Nicht allein Putins Schuld

Weltweit steigen die Preise für Agrargüter. Das liegt am Krieg, am Klima und an Marktmechanismen

  • Von Stephan Kaufmann
  • Lesedauer: 6 Min.
Nahrungsmittelkrise: Nicht allein Putins Schuld

»Der russische Angriff auf die Ukraine«, meldete die »Tagesschau« diese Woche, »hat den Preis für Weizen stark steigen lassen.« Denn zerstörte Infrastruktur, blockierte Häfen und Lager behinderten die Ausfuhren des wichtigen Weizenexporteurs Ukraine. Die Folge sei wachsender Hunger in der Welt. Tatsächlich haben sich Agrarrohstoffe seit Kriegsbeginn stark verteuert. Die Gründe dafür sind allerdings vielfältig – Russland allein kann keine globale Nahrungsmittelkrise auslösen. Und aus den steigenden Preisen folgt auch nicht automatisch eine Hungersnot. Denn Essen ist bislang genug da.

Laut Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) hat »Russland sich entschieden, den Krieg gegen die Ukraine als Kornkrieg gegen viele Staaten der Welt insbesondere in Afrika auszuweiten«. Durch Russlands Handeln fielen Lieferungen aus, stiegen Preise – »es droht brutaler Hunger«. Dies sei kein Kollateralschaden, so Baerbock, »das ist ein ganz bewusst gewähltes Instrument in einem hybriden Krieg«.

Im Gefolge des Krieges erreichte der Nahrungsmittelpreisindex der UN-Organisation FAO im März einen weiteren Rekord und blieb im April auf hohem Niveau. Dies liegt jedoch nicht allein an Russlands Angriff auf die Ukraine. Zwar stehen beide Länder für ein Viertel aller Weltweizenexporte, eine enorme Menge. Allerdings wird Weizen global gesehen kaum gehandelt, das meiste wird in den Produktionsländern konsumiert. »Es wird derzeit geschätzt, dass durch den Krieg etwa sieben Millionen Tonnen Weizen ausfallen«, so die US-Agrarökonomin Sarah Taber auf Twitter. Die globale Produktion allerdings betrug im vergangenen Jahr 778 Millionen Tonnen. »Der kriegsbedingte Ausfall entspricht also nur 0,9 Prozent der Weltproduktion.«

Und trotz des Krieges wird die Produktion dieses Jahr laut FAO auf 784 Millionen Tonnen steigen. Hierbei sind Ausfälle aus Russland und der Ukraine bereits eingerechnet. Sie werden mehr als überkompensiert durch bessere Ernten unter anderem in Südamerika und Südafrika. Weizen ist in dem Sinne aktuell nicht knapp. Gegenwärtig sei davon auszugehen, »dass bis Ende 2022 angebotsseitig hinreichend Ware global verfügbar ist und diese auch weitgehend die Zielländer erreicht«, schreibt der Agrarökonom Thomas Glauben im Fachmagazin »Wirtschaftsdienst«.

Dennoch, so Glauben, sei die internationale Versorgungslage »angespannt«, was die Preise steigen lässt. Dass sie Rekordniveaus erreichen, liegt daran, dass der Preistrend schon seit einiger Zeit nach oben weist. Zwischen 2015 und 2020 dümpelte der FAO-Nahrungsmittelpreisindex bei Werten zwischen 93 und 98. 2021 schoss er auf 126 und bis kurz vor dem Krieg auf 136. Ursachen waren Lieferkettenprobleme, Missernten und eine globale Nachfrage, die durch den Post-Corona-Wirtschaftsboom in die Höhe getrieben worden war. »Schon seit Herbst 2021 übersteigen die Weltmarktpreise für Agrarrohstoffe wie Getreide und Pflanzenöle die Hochpreisniveaus der Nahrungskrisen vor gut einem Jahrzehnt«, erklärt Glauben. Diese Lage wurde mit dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine nur noch verstärkt.

Preistreibend wirkt also weniger akuter globaler Mangel an Agrargütern, sondern die Unsicherheit über die Zukunft. Genährt wird diese Unsicherheit durch den Ukrainekrieg, noch nicht hinreichend funktionierende Lieferketten, einen steigenden Importbedarf speziell in China und Afrika sowie durch höhere Kosten für Vorleistungen und Rohstoffe.

Dazu kommen Klimawandel und Wetterphänomene: Derzeit haben Farmer im Mittleren Westen der USA mit extremer Trockenheit zu kämpfen. »Alles westlich des Mississipi braucht Regen«, zitiert die Agentur »Bloomberg« Aaron Harries vom Kansas Wheat Innovation Center. In China wird die Weizenernte durch ungewöhnliche Überschwemmungen gefährdet, Indien erlebt eine Hitzewelle. Chinas Importbedarf könnte daher steigen, Indien hat die Weizenausfuhr untersagt. Die FAO erwartet aufgrund von Konflikten und Extremwetterereignissen einen fünfprozentigen Rückgang der Getreideproduktion in jenen 47 ärmsten Ländern, die ohnehin mit Nahrungsmittelknappheit zu kämpfen haben. Damit wächst auch ihr Importbedarf.

Wie angespannt die Situation ist, zeigte sich nachdem Indien sein Exportverbot bekanntgemacht hatte. An den Terminbörsen in Chicago sprang der Weizenpreis um sechs Prozent in die Höhe, obwohl Indien global gesehen gar kein bedeutender Weizenexporteur ist.

Über die steigenden Preise »drosseln die Agrarmärkte derzeit die Nachfrage, so dass noch hinreichend Ware über die kommenden Monate bis zur nächsten Ernte lieferbar ist«, erklärt Glauben. Auch wenn keine fundamentalen angebotsseitigen Engpässe im Weltgetreidehandel für 2022 zu erwarten seien, dürften sich infolge des zusätzlichen Preisauftriebs die Versorgungslücken vor allem in Nahost und Afrika 2022 verschärfen. In diesen Regionen herrsche dann tatsächlich »Knappheit im Sinne der Bezahlbarkeit«. Weizen ist zwar da, aber er ist teuer. Wer ihn sich leisten kann, der ordert jetzt auf Vorrat, was die Teuerung verstärkt, ebenso wie die Finanzspekulation auf Agrarrohstoffe. »Man nimmt an, dass die Spekulanten bis zu 30 Prozent am Markt beteiligt sind und die Preise entsprechend hochtreiben«, so der Berner Ökonom Gunter Stefan.

Davon profitieren die Exportländer von Agrarrohstoffen. Katastrophal wirkt die Teuerung dagegen für ärmere Regionen, in denen Weizen das wichtigste Grundnahrungsmittel ist und die vom Import abhängig sind – speziell von russischem und ukrainischem Weizen. »Dies betrifft Ägypten, Libyen, Mauretanien, Sudan, Tunesien, Libanon und Jemen mit einer Gesamtbevölkerung von knapp 200 Millionen Menschen«, so Glauben. Sie seien jetzt schon einem erhöhten Risiko der Unterernährung ausgesetzt, auch weil die Umstellung auf andere Lieferländer Zeit und Geld benötige, insbesondere in Zeiten überlasteter Lieferketten, die die Verschiffung immer teurer machen. US-Agrarökonomin Tober ist der Ansicht, es gebe »keine Weizenkrise auf der Welt, sondern eine Transportkrise – auch an der kann man sterben.«

Zwangsläufig ist die Hungersnot allerdings nicht. Denn erstens ist alles eine Frage des Geldes, das vor allem den hochverschuldeten Ländern fehlt. Zweitens sind große Reserven vorhanden, schreibt US-Klimaforscher und -Geophysiker Gideon Eshel auf »Bloomberg«: Allein die USA und Kanada verfügten über 44 Millionen Tonnen Weizen in ihren Speichern. Selbst unter Herausrechnung der Bestände Russlands und der Ukraine liegt das Verhältnis von globalen Lagerbeständen und globalem Verbrauch mit 28 Prozent deutlich über der kritischen Grenze von knapp 20 Prozent.

Daneben kritisiert Eshel, dass in Westeuropa und Nordamerika Millionen Tonnen von Getreide als Viehfutter dienten. Der rentableren Viehproduktion opfere die Welt Weizenbestände, die ein Mehrfaches der Ausfälle aus Russland und der Ukraine ausmachten. Laut Zahlen des Ex-Linkspartei-Abgeordneten Jan van Aken produziert die Ukraine jährlich 26 Millionen Tonnen Weizen. Rund 160 Millionen Tonnen Getreide habe allein die EU im Wirtschaftsjahr 2021/2022 als Viehfutter verwendet, davon rund 39 Millionen Tonnen Weizen.

Und schließlich fordern die unterbliebenen Maßnahmen gegen die Klimakatastrophe ihren Preis: Wurden früher wetterbedingt schlechte Ernten in einer Weltregion durch bessere Ernten andernorts ausgeglichen, so wächst mit dem Klimawandel die Gefahr, dass viele Regionen gleichzeitig betroffen werden. Laut einer Studie der Universität Oxford von 2019 kommt es bei einer globalen Erwärmung um 1,5 Grad Celsius im Durchschnitt alle 16 Jahre vor, dass weltweit fünf Getreideregionen gleichzeitig ausfallen. Bei einem Anstieg der Durchschnittstemperatur um 2,0 Grad Celsius besteht diese Gefahr alle zwei Jahre. »Das zunehmend vernetzte globale Nahrungsmittelsystem wird durch die Erwärmung immer anfälliger für Produktionsschocks«, so die Wissenschaftler. Auch aus diesem Grund mahnt Glauben, die Ukraine und Russland müssten künftig »integraler Teil des agrarischen Welthandelssystems bleiben. Ihre hohen Produktions- und Exportmöglichkeiten stärken das Sicherheitsnetz des Agrarhandels.«

Die drohende Agrarkrise hat also viele Ursachen, der russische Krieg in der Ukraine ist nur eine davon. »Wenn, wie vorhergesagt, Millionen bald an Hunger leiden werden, wird es sich weniger um eine ’Putin-Hungersnot’ handeln«, meint Eshel, »sondern um eine Hungersnot, die entsteht, weil die reichen Nationen sich dazu entschieden haben, sie nicht zu verhindern.«

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