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Auf der Suche nach der Empathie

Friedrich-Ebert-Stiftung präsentiert Ideen für Berlin von morgen

Die Beiträge der Veranstaltung wurden parallel in einem Erklärbild festgehalten.
Die Beiträge der Veranstaltung wurden parallel in einem Erklärbild festgehalten.

Firas Bari ist vor sechs Jah­ren aus Syri­en nach Ber­lin geflüch­tet. Der ledi­ge Mann lebt mit zwei ande­ren Migran­ten in einer Wohn­ge­mein­schaft in Mar­zahn, hat­te wäh­rend sei­nes Asyl­ver­fah­rens eine Aus­bil­dung zum Sani­tär-Instal­la­teur gemacht. Obwohl er in sei­ner alten Hei­mat nicht son­der­lich gläu­big war, ist er hier oft in der Moschee, vor allem wegen der sozia­len Kon­tak­te. Aus der eige­nen Erfah­rung – allein das Asyl­ver­fah­ren dau­er­te geschla­ge­ne drei Jah­re –, hilft er nun ande­ren Geflüch­te­ten ehrenamtlich.

Bari ist ein fik­ti­ver Mensch, eine von acht soge­nann­ten Per­so­nas, die von der SPD-nahen Fried­rich-Ebert-Stif­tung in einem mehr­jäh­ri­gen Work­shop­p­ro­zess ent­wi­ckelt wor­den sind, um einen mög­lichst brei­ten Quer­schnitt der Ber­li­ner Bevöl­ke­rung zu reprä­sen­tie­ren. Zu den ande­ren Per­so­nas gehö­ren der 47-jäh­ri­ge schwu­le Leh­rer Micha­el Neurat aus Char­lot­ten­burg oder die 28-jäh­ri­ge Allein­er­zie­hen­de Sabi­na Krau­se, die in Köpe­nick in der Plat­te wohnt und täg­lich andert­halb Stun­den Arbeits­weg zu ihrem Min­dest­lohn-Job hat.

Der zwei­te Schritt für die Stu­die »Wir in Ber­lin – Ideen für unse­re Stadt von mor­gen« war, sich nun vor­zu­stel­len, durch wel­che poli­ti­schen Maß­nah­men die­se Per­so­nas im Jahr 2040 auf sozia­len Auf­stieg und/oder mehr Lebens­zu­frie­den­heit bli­cken können.

Am Ende des knapp 60-sei­ti­gen Werks, das am Mitt­woch­nach­mit­tag in den Ber­li­ner Räu­men der Ebert-Stif­tung vor­ge­stellt wor­den ist, fin­den sich auch eini­ge kon­kre­te Hand­lungs­emp­feh­lun­gen, um bei­spiels­wei­se den Auto­ver­kehr bis zum Jahr 2040 zu hal­bie­ren. Dazu gehört ein deut­lich aus­ge­wei­te­ter Bahn- und Bus­ver­kehr zum Null­ta­rif für die Bevöl­ke­rung und Rad­spu­ren an allen Haupt­stra­ßen. Etwas kryp­tisch ist die Emp­feh­lung zur Woh­nungs­fra­ge. »Um bezahl­ba­ren und qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­gen Wohn­raum zu schaf­fen, emp­fiehlt es sich, aktiv in den Woh­nungs­markt zu inves­tie­ren und ihn gesetz­lich zu öffnen/regulieren«, heißt es da. Die kon­kre­ten Bei­spie­le ste­hen aber eher für Regu­lie­rung und Markt­ent­zug. Vor­ge­schla­gen wird »eine gesetz­li­che Regu­lie­rung von Immo­bi­li­en­spe­ku­la­ti­on« – ein gro­ßes Vor­ha­ben in einem klei­nen Satz. Beim Bau­en wird der »Ein­be­zug von Flo­ra und Fau­na in die Bebau­ungs­plä­ne« empfohlen.

Vie­les klingt eher nach dem Gegen­teil von dem, was die Regie­ren­de Bür­ger­meis­te­rin Fran­zis­ka Gif­fey (SPD) als poli­ti­sche Zie­le defi­niert. Der for­cier­ten Ver­kehrs­wen­de setzt sie immer wie­der eine Frei­wil­lig­keit, ein »Mit­ein­an­der« ent­ge­gen. Auch beim Bau­en setzt sie auf ein enges Bünd­nis mit der pri­va­ten Immobilienwirtschaft.

»Ich per­sön­lich glau­be, man wür­de da auch Leu­te auf sei­ne Sei­te brin­gen, auch wenn man erst mal schlech­te Nach­rich­ten hat, aber wenn man sagt: Das ist die gute Visi­on. Ich glau­be, dass Poli­tik da viel gewin­nen könn­te«, sagt Nora Lan­gen­ba­cher vom Lan­des­bü­ro Ber­lin der Ebert-Stif­tung bei der Ver­an­stal­tung am Mittwoch.

»Es ist Auf­ga­be einer gro­ßen Volks­par­tei, wie die Sozi­al­de­mo­kra­tie sie ist, Visio­nen zu ent­wi­ckeln und auf die Zukunft zu zei­gen. Aber Regie­rungs­ver­ant­wor­tung wahr­neh­men heißt, dass es nicht die Auf­ga­ben­tei­lung geben kann: Hier ist die Par­tei mit den guten Ideen und da ist die Regie­rung, die sich mit der Wirk­lich­keit her­um­schla­gen muss«, sagt Stadt­ent­wick­lungs­se­na­tor Andre­as Gei­sel (SPD) bei der Eröff­nung der Kon­fe­renz und gibt somit zu ver­ste­hen, dass er das allen­falls für net­te Ideen hält.

»Es war nicht eine Zuwan­de­rung in sozia­le Net­ze, son­dern eine Zuwan­de­rung in den Arbeits­markt.« Das ist für Gei­sel eine posi­ti­ve Aus­wir­kung des Bevöl­ke­rungs­zu­wach­ses. »Es sind auch Men­schen nach Ber­lin gekom­men, die über Geld ver­füg­ten und das hat die Nach­fra­ge nach attrak­ti­ven Woh­nun­gen erhöht und zu Druck­si­tua­tio­nen auf dem Woh­nungs­markt geführt«, sagt er zum The­ma Verdrängung.

Wegen des rus­si­schen Angriffs­kriegs gegen die Ukrai­ne und der Ankunft Geflüch­te­ter spricht Gei­sel davon, dass nach zwei Jah­ren »Atem­pau­se« wegen der Coro­na-Pan­de­mie nun »inner­halb weni­ger Wochen« Ber­lin wie­der um rund 54 000 hier gemel­de­te Men­schen gewach­sen ist. »Wir müs­sen uns dar­auf ein­stel­len, dass vie­le blei­ben wer­den«, so Gei­sel weiter.

»Wie kom­men wir schnell in den Woh­nungs­bau?« Die­se drän­gen­de Fra­ge müs­se man »offen­siv stel­len«, sagt Gei­sel. Wenn im Regie­rungs­pro­gramm das Ziel von 200 000 neu­en Woh­nun­gen in den nächs­ten Jah­ren ste­he, »dann wird man die auch sehen«, erklärt er. Die geführ­te Debat­te, dass man die Woh­nun­gen theo­re­tisch brau­che, »aber nicht bei mir«, sei immer schwie­rig gewe­sen. »Aber wir dür­fen uns nicht wegducken.«

Man müs­se »in die Höhe bau­en« und man dür­fe sich nicht viel Zeit las­sen, um wei­ter­hin auch im Zen­trum eine gemisch­te Bevöl­ke­rung zu haben, ist Andre­as Gei­sel über­zeugt. »Bezahl­ba­re Woh­nun­gen zu bau­en« und »kon­se­quen­ter Mie­ter­schutz« sei­en die Wege. Wie so oft in die­sem Zusam­men­hang spricht er vom gemein­sa­men »Unter­ha­ken« aller Akteu­re, auch mit der ren­di­te­ori­en­tier­ten Woh­nungs­wirt­schaft, im »Bünd­nis für Woh­nungs­neu­bau und bezahl­ba­res Woh­nen«. Die Fra­ge »Wem gehört die Stadt?«, die ein »poli­ti­scher Kon­kur­rent« gestellt habe, sei rich­tig, sagt der Sena­tor. Des­sen Ant­wort sei aber falsch. Es han­delt sich um das Wahl­kampf­mot­to 2016 der Ber­li­ner Linkspartei.

»Wir haben zwei Koali­ti­ons­part­ner, die uns nicht wohl­ge­son­nen sind, die uns per­ma­nent bekämp­fen«, sagt ein SPD-Genos­se in der spä­te­ren Dis­kus­si­on, als Gei­sel schon lan­ge weg ist. »Wir müs­sen ein­fach die Mei­nungs­füh­rer­schaft hier wie­der über­neh­men und dür­fen uns nicht von den Koali­ti­ons­part­nern trei­ben las­sen«, for­dert er. Im Bereich Woh­nungs­bau und Deut­sche Woh­nen & Co ent­eig­nen wer­de die SPD »in die Pfan­ne gehau­en« und mit den Pro­ble­men allein gelas­sen. Ähn­lich sei es bei den Grü­nen, die das The­ma Umwelt­po­li­tik »gut bespielen«.

»Beim The­ma Deut­sche Woh­nen & Co ent­eig­nen ist es nicht so, dass uns eine Par­tei treibt, son­dern eine Mil­li­on Men­schen haben für die Sache gestimmt, und damit müs­sen wir uns aus­ein­an­der­set­zen«, ent­geg­net Ingo Sie­bert von der SPD Mit­te. »Viel­leicht wäre es wich­ti­ger zu gucken: Wo haben wir Luft nach oben?«, so Sie­bert wei­ter. Bereits 2004 habe man auf­ge­schrie­ben, dass bestimm­te Milieus kei­ne ange­mes­se­ne Woh­nung im Innen­stadt­be­reich und dann auch in den wei­te­ren Berei­chen bekom­men wer­den. »Wir haben das aber dann nicht beach­tet.« Das The­ma Empa­thie, das über der Metho­de der Unter­su­chung ste­he, dür­fe nicht nur dafür eine Rol­le spie­len, son­dern auch im Umgang mit gesell­schaft­li­chen Grup­pen. »Ich glau­be, wir brau­chen einen ganz stark regu­lier­ten Woh­nungs­markt«, sagt der stu­dier­te Stadtsoziologe.

»Eine Per­so­na taucht in der Stu­die nicht auf, sie ist aber die gan­ze Zeit hier im Raum: Es ist die SPD«, sagt ein wei­te­rer Dis­kus­si­ons­teil­neh­mer, der kein Par­tei­mit­glied ist. Er arbei­tet für die Stadtmission.

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