Werbung

Das Unbehagen mit den Geschlechtern

Gefühl, Fiktion, Realität: Die Philosophin Kathleen Stock versucht, Klarheit in die Debatte um Transsexualität und Geschlechtsidentität zu bringen. Nach ihrem Rückzug von der Universität in Sussex ist nun ihr umstrittenes Buch »Material Girls« auf Deutsch erschienen

  • Von Theodora Becker
  • Lesedauer: 13 Min.
In ihrem Buch „Material Girls“ plädiert Kathleen Stock dafür, die unterschiedlichen Interessen von Frauen, Männern, Transfrauen und Transfrauen ernstzunehmen.
In ihrem Buch „Material Girls“ plädiert Kathleen Stock dafür, die unterschiedlichen Interessen von Frauen, Männern, Transfrauen und Transfrauen ernstzunehmen.

Kürz­lich war in einer schot­ti­schen Bou­le­vard­zei­tung ein Bericht über einen Exhi­bi­tio­nis­ten zu lesen, der sich vor Gericht ver­ant­wor­ten muss­te. Es han­del­te sich um einen ehe­ma­li­gen Sol­da­ten, der bereits wegen zahl­rei­cher Über­grif­fe, unter ande­rem auf ein min­der­jäh­ri­ges Mäd­chen, ver­ur­teilt und als »sex offen­der« regis­triert war. Auf den bei­gefüg­ten Fotos (bri­ti­sche Bou­le­vard­zei­tun­gen sind da nicht zim­per­lich) war eine männ­li­che Per­son zu erken­nen. Der Arti­kel aber ver­wen­de­te durch­ge­hend das weib­li­che Pro­no­men und den weib­li­chen Namen des Man­nes, der offen­bar in der Zwi­schen­zeit ein »gen­der reco­gni­ti­on cer­ti­fi­ca­te« erhal­ten hat­te und vor dem Gesetz als Frau gilt. Das klang so: »Eine in Glas­gow gebo­re­ne Trieb­tä­te­rin gab zu, ihren Penis ent­blößt und ein Sex­spiel­zeug ver­wen­det zu haben, als sie in der Öffent­lich­keit masturbierte.«

In die­ser Geschich­te ist alles ver­eint, was eini­ge Femi­nis­tin­nen der­zeit alar­miert. Die For­mu­lie­run­gen des Arti­kels erzeu­gen zunächst eine kogni­ti­ve Dis­so­nanz, indem die Pro­no­men der weib­li­chen Iden­ti­tät der beschrie­be­nen Per­son fol­gen, wäh­rend die­se dem Leser zugleich in jeder Hin­sicht als männ­lich erscheint – und dar­über hin­aus, gera­de für das weib­li­che Geschlecht, womög­lich als gefähr­lich. Sol­che Sprach­re­ge­lun­gen dro­hen, so befürch­ten es Kri­ti­ker, rele­van­te Unter­schie­de in der Rea­li­tät nicht mehr for­mu­lier­bar zu machen: Etwa den, dass weib­li­che im Gegen­satz zu männ­li­chen Ver­ge­wal­ti­gern eine Rari­tät sind. Oder dass Frau­en anders als Män­ner kei­nen Penis haben (von sehr sel­te­nen Fäl­len von Inter­se­xua­li­tät abge­se­hen und wenn sie sich nicht ope­ra­tiv einen ange­schafft haben). Zum ande­ren ergibt sich aus die­ser Geschich­te die prak­ti­sche und für das Leben von eini­gen Frau­en womög­lich nicht unwich­ti­ge Fra­ge, ob die­se Per­son, soll­te sie zu einer Haft­stra­fe ver­ur­teilt wer­den, in ein Frau­en­gefäng­nis kom­men sollte.

Streitfall Transsexualität

An Fäl­len wie dem ein­gangs geschil­der­ten ent­zün­det sich seit eini­gen Jah­ren in Groß­bri­tan­ni­en eine Debat­te um die geplan­te Reform des »Gen­der Reco­gni­ti­on Act«, des bri­ti­schen Trans­se­xu­el­len­ge­set­zes. Im Kern geht es dar­um, dass für die recht­li­che Aner­ken­nung eines Geschlechts­wech­sels kei­ne psy­cho­lo­gi­sche und medi­zi­ni­sche Begut­ach­tung und kei­ne vor­aus­ge­hen­de Pha­se des »Lebens im ande­ren Geschlecht« mehr not­wen­dig sein sol­len. Statt­des­sen soll es aus­rei­chen, wenn die betref­fen­de Per­son erklärt, dass sie sich als Frau bezie­hungs­wei­se Mann »fühlt«, was unter dem Schlag­wort »Self-ID« fir­miert. Dies folgt der Vor­stel­lung von einer inne­ren »Geschlechts­iden­ti­tät«, über die nur das Indi­vi­du­um Aus­kunft geben kön­ne und die nicht an objek­ti­vier­ba­ren medi­zi­ni­schen oder psy­cho­lo­gi­schen Kri­te­ri­en fest­ge­macht wer­den kön­ne. Das zielt auf eine Ent­pa­tho­lo­gi­sie­rung der Trans­se­xua­li­tät ab.

Die­ses Anlie­gen ist ver­ständ­lich, wirft aber auch Pro­ble­me auf, wie an dem zitier­ten Fall sicht­bar wird. Befür­wor­ter der Geset­zes­än­de­rung wer­fen den »gen­der­kri­ti­schen« Femi­nis­tin­nen, die sich bei ihrer Kri­tik unter ande­rem auf sol­che Fäl­le bezie­hen, vor, »trans­phob« zu sein. Sie wür­den mora­li­sche Hys­te­rie ver­brei­ten und Geschlecht als eine nor­ma­ti­ve Kate­go­rie behaup­ten, deren Kri­te­ri­en sie repres­siv fest­leg­ten, indem sie sich wei­ger­ten, anzu­er­ken­nen, dass »Trans­frau­en Frau­en sind«. Damit leug­ne­ten sie die »Exis­tenz« von Trans­per­so­nen oder woll­ten sie gar »aus­lö­schen«. Genau die­se Vor­wür­fe bekam unter ande­rem die bri­ti­sche Phi­lo­so­phin und Femi­nis­tin Kath­le­en Stock zu hören. Sie gip­fel­ten in einer regel­rech­ten Hass­kam­pa­gne, die dazu führ­te, dass sie im ver­gan­ge­nen Herbst ihre Pro­fes­sur an der Uni­ver­si­tät Sus­sex aufgab.

Eines der cor­pus delic­ti ihrer Denun­zia­ti­on als »trans­phob«, ihr im ver­gan­ge­nen Jahr erschie­ne­nes Buch »Mate­ri­al Girls«, ist nun ins Deut­sche über­setzt wor­den. Die Lek­tü­re sei jedem emp­foh­len, der ver­ste­hen möch­te, auf wel­chen Theo­rien die­se Vor­wür­fe basie­ren, und wor­um es in die­sen, als Debat­ten eher höf­lich umschrie­be­nen, Kämp­fen um Geschlecht, Iden­ti­tät und Aner­ken­nung eigent­lich geht. Denn Stock sor­tiert dar­in – gemäß der Metho­de der ana­ly­ti­schen Phi­lo­so­phie – erst ein­mal die Begrif­fe. Sie erwägt ver­schie­de­ne Ansät­ze zur Defi­ni­ti­on von »Frau«, »Geschlecht« und »trans« und ver­sucht, den ver­schie­de­nen Theo­rien zu »sex« und »gen­der«, zu bio­lo­gi­schem, sozia­lem oder inner­lich emp­fun­de­nem Geschlecht, einen kohä­ren­ten Sinn abzugewinnen.

Sol­che Begriffs­ar­beit ist die Vor­aus­set­zung, um über theo­re­ti­sche und prak­ti­sche Fra­gen der Geschlecht­lich­keit über­haupt sinn­voll strei­ten zu kön­nen. Und genau dar­um geht es ihr: Über die­se Fra­gen eine sach­li­che Aus­ein­an­der­set­zung zu füh­ren. Denn natür­lich bestrei­tet sie nicht die Inter­es­sen und Rech­te von Trans­per­so­nen, in gewis­ser Hin­sicht als Ange­hö­ri­ge des ange­nom­me­nen Geschlechts behan­delt und wahr­ge­nom­men zu wer­den. Aber wie weit geht die­ses Recht und gibt es kon­f­li­gie­ren­de Rech­te? Und auf wel­che Wei­se soll­te man ver­ste­hen, was bei einem Geschlechts­wech­sel genau pas­siert (und was nicht)? Und bedeu­tet die Aner­ken­nung die­ser Rech­te, dass die geschlecht­li­che »Iden­ti­tät« einer Per­son unhin­ter­frag­bar ist und man folg­lich schon Kin­der durch Hor­mon­ga­ben in ihrer »Trans­se­xua­li­tät« bestär­ken soll­te? Muss man nicht im Sin­ne der Betrof­fe­nen auch nach den Ursa­chen von geschlecht­li­cher Dys­pho­rie fra­gen, anstatt sie schlicht hinzunehmen?

Fiktion und Realität

Im Zen­trum von Stocks kri­ti­scher Unter­su­chung steht eben die seit eini­gen Jah­ren viru­len­te Vor­stel­lung einer inne­ren, nur dem Indi­vi­du­um zugäng­li­chen »Geschlechts­iden­ti­tät«, die als fun­da­men­ta­ler Bestand­teil der Per­sön­lich­keit zu begrei­fen sei. Auf sie wird zuneh­mend in Geset­zes­tex­ten und juris­ti­schen Ent­schei­dun­gen rekur­riert und sie droht dort die Bezug­nah­me auf das ange­bo­re­ne Geschlecht abzu­lö­sen. Stock argu­men­tiert dage­gen zunächst für die Rea­li­tät der bio­lo­gi­schen Zwei­ge­schlecht­lich­keit und für deren sozia­le Rele­vanz. Sie ver­weist vor allem auf die Medi­zin und den Sport, wo kör­per­li­che Unter­schie­de zwi­schen den Geschlech­tern eine Bedeu­tung haben, die nicht allein auf sozia­le Prä­gung zurück­ge­führt wer­den kann.

Ohne den Ver­weis auf bio­lo­gi­sche Geschlechts­un­ter­schie­de wäre nach Stock auch die Unter­drü­ckung des weib­li­chen Geschlechts his­to­risch nicht zu ver­ste­hen. Das heißt frei­lich nicht, dass sie unmit­tel­bar und also ohne gesell­schaft­li­che Ver­mitt­lung dar­aus folg­te oder gar dadurch legi­ti­miert wäre. Auf­grund die­ser sozia­len Rele­vanz brau­che man Begrif­fe, die die­sen Unter­schied bezeich­ne­ten: Stock schlägt »Frau« und »Mann« vor. Für die Fra­ge der Trans­ge­schlecht­lich­keit bedeu­tet das Fest­hal­ten am bio­lo­gi­schen Unter­schied zunächst, dass ein Wech­sel des Geschlechts im strik­ten Sin­ne nicht mög­lich ist: Man kann den eige­nen Kör­per zwar dem des ande­ren Geschlechts anglei­chen und die sozia­le Rol­le zu wech­seln ver­su­chen, aber in viel­fa­cher Hin­sicht bleibt der Kör­per einer des endo­ge­nen Geschlechts und auch die Geschich­te und die Erfah­run­gen des Indi­vi­du­ums (und ande­rer mit ihm) wer­den dadurch nicht unge­sche­hen gemacht. Trans­frau­en sind kei­ne Frau­en, aber Stock akzep­tiert, dass sie auch nicht ein­fach nur Män­ner sind, son­dern in man­cher Hin­sicht eine eige­ne Kate­go­rie bilden.

Die recht­li­che Aner­ken­nung der gewünsch­ten geschlecht­li­chen Iden­ti­tät sei, so Stock, daher nicht als Fest­stel­lung einer Rea­li­tät zu begrei­fen – »die­se Per­son ist eine Frau« –, son­dern als juris­ti­sche Fik­ti­on: Die­se Per­son ist in allen (oder eini­gen) rele­van­ten Hin­sich­ten wie eine Frau zu behan­deln. Ein sol­ches »Ein­tau­chen in eine Fik­ti­on« fin­de auch statt, wenn man trans­ge­schlecht­li­che Men­schen (die man als sol­che erkennt) mit dem gewünsch­ten Pro­no­men adres­siert, was Stock befür­wor­tet. Ihr geht es nicht dar­um, respekt­los zu sein oder zwang­haft auf das bio­lo­gi­sche Geschlecht zu ver­wei­sen, aber sie beharrt dar­auf, dass es in bestimm­ten Fäl­len not­wen­dig sein kann, dies zu tun. Dies als »hate speech« zu dif­fa­mie­ren, weicht nicht nur jeden Begriff von Gewalt auf, son­dern stellt selbst eine herr­schaft­li­che Pra­xis dar, um eine Fik­ti­on als ver­bind­lich durchzusetzen.

Widerspruch der Geschlechtsidentität

Vor allem kommt die Idee der »Geschlechts­iden­ti­tät« und die dar­auf beru­hen­de Vor­stel­lung von Trans­ge­schlecht­lich­keit ohne eine, min­des­tens nega­ti­ve, Refe­renz auf das bio­lo­gi­sche Geschlecht gar nicht aus: Wie soll man eine »nicht über­ein­stim­men­de Geschlechts­iden­ti­tät« haben, wenn es nichts gibt, womit sie in Kon­flikt ste­hen könn­te? Die Idee einer nur dem Indi­vi­du­um zugäng­li­chen, inner­lich fühl­ba­ren »Geschlechts­iden­ti­tät«, die wahl­wei­se von Geburt an fest­ste­hend oder flu­ide sein soll, aber in jedem Fall vom Ein­zel­nen ein­deu­tig gefühlt wird, bleibt ohne Bezug auf über­in­di­vi­du­el­le, auch von Drit­ten beob­acht­ba­re Tat­sa­chen bedeu­tungs­los. Was soll es hei­ßen, sich »als Frau« zu füh­len, wenn damit kei­ne wahr­nehm­ba­re Ent­äu­ße­rung ver­bun­den ist? Die The­se muss ent­we­der mys­ti­sche Annah­men über »weib­li­che« Gehir­ne in männ­li­chen Kör­pern machen, die sich selbst unmit­tel­bar als weib­lich wis­sen, oder aber das sozia­le Geschlecht mit dem bio­lo­gi­schen kurz­schlie­ßen: Der Wunsch, in der ande­ren Geschlechts­rol­le zu leben, sei gleich­be­deu­tend damit, im »fal­schen« Kör­per gebo­ren zu sein. Aber damit scheint der bio­lo­gi­sche Deter­mi­nis­mus, der Frau­en qua Geschlecht auf eine bestimm­te sozia­le Rol­le fest­legt, eher bestärkt als geschwächt.

Stock schlägt dage­gen vor, Trans­ge­schlecht­lich­keit nicht als schlich­te »Iden­ti­tät«, son­dern als eine unbe­wuss­te »Iden­ti­fi­zie­rung« mit Aspek­ten des ande­ren Geschlechts zu ver­ste­hen, die sich bio­gra­fisch ent­wi­ckeln und sehr unter­schied­li­che Grün­de haben kann: Als den mehr oder weni­ger stark aus­ge­präg­ten Wunsch, dem ande­ren Geschlecht anzu­ge­hö­ren. Der kann dazu füh­ren, eine voll­stän­di­ge Geschlechts­um­wand­lung, inklu­si­ve Hor­mon­ein­nah­me und Ope­ra­tio­nen anzu­stre­ben. Die­ses Ver­ständ­nis erlaubt es, eine Viel­zahl an bio­gra­fi­schen und psy­chi­schen Ursa­chen die­ser Iden­ti­fi­zie­rung anzu­neh­men und der Kon­flikt­haf­tig­keit jeder Geschlechts­ent­wick­lung Rech­nung zu tra­gen. Dies ist beson­ders ange­sichts der Zunah­me weib­li­cher (les­bi­scher) Jugend­li­cher, die sich als »trans« iden­ti­fi­zie­ren und den immer jün­ge­ren Kon­su­men­ten von Geschlechts­hor­mo­nen von Bedeu­tung. Viel­fach mag die Ursa­che der trans­se­xu­el­len Iden­ti­fi­zie­rung eher ein Unbe­ha­gen an der dem eige­nen Geschlecht zuge­ord­ne­ten Rol­len­er­war­tung zu sein als eine genui­ne Iden­ti­fi­ka­ti­on mit dem ande­ren Geschlecht.

Was heißt das nun für den ein­gangs erwähn­ten Fall? Erst ein­mal nicht mehr, als die Pro­ble­me, die in der juris­ti­schen Mög­lich­keit des Geschlechts­wech­sels lie­gen, anzu­er­ken­nen und die unter­schied­li­chen Inter­es­sen von Frau­en, Män­nern, Trans­frau­en und Trans­män­nern ernst­zu­neh­men, anstatt sie durch begriff­li­che Neu­de­fi­ni­tio­nen zum Ver­schwin­den brin­gen zu wollen.

Kathleen Stock: Material Girls. Warum die Wirklichkeit für den Feminismus unerlässlich ist. Edition Tiamat, 384 S., br., 26 €.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung