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Resterampe der Sozialdemokraten

»Der Tartuffe oder Kapital und Ideologie« ist der Versuch einer Neoliberalismuskritik – die sich als Banalität entpuppt

Es raunt nach Weltverschwörung:
Es raunt nach Weltverschwörung: "Der Tartuffe oder Kapital und Ideologie"

Eine Altbauwohnung windet sich durch die Jahrzehnte. Zwischen Stuckdecke und abgerissener Tapete spuken darin die aufgegebenen Träume der 68er. Beginnend in den 80er Jahren, entwickelt sich die Mischung aus Hippie-Kommune und revolutionärer Zelle in einen durchrenovierten Start-up-Space. Die Hanf-Pflanzen auf dem Dach weichen einem ausgebauten Loft, polygame Beziehungsmodelle werden aufgegeben, und Punk-Attitüde wechselt den Platz mit Business-Chic.

Mit dem Auftauchen Tartuffes ändert sich die Atmosphäre in der arbeitsscheuen Wohngemeinschaft. Orgon, auf dem das Privateigentum an einer Wohnung schwer lastet, erkennt, dass er sich mit ein paar Mietzahlungen das Leben erleichtern kann. Seine Freunde, gibt ihm Studienfreund Tartuffe ein, sollen sich eine Anstellung suchen. Denn mit Meditation und Lesekreisen lässt sich keine Nebenkostenabrechnung begleichen. Dieser BWLer aus den USA scheint ein windiger Typ zu sein. Lose entspricht er dem Moliere’schen Vorbild. Dieses vermengte Soeren Voima – hinter dem Pseudonym verbirgt sich Dramaturg Christian Tschirner – in »Der Tartuffe oder Kapital und Ideologie« mit den Einsichten des Wirtschaftswissenschaftlers Thomas Piketty.

Der von Philipp Grimm gespielte Manipulator treibt die ökonomische Entwicklung hin zu mehr Privatisierung, Immobilienspekulation und Verschuldung an. Seine vermeintlich visionären Vorschläge treffen bei Orgon, dargestellt von Jannik Hinsch, auf offene Ohren. Nur einen kleinen Schubs braucht der Sozialdemokrat und Erbe, um sich für den Abbau des Sozialstaats einzusetzen. Das stärkt die Wirtschaft, meint Tartuffe, während er rechte akzelerationistische Ideen verbreitet. Wer bei der beschleunigten Akkumulation auf der Strecke bleibt, sagt er, sei selbst schuld. Rasant durch die Jahrzehnte führt der Abend, getrieben auch vom sich ständig drehenden Bühnenbild, gestaltet von Cary Gayler. Alles läuft auf die Finanzkrise zu, deren Mechanismen die Mieter des Hauses Orgon erneut durchlaufen. Wohneigentum ist im Trend, damit sie es sich leisten können, bietet Tartuffe Kredite an. Schließlich platzt die Blase und nur der Heuchler bleibt als Profiteur zurück.

Die Inszenierung von Volker Lösch am Staatsschauspiel Dresden versucht sich an einer Kritik des Neoliberalismus. Ein paar Spitzen gegen die SPD und das Dogma der Selbstverbesserung treffen, doch in der Figur des Tartuffe steckt eine Vorstellung des Finanzkapitals, das parasitär die Geschicke der Weltwirtschaft steuert. Der Abend ist Antiimperialismus at its worst. Im Laufe der Inszenierung wird der böse Spekulant immer dicker, bis er im aufgeblasenen Fatsuit herumspringt und sich über seinen großen Geldschatz freut. Die Darstellung ruft das antisemitische Stereotyp vom »Geldjuden« auf und verbindet sich mit Antiamerikanismus. Denn Tartuffe entpuppt sich auch noch als ehemaliger CIA-Agent, der auf der Bühne in Cowboystiefeln und Bolo Tie das Wild-West-Klischee gibt. Keine noch so gute schauspielerische Leistung kann diese inhaltlichen Mankos ausgleichen. Es raunt nach Weltverschwörung.

Mit dem Tod des Heuchlers, den sein eigenes Kind in den Fahrstuhlschacht stößt, endet das Schauspiel, aber nicht der Abend. Die Schauspieler*innen stellen sich nacheinander an den Bühnenrand und geben eine Piketty-Vorlesung. Mit erhobenem Zeigefinger machen sie sich zu Gebrauchtwarenhändlern der Sozialdemokratie. »Bidens Plan für eine globale Mindeststeuer ist die revolutionärste Idee unserer Zeit.« Schreien, das viel zu dicke »Kapital und Ideologie« werfen oder einfach rausstürmen? Was tun bei solchen Sätzen?

Das 20-minütige Referat aus der »Bibel für Umverteilungspolitiker« schlägt Reformen vor, ist dabei aber keineswegs antikapitalistisch und verzichtet trotz des irreführenden Titels auf Marx’sche Einsichten. Inspiriert von visionären Ideen wie einer progressiven Besteuerung, wählte die Jury des Berliner Theatertreffens die Inszenierung aus, um von Verteilungsgerechtigkeit und »ökonomischer Moral« zu träumen. Für jene, die schon einmal »Das Kapital« des 19. Jahrhunderts gelesen haben, ist der Abend schwer zu ertragen.

Vorstellungen im Rahmen des Theatertreffens: 21. und 22. Mai
www.berlinerfestspiele.de

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