Kern­be­stän­de« redu­ziert. Fer­ner wer­den wirt­schafts­kon­for­me »Lern- und Trans­fer­kom­pe­ten­zen« wie etwa Team­fä­hig­keit und Pro­jekt­ma­nage­ment gelehrt. Weil die Modu­la­ri­sie­rung die Dau­er des Stu­di­ums erheb­lich ver­kür­zen soll, sind Ver­tie­fun­gen des Stoffs nicht prü­fungs­fä­hig und wer­den daher auch nicht unter­rich­tet. Die Fol­ge war eine enor­me Inhalts­ver­ar­mung des Stu­di­ums. Den­noch wur­de gleich­zei­tig der Druck an den Uni­ver­si­tä­ten so hoch, dass seit der Reform jedes Jahr fast 30 Pro­zent aller Hoch­schü­ler ihr Stu­di­um abbre­chen. Der Bil­dungs­po­li­tik damit das Kunst­stück gelun­gen, die Stu­di­en­qua­li­tät zu ver­schlech­tern und zugleich die Stu­die­ren­den zu überfordern.

Alles in allem ist die stän­di­ge Bewer­tung auf Wirt­schaft­lich­keit seit den neo­li­be­ra­len Bil­dungs­re­for­men zum All­tag gewor­den. Bil­dungs­gän­ge sind jetzt nicht mehr dar­auf aus­ge­legt, die Erfas­sung kom­ple­xer Zusam­men­hän­ge zu ver­mit­teln oder kri­tik­fä­hi­ge Per­sön­lich­kei­ten zu ent­wi­ckeln. Statt­des­sen herr­schen Leis­tungs­het­ze und Zeit­knapp­heit. Dabei wer­den die jun­gen Men­schen nicht nur sys­te­ma­tisch über­for­dert, ihnen wird außer­dem jede Lust an der intel­lek­tu­el­len Erschlie­ßung der Welt genommen.

Peter Samol ist pro­mo­vier­ter Sozio­lo­ge und frei­er Jour­na­list, seit 2012 Redak­ti­ons­mit­glied bei »kri­sis«.

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