Clubkultur statt Autobahn

Es fehlt an politischer Anerkennung, viele Clubs müssen gegen Gentrifizierung kämpfen

  • Von Livia Sarai Lergenmüller
  • Lesedauer: 4 Min.
Wer darf rein und wer nicht? Menschen stehen an der Tür des Clubs
Wer darf rein und wer nicht? Menschen stehen an der Tür des Clubs "Kitkat" in Mitte an.

Wie kann eine solidarische, emanzipatorische Clubkultur aussehen? Wie lässt sich der Kampf gegen Gentrifizierung mit der Förderung von Clubs verbinden? Und inwieweit sollte die Politik dabei eingreifen? Unter dem Titel »Wem gehört die Nacht?« diskutierten Vertreter*innen der Clubkultur diese Fragen am Montagabend im Club »About Blank« am Ostkreuz. Eingeladen hatte Niklas Schenker, Sprecher für Clubkultur der Berliner Linksfraktion.

Die Berliner Clublandschaft ist weit über die Grenzen der Hauptstadt hinaus bekannt. Mit fast 10.000 Beschäftigen und einem jährlichen Umsatz von über 200 Millionen Euro ist sie auch wirtschaftlich nicht wegzudenken. Dennoch fällt die Unterstützung der Politik traditionell zurückhaltend aus. »Hochkultur wie die Oper wird ohne Ende gefördert, etliche andere Kulturinstitutionen, die für viele wichtige Orte sind und massenhaft besucht werden, erfahren jedoch nicht annähernd die Anerkennung«, bemängelt Schenker.

Und auch die fortschreitende Gentrifizierung macht vor dem Nachtleben nicht Halt. »Clubsterben« ist seit langem ein geläufiger Begriff. Zunehmend werden selbst große Institutionen in Randbezirke verdrängt. Gleichzeitig kämpft man mit internen Problem: Fälle, wie der zuletzt viral gegangene Vorwurf von Nicholas Rose, der an der Tür des »Revier Südost« Rassismus und Queerfeindlichkeit erfuhr, zeigen immer wieder auf, dass sich marginalisierte Menschen auch in den vermeintlichen Freiräumen der Clublandschaft nicht sicher fühlen können.

Auf der Bühne im »About Blank« diskutiert Schenker mit Marcel Weber von der Berliner Clubcommission, Klara vom Kollektiv des Clubs »Menschmeier«, Jen, die im queeren »Schwuz« an der Tür arbeitet, und Eli Michiel alias DJ Senu vom Partykollektiv »Slic Unit«, das es sich zum Auftrag gemacht hat, Perspektiven von Schwarzen Menschen und People of Color im Nachtleben zu stärken.

Moderatorin Julia Lorenz, Redakteurin beim Magazin »tip Berlin«, stellt zuerst die Frage nach Sensibilität und Solidarität innerhalb der Clubs. »Wie viel Ausschluss braucht oder verträgt das Nachtleben?«, will sie wissen. »So viel wie nötig und so wenig wie möglich«, findet Marcel Weber. Das Panel ist sich größtenteils einig darin, Clubs so inklusiv es geht gestalten zu wollen. Ausgeschlossen werden sollten Menschen nur dann, wenn dafür drastische Gründe vorliegen. Leider liegen, gerade an der Tür, »Menschenkenntnis und Vorurteil nah beieinander«, meint Jen, die selbst am Einlass des »Schwuz« arbeitet. Diskriminierungssensibel zu arbeiten sei daher ein stetiger Prozess.

Hier seien in der Pandemie jedoch große Fortschritte gemacht worden. Auch angetrieben durch die wachsende Black-Lives-Matter-Bewegung im Jahr 2020 habe man während der corona-bedingten Schließungen Zeit für Selbstreflexion gehabt. Awarenesskonzepte, die ein möglichst solidarisches und sicheres Feiererlebnis schaffen sollen, finden unter Veranstalter*innen zunehmend größere Resonanz. Nun gelte es zu schauen, »ob sich dieses Bewusstsein langfristig auch auf das Feierpublikum auswirkt«, sagt Eli Michiel.

Auch die Finanzierung ist für viele Clubs eine Herausforderung. Staatliche Förderung könnte eine langfristige Lösung sein. Aus DJ-Perspektive, erklärt Michiel, seien geförderte Veranstaltungen im Grunde die einzigen Gigs, bei denen sie angemessen verdiene. Auch das »Menschmeier« zahle bessere Gagen, seit es im Zuge der Pandemie gefördert wird, erklärt Klara. Trotzdem seien staatliche Subventionen und Förderungen aus Clubperspektive schwierig, da sie den Freiraum der Veranstalter*innen gefährden könnten. Eigentlich habe das Menschmeier-Kollektiv »natürlich nie mit dem Staat zusammenarbeiten« wollen, sagt Klara.

Niklas Schenker findet, dass es Clubs auf politischer Ebene an Anerkennung fehle. 2019 ging von Berlin eine Bundesratsinitiative aus, die Clubs als Kultureinrichtungen anerkennen will. Damit würden sich vor allem die bauplanungsrechtlichen Kategorien ändern und Clubs könnten besser geschützt werden. Auf Bundesebene steht die Umsetzung jedoch noch aus.

Insofern müssen Clubs auch gegen die drängende Gentrifizierung verteidigt werden. »Eine sinnvolle Entscheidung wäre schon mal, keine neue Autobahn mitten durch die Stadt zu bauen«, bemerkt Marcel Weber von der Clubcommission. Damit bezieht er sich auf den geplanten Ausbau der A100, der das »About Blank« weichen müsste. Doch auch kleinteiligere Maßnahmen werden diskutiert: Niklas Schenker schlägt etwa vor, Lärmschutzmaßnahmen von denjenigen finanzieren zu lassen, die neue Wohnungen neben einem Club bauen wollen. Wichtig sei auch die persönliche Begegnung mit Anwohner*innen. So arbeitet das »Schwuz« eng mit dem benachbarten Seniorenheim zusammen. Niklas Schenker verspricht, sich in seiner Amtszeit sowohl für die Stärkung von Clubs als auch für den gemeinsamen Kampf gegen Gentrifizierung einzusetzen.

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