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Reizwort Gender

Geschlechterfragen werden zum Mobilisierungsfeld für rechte Politik. Ein wichtiger Akteur dabei: die selbsternannte »Männerrechtsbewegung«

  • Von Thomas Gesterkamp
  • Lesedauer: 11 Min.
Maskulinismus: Reizwort Gender

Anti­fe­mi­nis­ti­sche »Mas­ku­li­nis­ten« wol­len geschlechts­spe­zi­fi­sche Pri­vi­le­gi­en erhal­ten oder wie­der­her­stel­len. Sie ver­brei­ten Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen über einen angeb­li­chen »Umer­zie­hungs­staat«, der ein­sei­tig Frau­en för­de­re und bevor­zu­ge. Nach ihrer Inter­pre­ta­ti­on ist die Gleich­stel­lung der Geschlech­ter längst erreicht, benach­tei­ligt sei­en nun Män­ner und Jun­gen. Mas­ku­li­nis­ten sind vor allem online prä­sent, im rea­len öffent­li­chen Raum nut­zen sie eher eine Tak­tik der Ver­schleie­rung. Ihre Ver­ei­ne prä­sen­tie­ren sich gemä­ßigt, hei­ßen »Forum Sozia­le Inklu­si­on«, »Geschlech­ter­po­li­ti­sche Initia­ti­ve« oder »Arbeits­ge­mein­schaft zur Ver­wirk­li­chung der Geschlech­ter­de­mo­kra­tie«. Die Namen der Zusam­men­schlüs­se klin­gen harm­los, doch auf Web­sei­ten und in Netz­kom­men­ta­ren wird deut­lich, in wel­chem ideo­lo­gi­schen Spek­trum Mit­glie­der und Anhän­ger unter­wegs sind.

Das wich­tigs­te Reiz­wort dabei heißt »Gen­der«: Der eng­li­sche Begriff beschreibt die sozia­le Kon­stru­iert­heit von Geschlecht, einst wur­de er unter Beru­fung auf die Phi­lo­so­phin Judith But­ler, die an einer Uni­ver­si­tät im kali­for­ni­schen Ber­ke­ley lehrt, in die wis­sen­schaft­li­che Debat­te im deutsch­spra­chi­gen Raum ein­ge­führt. Schon seit 2015 ver­su­chen auch Män­ner­recht­ler, soge­nann­te »Gen­der-Kon­gres­se« durch­zu­füh­ren. Von den groß­spu­ri­gen Ankün­di­gun­gen im Inter­net, die Dut­zen­de von unter­stüt­zen­den Orga­ni­sa­tio­nen, Tau­sen­de von Besucher*innen und rie­si­ge Mes­se­ge­län­de als Tagungs­or­te ver­spra­chen, blieb am Ende aller­dings stets wenig übrig. Drei­mal fand die Ver­an­stal­tung statt­des­sen in äußerst über­schau­ba­rem Rah­men in Nürn­berg statt; zuletzt fiel sie, auch wegen Coro­na, ganz aus. Ein typi­sches Mus­ter war stets die Bit­te um wohl­wol­len­de Gruß­wor­te, gerich­tet an die loka­le Par­tei­pro­mi­nenz. Als sich unter den Ange­frag­ten her­um­sprach, dass der Tagungs­ti­tel ein Euphe­mis­mus ist und es sich fak­tisch um einen »Anti-Gen­der-Kon­gress« han­del­te, zogen vie­le ihre Zusa­ge zurück.

Ein­fluss der AfD

Kurz nach­dem die AfD 2016 erst­mals in den Land­tag von Sach­sen-Anhalt ein­ge­zo­gen war, erschien auf der Web­sei­te des Män­ner­recht­ler-Ver­eins »MANN­dat« ein Inter­view mit Hans-Tho­mas Till­schnei­der. Der neu gewähl­te AfD-Abge­ord­ne­te plä­dier­te für die Bei­be­hal­tung der tra­di­tio­nel­len fami­liä­ren Arbeits­tei­lung und für die Rück­nah­me eman­zi­pa­to­ri­scher Jus­tiz­re­for­men etwa im Schei­dungs­recht. Das ent­lar­ven­de Gespräch, in dem sich der mas­ku­li­nis­ti­sche Fra­ge­stel­ler Andre­as Krau­ßer und sein AfD-Part­ner über »ideo­lo­gisch ver­blen­de­te« Gegner*innen schnell einig waren, ist eher die Aus­nah­me als die Regel. Denn meist ver­su­chen Män­ner­recht­ler, sich poli­tisch unab­hän­gig dar­zu­stel­len, um in bür­ger­li­chen Krei­sen auf Akzep­tanz zu stoßen.

Ideo­lo­gisch pas­sen die ver­wen­de­ten Deu­tungs­mus­ter aller­dings bes­ser zur AfD. Deren Thü­rin­ger Frak­ti­ons­chef Björn Höcke moniert in dras­ti­schem Ton »steu­er­fi­nan­zier­te Gesell­schafts­ex­pe­ri­men­te, die der Abschaf­fung der natür­li­chen Geschlech­ter­ord­nung die­nen« – gemeint ist das gleich­stel­lungs­po­li­ti­sche Kon­zept des Gen­der Main­strea­ming auf euro­päi­scher und natio­na­ler Ebe­ne. In den Par­la­men­ten wit­tert die Par­tei seit Jah­ren eine angeb­li­che Män­ner­feind­lich­keit, gibt sich besorgt über die »Gefahr einer Spal­tung der Gesell­schaft durch Misandrie«: Ein »radi­ka­ler Femi­nis­mus« trei­be die »Ent­frem­dung zwi­schen den Geschlech­tern« voran.

AfD-Rechts­au­ßen Höcke beklagt zudem die feh­len­de »Mas­ku­lini­tät« deut­scher Män­ner. Sei­ne Appel­le, »mann­haft« und »wehr­haft« zu agie­ren, ste­hen his­to­risch in einer höchst pro­ble­ma­ti­schen Kon­ti­nui­tät. In der Wei­ma­rer Repu­blik arbei­te­te sich die deut­sche Rech­te an der frei­zü­gi­gen Atmo­sphä­re etwa des Ber­li­ner Nacht­le­bens ab, in deren Zuge die tra­di­tio­nel­le Männ­lich­keit ver­weich­licht wer­de. In dem von den Natio­nal­so­zia­lis­ten ange­zet­tel­ten Welt­krieg kämpf­ten deut­sche Män­ner dann »hart wie Krupp­stahl« für Frau­en und Kin­der. Auf sol­che mar­tia­li­schen Leit­bil­der beru­fen sich heu­te auch Terroristen.

Die »Man­no­sphä­re«

In Egoshoo­ter-Com­pu­ter­spie­len wer­den ima­gi­nä­re Geg­ner per Maus­klick umge­bracht. Die Täter im neu­se­län­di­schen Christ­church und im nor­we­gi­schen Oslo bega­ben sich aus der vir­tu­el­len in die rea­le Welt, mit mör­de­ri­schen Fol­gen. In Hal­le an der Saa­le film­te sich Ste­phan Bal­liet bei sei­nen Mor­den selbst im Live­stream. Sei­nem Ver­such des Ein­drin­gens in die Syn­ago­ge und den anschlie­ßen­den Hin­rich­tun­gen will­kür­lich aus­ge­wähl­ter Opfer konn­te man welt­weit zuschau­en. In Hanau töte­te Tobi­as Rath­jen migran­ti­sche Deut­sche ohne vir­tu­el­le Insze­nie­rung; doch auch er ver­sen­de­te ein digi­ta­les Mani­fest, war mit einem Blog online.

Die­se ver­meint­li­chen Ein­zel­kämp­fer sind nahe­zu immer Män­ner – und sie sind eben kei­ne ein­sa­men Wölf, son­dern ein­ge­bun­den in eine Hass-Com­mu­ni­ty, in der alle het­zen und einer schießt. Wie ihr Vor­bild Anders Brei­vik wol­len sie zu Hel­den wer­den, mög­lichst vie­le Fein­de töten. Ein ähn­lich hohes Gewalt­po­ten­zi­al haben die soge­nann­ten Incels, die Abkür­zung steht für »Invol­un­ta­ry Celi­ba­te«, unfrei­wil­li­ge Ent­halt­sam­keit. Unter dem zöli­ba­tä­ren Eti­kett tref­fen sich in zumeist US-ame­ri­ka­ni­schen Foren Män­ner mit fra­gi­lem Selbst­be­wusst­sein, die Pro­ble­me haben, ero­ti­sche Kon­tak­te zu Frau­en auf­zu­bau­en. Sie bekämp­fen den Femi­nis­mus, wol­len die Zei­ten zurück, in denen sie qua Geschlechts­zu­ge­hö­rig­keit das Sagen hat­ten. Wozu sexu­el­le Ent­täu­schung kom­bi­niert mit Frau­en­hass und gekränk­ter Männ­lich­keit füh­ren kann, zeig­te 2018 die Amok­fahrt im kana­di­schen Toron­to, als der 28-jäh­ri­ge Alek Min­assi­an im Lie­fer­wa­gen mit Absicht über einen Geh­weg ras­te und zehn Pas­san­ten töd­lich ver­letz­te. Kurz zuvor hat­te der Atten­tä­ter auf Face­book geschrie­ben: »Die Incel-Revo­lu­ti­on hat bereits begonnen.«

In der media­len Auf­ar­bei­tung sol­cher Anschlä­ge ste­hen häu­fig Juden­hass oder isla­mo­pho­be Moti­ve im Vor­der­grund. Doch schon Anders Brei­vik wet­ter­te in sei­nem über tau­send Sei­ten star­ken Mani­fest nicht nur gegen »Kul­turm­ar­xis­ten« und Geflüch­te­te, son­dern auch gegen den Femi­nis­mus; er ver­lang­te die Wie­der­her­stel­lung des Patri­ar­chats. Als Online­kom­men­ta­re 2011 nach den Mas­sen­mor­den in Nor­we­gen Scha­den­freu­de oder gar Sym­pa­thie für den Täter pos­te­ten, führ­te dies immer­hin zu Kon­tro­ver­sen inner­halb der »Man­no­sphä­re«. Eher mode­ra­te Stim­men wie der Blog­ger Arne Hoff­mann distan­zier­ten sich von sol­chen Äuße­run­gen. Die Män­ner­recht­ler prä­sen­tie­ren sich im Inter­net seit­her wider­sprüch­lich. Gemä­ßig­te und mili­tan­te Strö­mun­gen sind zwar wei­ter­hin gut unter­ein­an­der ver­netzt, gesell­schaft­lich aber wir­ken sie weit­ge­hend iso­liert und auf sich selbst bezogen.

Frust und Feindschaft

Ein wich­ti­ger Anknüp­fungs­punkt für mas­ku­li­nis­ti­sche Ten­den­zen ist der Frust von Män­nern nach einer Schei­dung. Größ­ter deut­scher Inter­es­sen­ver­band mit nach eige­nen Anga­ben rund 4000 Mit­glie­dern ist der »Väter­auf­bruch für Kin­der« (VafK). Einst pro­gres­siv auf­ge­stellt, for­der­te er nach sei­ner Grün­dung vor gut 30 Jah­ren ein ver­bes­ser­tes Sor­ge­recht, dane­ben aber auch ega­li­tä­re Geschlech­ter­rol­len und kür­ze­re Arbeits­zei­ten für Eltern. Doch die Fluk­tua­ti­on ist hoch, vie­le Inter­es­sier­te kom­men bei aku­ten per­sön­li­chen Pro­ble­men und ver­las­sen den Ver­ein wie­der, sobald sie die­se gelöst haben. Ein kla­res Pro­fil zu zeich­nen ist daher schwierig.

Der »Ver­band allein­er­zie­hen­der Müt­ter und Väter«, dem fak­tisch ganz über­wie­gend Müt­ter ange­hö­ren, begeg­net dem VafK mit gro­ßen Vor­be­hal­ten. Auch ande­re frau­en­po­li­ti­sche Grup­pen sind skep­tisch, schon weil Tren­nungs­vä­ter-Akti­vis­ten im öffent­li­chen Raum oft wenig diplo­ma­tisch oder gar aggres­siv auf­tre­ten. Der »Väter­auf­bruch« als Gan­zes war jedoch nie frau­en­feind­lich ori­en­tiert. Der Balan­ce­akt zwi­schen ehren­amt­lich geleis­te­ter Bera­tung und gesell­schaft­li­chem Enga­ge­ment ist typisch für vie­le Selbst­hil­fe­grup­pen. In jün­ge­rer Zeit ist aller­dings eine kla­re Fixie­rung auf das Tren­nungs­the­ma fest­stell­bar – und eine heik­le Nähe zu rechts­kon­ser­va­ti­ven Posi­tio­nen in ein­fluss­rei­chen Orts­ver­ei­nen. Schon 2006 hat­te sich der Schau­spie­ler Mathieu Car­ri­è­re bei einer Demons­tra­ti­on in Ber­lin ans Kreuz fes­seln las­sen: Unter dem rei­ße­ri­schen Mot­to »Schluss mit dem Krieg gegen Väter« sti­li­sier­te er sich zum Opfer müt­ter­li­cher Emanzipation.

Trotz sol­cher spek­ta­ku­lä­ren Aktio­nen: Der von anti­fe­mi­nis­ti­schen Kräf­ten ver­ein­nahm­te Begriff »Män­ner­rechts­be­we­gung« ist rei­nes Wunsch­den­ken. Bewe­gung klingt nach Gras­wur­zel, doch statt um orga­ni­sches Wachs­tum von unten han­delt es sich eher um das Ver­le­gen von Kunst­ra­sen. Der Mas­ku­li­nis­mus tobt sich vor­wie­gend in den Echo­kam­mern vir­tu­el­ler Stamm­ti­sche aus. Auf­fäl­lig oft wie­der­ho­len sich dort die Namen der Ver­fas­ser, für Online­kom­men­ta­re in gro­ßen Zei­tun­gen wer­den zusätz­lich Pseud­ony­me genutzt. Das Netz erzeugt so eine ver­zerr­te Wahr­neh­mung hoher Bedeut­sam­keit. Off­line dage­gen spie­len Män­ner­recht­ler kaum eine Rol­le; ihr Ver­such, Ein­fluss auf die staat­li­chen Kon­zep­te von Gleich­stel­lungs­po­li­tik zu gewin­nen, ist bis­her weit­ge­hend geschei­tert. Bedeut­sam aber bleibt die ideo­lo­gi­sche Ein­fluss­nah­me: Denn man­che Stand­punk­te, vor allem zum heik­len Tren­nungs­the­ma, sind über das rech­te Milieu hin­aus auch in der Mit­te der Gesell­schaft anschlussfähig.

Tho­mas Ges­ter­kamp dis­ku­tiert sei­ne The­sen auf der Fach­ta­gung »Anti­fe­mi­nis­mus auf dem Weg durch die Insti­tu­tio­nen« der Hein­rich-Böll-Stif­tung, die am 10. Mai in Ber­lin statt­fin­det. Mehr unter www.boell.de

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